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Essay
08/25/2021

Zum Tod des Drummers der Rolling Stones: "Charlie is good tonight"

Charlie Watts' Ableben ist nicht nur das Ende eines Musikers, sondern vielleicht auch das Ende einer großen Band und damit einer noch größeren Ära der Musikgeschichte.

von Bernhard Hanisch

Sein Blick streift über das unendliche Meer der Köpfe, verheddert sich in der Leere, die dem Betrachter jede Unterstellung erlaubt. Ist ihm wirklich alles scheißegal? Geht ihm die hysterische Masse tatsächlich auf die Nerven? Hat er sich noch immer nicht an die Schlampigkeiten seines Tempomachers gewöhnt, der schmutzig grinsend und liebenswürdig ungelenk schon seit Jahrzehnten die möglichst lässigste Verbeugung probiert?

Charlie Watts hat gerade artgerecht Schlag um Schlag einen Moment verzögert, Paint It Black untermalt, sieht gelangweilt aus, legt die Drumsticks auf den Schoß, hat keine Chance, sich hinter dem traditionell sparsam ausgeführten Aufbau seines Instruments zu verschanzen. Keith Richards umarmt die Welt, und Mick Jagger, wie immer Verlierer gegen seinen Bewegungsdrang, fordert ein Lebenszeichen von der verlässlich präzisen Rhythmusmaschine. Charlie versucht zu lächeln und sagt: „Hello“, und Jagger spielt der johlenden Menge seine Verwunderung vor: „Er spricht sogar.“

Die Stones ziehen auf der Bühne ihre Nummer ab. Ein klares in wenigen Worten gefasstes Abbild ihrer Beziehung. Eine aus grundverschiedenen Typen bestehende Bande, ins Urgestein gemeißelte Legenden, die verbliebenen Säulen der – gemessen an ihrer breit gefächerten Werkschau, an ihrem unsterblich scheinenden Durchhaltevermögen – größten Rockband der Musikgeschichte.

Trennen konnte sie in fast 60 Jahren kein noch so heftiger Streit, kein zum Ritter geschlagener Mick Jagger, kein Schuss zu viel in Keith Richards’s Armbeuge, nicht die am Grund seines Swimmingpools vorweggenommene Trennung von Brian Jones (1969), auch nicht die freiwillig ausgeschiedenen Bill Wyman (1993) und der durch Ron Wood ersetzte Mick Taylor (1974).

Endzeitstimmung

Mitsammen haben sie den Soundtrack vieler Leben geschaffen. Verehrt, aufmüpfig revolutionär ließen die Stones den Rock ’n’ Roll und ihren Blues zuerst in der englischen Biederkeit explodieren, überschwemmten Europa und dann die ganze Welt. So verbrachten sie die letzten Jahre zumeist als ein durch Stadien tourendes Erinnerungsspektakel, von Konzert zu Konzert näherte sich das eigentlich schon Mitte der Siebziger angekündigte Ende.

Und Charlie? Der zeigte sich im feinen Zwirn, las Bücher, suchte zwischendurch auf der Welser Messe nach Pferden für sein Gestüt, rührte in einer kleinen Boogie-Woogie-Combo den Rhythmus an. Die Hektik bei den Rolling Stones nahm er stoisch zur Kenntnis. Der verhinderte Jazzmusiker liebte weniger das, was er tat, umso mehr, mit wem er es tat: „Ich hätte nie gedacht, dass es auch nur fünf Minuten dauern würde, aber ich dachte mir, dass ich diese fünf Minuten bis zum Ende ausleben würde, weil ich sie liebe. Ich könnte mich jederzeit zurückziehen, aber ich weiß nicht, was ich täte, wenn ich damit aufhören würde. Ich würde wahrscheinlich verrückt werden.“

Charlie Watts konnte es nicht verhindern, aufhören zu müssen. Er starb am vergangenen Dienstag im hohen Alter von 80 Jahren und hinterlässt millionenfach durchlebte Trauer. Und Ratlosigkeit. Was geschieht jetzt mit den Rolling Stones, dieser unkaputtbaren Institution?

Entscheidungshilfe

Keith Richards stellte einst die makabere Regel auf: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten, die Stones zu verlassen. Entweder man wird gefeuert oder im Sarg.“ Charlie Watts hat sich entschieden und in seiner Seelenruhe dem Rest der Bande eine Entscheidungshilfe gegeben. Nämlich die Gelegenheit zu ergreifen, das Rollen der Steine in größter Würde zu beenden. Ein anderer am Schlagzeug? Nur eine unter dem starken Verdacht der Gewinnsucht und Lächerlichkeit pendelnde Irritation.

Watts ist unersetzbar, genau wie dies für Jagger, Richards und wahrscheinlich auch Ronnie Wood zu gelten hat. Es wird sich verschmerzen lassen, wenn die Stones nicht mehr auf die mit immer wiederkehrenden Standards vollgestopften Monstertouren gehen. Und überhaupt, sie klingen auf Vinyl schon längst viel besser, ein fein zerhacktes Brown Sugar, ein hingerotzter Stray Cat Blues oder das zum Weltschmerz einladende Memory Motel.

So genügt die ewige Erinnerung an jenen Abend, an dem Mick Jagger auf den Mann zeigt, der hinter ihm in die Leere starrt und ganz einfach sagt: „Charlie is good tonight.“

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