© Andreas Fogarasi & BILDRECHT

Kultur
01/30/2020

Wo Gebäude sich entkleiden, macht Andreas Fogarasi Kunst

Für die Kunsthalle Wien schuf der Künstler ungewohnte Vorher-Nachher-Ansichten in Form von Material-Paketen

von Michael Huber

Kleider machen Leute, Verkleidungen machen Bauten. Dass ein neues Bürogebäude, eine Bahnhofshalle oder auch ein Alm-Hotel sein Inneres preisgibt, ist in einer Gegenwart, in der die Struktur  eines Gebäudes meist in Stahlbeton oder Plattenbauweise hochgezogen wird, eher die Ausnahme. Doch wenn Nutzer ausziehen, ziehen sich die Gebäude um: Statt Marmorplatten kommt dann  Lochblech, statt braun eloxiertem Aluminium getöntes Glas  – wie etwa am runderneuerten Bau des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger in Wien-Landstraße.

Es ist eines jener Gebäude, die der Künstler Andreas Fogarasi für seine aktuelle Schau „Nine Buildings, Stripped“ in der Kunsthalle Wien am Karlsplatz – zu sehen nur noch bis Sonntag – künstlerisch „verarbeitet“ hat. In einer langwierigen Recherche suchte der Wiener Künstler, der 2007 für seine Gestaltung des Ungarn-Pavillons den Goldenen Löwen der Venedig-Biennale gewann, Materialien aus signifikanten Bauwerken, die entweder um- oder abgerissen und neu gebaut wurden: Darunter war auch der alte Südbahnhof und sein Nachfolgebau, der „Erste Campus“, das durch einen Wohnturm ersetzte Cineplexx-Kino neben der Reichsbrücke und ein Gründerzeit-Wohnhaus in Wien-Rudolfsheim.

  Fogarasis  Kunstwerke sind zunächst Materialpakete, in denen stellvertretend einige Proben der Bauten  von „Vorher“ und „Nachher“ miteinander verschnürt sind. Sie wollen aber auch als Bilder an der Wand oder – in einem Fall – als frei stehende Skulptur gesehen werden. Wer sich darauf einlässt, vermag Bezüge zur abstrakten Kunst zu erkennen, denkt womöglich an den „Homage to the Square“ des Bauhaus-Künstlers Josef Albers oder Constantin Brancusis Sockel-Säulen-Konstrukte.

Fogarasi geht es nicht zuletzt darum, den materiellen Umbrüchen in der Stadt Form zu verleihen. Museen würden sich – wenn überhaupt – auf ikonische Gebäudeteile stürzen, sagt er – so habe sich das Wien  Museum etwa den Schriftzug des Südbahnhofs gesichert. Den Umbau des  Museums selbst – das 50er-Jahre-Gebäude am Karlsplatz wird ja derzeit adaptiert –  begleitet der Künstler übrigens auch. Dabei geht es ihm allerdings nicht um Nostalgie, wie er betont: Das Ziel sei „ein kritisches Nachdenken darüber, wer die Stadt gestaltet“.