John Magaro als Cookie führt liebevolle Gespräche mit einer Milchkuh: „First Cow“

© Polyfilm

Filmstarts
07/01/2021

Filmkritik zu Kelly Reichardts "First Cow": Cookie, King-Lu und die Kuh

Zwei Außenseiter melken heimlich eine Kuh, Benedict Cumberbatch wird Spion, Bob Odenkirk Actionheld und Horror-Agenten dringen in Körper ein

von Alexandra Seibel

Blockbuster macht sie keine. Die Filme von Kelly Reichardt bieten das genaue Gegenteil von schnellen oder gar actionreichen Geschichten. Ihre Filme stehen für „slow cinema“ und eröffnen ganz eigene Welten: Sie streifen durch weite Landschaften und erzählen von gesellschaftlichen Grenzgängerinnen – oft mit Michelle Williams in der Hauptrolle.

Kelly Reichardt ist die Königin des US-Independent-Kinos und eine der erlesensten Filmemacherinnen unserer Zeit. Wer ihre Arbeiten kennt, weiß um ihren verhaltenen, minimalistischen Regiestil – und ihre Liebe zu Western. In „Meek’s Cutoff“ (2010) hat Reichardt einen ungewöhnlichen Blick auf eine Siedlergruppe geworfen; in „First Cow“ konzentriert sie sich auf zwei Gold suchende Außenseiter in Oregon.

Reichardt ist eine Spezialistin für Landschaften, besonders für die Wälder Oregons. Dort lassen sich auch in unserer Gegenwart Geschichten finden, die in die Vergangenheit führen.

Zu Beginn von „First Cow“ geht eine junge Frau mit ihrem Hund am Flussufer spazieren, als das Tier zu graben beginnt. Die Besitzerin kommt näher und gräbt mit: Was sie findet, sind zwei Skelette, die dicht nebeneinander in ihrem Erdbett liegen, als würden sie kuscheln. Das Bild ist unglaublich berührend – und plötzlich befinden wir uns 200 Jahre zurückversetzt, in die Vergangenheit von 1820.

Trapper schlagen sich durch die spätherbstliche Landschaft Oregons, während der Koch der Gruppe, ein gewisser Cookie, krampfhaft den Wald nach Früchten durchforstet. Bei seiner Pilzsuche trifft er auf King-Lu, einen nackten Chinesen auf der Flucht. Zwischen den Außenseitern entspinnt sich eine Freundschaft.

Schneebesen

In einem Western von Kelly Reichardt sieht man keine herausgeputzten Frontier-Städtchen mit rustikalen Saloons, sondern Holzhütten, die im Schlamm versinken und von frauenlosen, dreckigen Männern bewohnt werden. Auch Cookie und King-Lu hausen in so einer Bretterbude und verbringen die Tage mit Holz hacken, Wäsche waschen und Socken stopfen. Ihr Traum: Ein Hotel in San Francisco, wo Cookie, gelernter Bäcker, seine Kochkünste verwirklichen kann.

Als plötzlich eine Kuh beim Nachbarn auf der Wiese steht, haben die beiden eine geniale Geschäftsidee: Des Nachts melken sie heimlich das Tier, fabrizieren damit runde Küchlein, die aussehen wie gebackene Mäuse und verkaufen sie der begeisterten Dorfgemeinschaft („Schmeckt wie zu Hause!“).

Jedes Mal, wenn Cookie die Kuh zum Melken besucht, führt er liebevolle Gespräche mit ihr („Tut mir leid, dass du deinen Mann verloren hast“); zum Teig anrühren nimmt er ein Bündel Reisig und gibt damit dem Wort „Schneebesen“ neue Anschaulichkeit.

Reichardt ist eine Meisterin des Details und entwirft in innigen Bildern eine (historische) Welt zum Angreifen. Mit großer Zärtlichkeit nimmt sie sich der Geschichte zweier kleiner Habenichtse und deren Sehnsüchte in einer entzauberten Western-Welt an. In ihrem herzzerreißenden Schlussbild verdichtet sich noch einmal hingebungsvoll ein Gedicht von William Blake, das dem Film als Motto vorangestellt wurde: „Dem Vogel ein Nest, der Spinne ein Netz, dem Menschen – Freundschaft.“

INFO: USA 2019. 122 Min. Von Kelly Reichardt. Mit John Magaro, Orion Lee, Toby Jones

Filmkritik zu "Der Spion": Der Langweiler, der nach Moskau kam

Ein James Bond ist er nicht. Schon eher ein Langweiler, der aus der Kälte kam.  Orville Wynn ist Vertreter und  wird als britischer Spion nach Moskau geschickt. Er ist der Inbegriff männlicher Unscheinbarkeit – und daran kann auch ein Benedict Cumberbatch wenig ändern. Mit seinem   Schnurrbärtchen,   Hut und  Staubmantel sieht Cumberbatch   als Greville Wynne aus wie ein Mann, dessen Gesicht man sich nicht merken kann. Und genau das ist seine Waffe.

Diesen Greville Wynne gab es wirklich. Auf seinen Erlebnissen während  des Kalten Krieges beruht die gediegene, wenngleich nicht übermäßig einfallsreiche Inszenierung von (Theater-)Regisseur Dominic Cooke.
Wynne wird nach Moskau geschickt, um Kontakt mit  Agenten Oleg Penkovsky (Merab Ninidze)  aufzunehmen. Zwischen den  Männern entwickelt sich eine  Freundschaft, die bald  auf eine harte Probe gestellt wird.  Cumberbatch und Ninidze sind   herausragend und geben dem   in düsteren Blaugrau- und Brauntönen gehaltenen, Prestige reichen Spannungsdrama hohen Unterhaltungswert.

INFO: GB 2020. 110 Min. Von Dominic Cooke. Mit Benedict Cumberbatch, Merab Ninidze

 

Filmkritik zu "Nobody": Braver Familienvater ist doch nicht so brav

Bob Odenkirk, der Mann aus „Better Call Saul“ und „Breaking Bad“, hat sich mit „Nobody“ den Traum vom Actionhelden erfüllt.

Wer glaubt, Hutch Mansell,  treuer Ehemann und Vater von zwei Kindern, könne keiner Fliege was zuleide tun, irrt. Dabei schafft er es offensichtlich nicht einmal,  Einbrecher in die Flucht zu schlagen. Er ist ein Niemand, ein „Nobody“ – das denken alle von ihm, vor allem sein Sohn. Doch Hutch Mansell ist nicht der, der er zu sein vorgibt. In nur wenigen Filmminuten verwandelt er sich vom niedergeschlagenen Vorstadt-Vater in einen rasenden, bestens  ausgebildeten Killer und bricht im Akkord die Nasen der russischen Mafia.

Regisseur Ilya Naishuller drehte seinen blutrünstigen Actionfilm,  dessen Handlung weit jenseits der Wahrscheinlichkeit liegt, in flottem Tempo und mit großem Gusto an einem hohen Bodycount. Sollte jemandem das organisierte Verbrechen auf den Fersen sein ...  Better Call Bob Odenkirk.

INFO: USA /JPN 2021. 92 Min. Von Ilya Naishuller. Mit Bob Odenkirk, Aleksey Serebryakov

Filmkritik zu "Possessor": Agentin, die in andere Körper eindringt 

David Cronenbergs Sohn Brandon hat einen dystopischen Thriller gemixt, in dem alles verschwimmt. Auch die Psyche seiner Protagonistin.

Tasya Vos ist eine Agentin, deren Geist mithilfe spezieller Technologien in die Körper anderer Menschen eindringen und sie steuern kann. Bis hin zum Mord. Sie arbeitet für eine  Geheimorganisation, die  alle Menschen zu lebenden Waffen machen kann.

Diesen Cyber-Thriller, der eiskalt mit einem Themen-Kanon spielt, der im Zuge der zunehmenden Digitalisierung mehr und mehr zu unserem Alltag gehört, verortet Brandon Cronenberg in einer alternativen Gegenwart. In oft schwer erträglicher Brutalität zeigt er, wie sich der Terrorismus der Möglichkeiten psychischer Inbesitznahme mithilfe von Technologie bedienen könnte.  So entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der es keinerlei Gewissheit mehr gibt, wer man ist und wer nicht.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: CAN/GB 2020. 103 Min. Von Brandon Cronenberg. Mit Andrea Riseborough, Jennifer Jason Leigh

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