© dpa/Tobias Hase

Kultur Zugabe
09/20/2018

Wie sich ORF, Sky und Servus TV am Serienmarkt behaupten (wollen)

Die Programmverantwortlichen der heimischen Sender über Eigenproduktionen und internationale Konkurrenz.

von Christoph Silber, Nina Oberbucher

Katharina Schenk, ORF

Lange  war der ORF der einzige heimische Fernsehsender, der österreichische Serien produzierte.  Mittlerweile sind Player wie ServusTV oder Sky dazugekommen – und auch neue Partner. So kooperieren ORF und Streaming-Anbieter Netflix etwa bei der Serie „Freud“: „Sigmund Freud ist tief mit Österreich verwurzelt, genauso wie die Geschichte, die wir in dieser Serie erzählen werden“, sagt ORF- Fernsehfilmchefin Katharina Schenk

Auch bei den anderen neuen Serien, die neben „Freud“ im Entstehen sind, liegt der Fokus darauf, „spannende Produkte aus Österreich für Österreich zu kreieren“. Etwa bei „Walking on Sunshine“ mit Robert Palfrader und Proschat Madani, „Erbschaftsangelegenheiten“ (Arbeitstitel) mit Johannes Zeiler und Brigitta Kanyaro sowie David Schalkos Adaption von Fritz Langs Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Aber auch mit „alten Bekannten“ wird es ein Wiedersehen geben: Eine vierte Staffel „Vorstadtweiber“ ist in Arbeit und eine Fortsetzung von „Schnell ermittelt“ (die sechste Staffel läuft aktuell auf ORFeins) entwickelt. 

Im Idealfall kommen diese Serien nicht nur beim heimischen Publikum gut an, sondern verkaufen sich über die Landesgrenzen hinaus: „Wenn die Geschichte universell ist, kann sie auch reisen. Erstaunlicherweise ist es so, dass eine Produktion umso leichter vom ausländischen Publikum akzeptiert wird, je spezifischer sie im Regionalen verwurzelt ist. Vielleicht weil das eine Form von Exotik ist.“ Erfolgreiche Österreich-Exporte seien vor allem Krimis. „Das ist einfach ein Genre, das überall funktioniert“, weiß Schenk.

Seit knapp 20 Jahren ist sie im ORF im Bereich Serien tätig. Und in der Zeit habe sich einiges verändert: Die „klassische Familienserie“ – wie „Schlosshotel Orth“ oder „Der Winzerkönig“ – gebe es heute in der Form nicht mehr. „Das waren die großen öffentlich-rechtlichen Flaggschiffe“, erzählt Schenk.  Aufgekommen ist das horizontale, also das über mehrere Folgen gehende Erzählen einer Handlung – „was es z. B. bei ,Schnell ermittelt’ und ,CopStories’ ermöglicht, eine Ebene nach vorne zu kehren und das Publikum ins Privatleben der Figuren blicken zu lassen.“
Geheimrezept für eine gute Serie sei das aber keines. „Ich denke, das Wichtigste sind Figuren, die aufregend sind und die vielleicht auch eine außergewöhnliche Haltung zum Leben haben. Und natürlich braucht es eine gute Story. So einfach das auszusprechen ist – so herausfordernd ist es aber auch, das hinzubekommen.“  

Zur Person: Im Frühjahr übernahm Schenk die Leitung der  ORF-TV-Hauptabteilung Fernsehfilm und folgt damit Heinrich Mis nach. Schenk war zuvor als Ressortleiterin für Serien und Reihen im ORF tätig. Nun ist sie für die Auftrags- und Eigenproduktionen  im Bereich Filme und Serien zuständig sowie für im Rahmen des Film- /Fernseh-Abkommens geförderte Kinoproduktionen.

Christine Scheil, Sky Österreich

Mit „Babylon Berlin“ wagte sich Sky  erstmals an eine eigene deutschsprachige Serienproduktion. Die gemeinsam mit der ARD realisierte Krimiserie wurde vergangenes Jahr erstmals beim Bezahlsender ausgestrahlt, ab 30. September ist die Geschichte über das Berlin der 20er Jahre auch im ORF zu sehen. Bei den Sky-Kunden sei die Serie bereits sehr gut angekommen, berichtet Christine Scheil, im Frühjahr hat es dafür auch eine ROMY gegeben. „Davon beflügelt wollen wir weitermachen “, sagt Scheil über die kommenden Serienprojekte – und die zeichnen sich auch durch österreichische Beteiligung aus: Im Herbst läuft „Das Boot“unter der Regie von Andreas Prochaska („Das finstere Tal“) aus. Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“) macht „Acht Tage“, Nicholas Ofczarek und die  epo-film sind bei „Der Pass“ dabei.

„Der Schwerpunkt der Arbeit – vor allem bei der Entwicklung und Betreung von Drehbüchern – ist in Deutschland“, erzählt Scheil. „Wir sehen den österreichischen und deutschen aber als einen gemeinsamen Markt. Deshalb stimmt sich das Team in Deutschland auch mit meinen österreichischen Kollegen ab, damit wir einen starken Österreich-Bezug haben.“ Eine rein österreichische Produktion in der Größenordnung von „Babylon Berlin“ – die ersten beiden Staffeln wurden auf einmal gedreht und haben rund 40 Millionen Euro gekostet – sei nicht zu erwarten. „Das muss sich ja auch für Sky rechnen. Bei jeder Eigenproduktion denken wir deshalb  auch an den Verkauf. Das heißt, die deutschsprachige Serie muss das Potenzial haben, international zu performen.“ Man sei aber generell für alle Kooperationen offen – so wie Sky bei „Babylon Berlin“ mit der ARD zusammengearbeitet hat, sei auch ein gemeinsames Projekt mit dem ORF denkbar. „Es müssen natürlich die Rahmenbedingungen, die Themen und die Erzählweise stimmen, damit so ein Projekt auch für Pay-TV geeignet ist“, erklärt Scheil.  Sky biete „große horizontale Geschichten, die über eine sehr lange Dauer erzählt werden. Im Free-TV funktionieren Serien mit abgeschlossenen Folgen besser, weil sie dort wöchentlich ausgestrahlt werden.“

Bei der Entwicklung neuer Serienstoffe kann Sky das Wissen über seine Abonnenten nutzen: „Wir kennen unsere Kunden recht gut“, so Scheil. „Wir können für jede Zielgruppe ganz spezifisch Serien-Unterhaltung produzieren – und das auf sehr hohem Niveau.“ Der Stellenwert von Serien steht für Scheil außer Zweifel – das  zeige auch die Nachfrage der Sky-Nutzer: „Serien sind das neue Kino.“

Zur Person: Seit 2015 ist Scheil Geschäftsführerin von Sky Österreich. Zuvor war sie bei Sky Deutschland und der ProSiebenSat.1 Media AG tätig. Der Bezahlsender Sky  hat rund 5,2 Millionen Abonnenten in Deutschland und Österreich, 400.000 davon in Österreich. Zum Angebot gehört neben klassischem Bezahlfernsehen mit „Sky Ticket“ auch ein Streaming-Dienst.

Ferdinand Wegscheider, ServusTV

Als noch kleiner Sender stemmt ServusTV Großes:  Noch bis Ende September lauf die Dreharbeiten  für die bereits zweite eigenproduzierte Serie   „Meiberger – Im Kopf des Täters“. In Salzburg und Wien gedreht, erzählt  sie Geschichten rund um einen Gerichtspsychologen und Zauberkünstler. Die Besetzung  ist mit  Fritz Karl, Cornelius Obonya, Ulrike C. Tscharre, Hilde Dalik und Otto Schenk hochkarätig. Die acht Folgen  werden  noch heuer gezeigt.

„Eigenproduzierte Fiction ist  ein Gustostück. Es gibt uns die Möglichkeit, unser  Profil als Sender beim  Publikum zu schärfen und somit auch im fictionalen Bereich  einen USP zu setzen“ erklärt Sender-Chef Ferdinand Wegscheider. Ein Alleinstellungsmerkmal sind „Meiberger“ und, zuvor, „Trakehnerblut“ jedenfalls – ServusTV ist bisher der einzige heimische Private, der solches wagt.

Warum ist das so? „Natürlich kostet eigenproduzierte Fiction nicht wenig Geld. Und das ist  – das hat  rundfunk-historische Hintergründe – für einen österreichischen Privatsender einfach schwierig,  für solche Produktionen aufzustellen. Denn auf dem primären  Weg, also über Werbung, kann man diese Kosten nicht hereinverdienen“, erläutert Wegscheider.
Also muss es u. a. über den Weiterverkauf geschehen. Bei „Trakehnerblut“ waren die Erfahrungen  diesbezüglich positiv, sagt der frühere Rundfunk-Pirat.    Das achtteilige Familiendrama um Macht, Liebe und Intrige rund um ein Trakehner-Gestüt lief auch bei der ARD und Amazon Prime Video und wurde zudem in die Schweiz und nach Italien verkauft.    Dazu braucht es keinen  Programmhändler, sondern „das machen wir direkt“.

„Meiberger“ und „Trakehnerblut“ zeigen auch  die Richtung bei ServusTV. Wegscheider: „Es darf keine austauschbare Allerweltsfiction sein  und es muss als allererstes eine typisch österreichische Note haben. Dazu muss es unseren relativ hohen Qualitätsansprüchen,  entsprechen.“ Die Qualität  von Meibergers Zauber-Kunst kann Wegscheider übrigens selbst einschätzen – er tritt hin und wieder als „Mystical Fernando“ auf. „Ich bin im besten Fall ein Zauberlehrling“, meint er schmunzelnd.

Serien will ServusTV auch künftig produzieren. „Das haben wir definitiv vor. Fiction soll ein wesentliches Element bleiben. Vielleicht sogar noch stärker werden, das hängt natürlich auch bei uns vom Erfolg ab. Wir hatten schon  mit unserem Erstlingswerk ,Trakehnerblut’ beachtlichen Erfolg, nun hoffen wir natürlich auch bei ,Meiberger’ auf  gute Quoten.“

Zur Person: Als Intendant lenkt Ferdinand Wegscheider ServusTV seit  2016, davor war er dort ab 2014 für die Information verantwortlich. Wegscheider, der nach dem Studium beim ORF als Journalist startete, gilt als Rundfunk-Pionier in Österreich und ewiger Streiter gegen das ORF-Monopol. 1995 gründete er mit SalzburgTV den ersten Privatsender in Österreich.

 

 

 

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