Seit 1997 ist Wladimir Kaminer in Sachen Russendisko unterwegs. Seine Frau Olga sagt ihm jedes Jahr, dass es nun genug sei mit dem DJ-Dasein, aber ...

© APA/BRITTA PEDERSEN

Wladimir Kaminer
04/11/2014

"Heute bin ich Nationalverräter"

Der Kultautor und "Russendisko"-Erfinder über Putin und den Rest der Welt.

von Barbara Mader

Ein Interview mit Wladimir Kaminer kann leicht ausarten. Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste.

Der aus Moskau gebürtige Berliner Erfolgsautor hat zu vielem eine Meinung. Gerne auch kontroversiell.

Er scheibt charmante, meistens sehr lustige, durchaus gescheite Bücher über alles mögliche. Literatur, Kochen, Gärtnern, Karaoke. Meist mit politischen Kommentaren versehen und immer vor dem Hintergrund seiner russischen Herkunft. Seine Bücher heißen "Onkel Wanja", "Es gab keinen Sex im Sozialismus" oder "Küche totalitär – das Kochbuch des Sozialismus.

Mindestens so berühmt hat ihn die Musik gemacht: Sein Projekt "Russendisko" begann in den 90ern als Party, um das Klischee von der "russischen Seele" zu vernichten. Fast 20 Jahre später lebt das Klischee immer noch, und Kaminer, 46, legt noch immer Platten auf.

Am Freitag liest Kaminer im Wiener Rabenhof aus seinem neuen Buch "Diesseits von Eden: Neues aus dem Garten" (Manhattan, 18,50 €).

Der KURIER traf ihn zum Gespräch über Schrebergärten, Russendisko und Krim-Krise. Eine Meinung gehabt hätte er auch zu folgenden Themen: künstliche Befruchtung, Udo Jürgens, moderne Malerei und die wesentlichen Unterschiede zwischen Österreich und England. Vielleicht ein anderes Mal.

KURIER: Herr Kaminer, Sie haben 1997 die Russendisko erfunden und legen heute immer noch Platten auf. Hat sich das nicht längst totgelaufen?

Wladimir Kaminer: Ich kann diese Musik schon nicht mehr hören. Jedes Jahr sagt meine Frau Olga: Wir müssen aufhören, dieses DJ-Dasein ist nur mehr peinlich. Ich kann das aber nicht, weil die Russendisko eine immer neue Dimension bekommt. Erst jetzt hatten wir in Berlin eine Russendisko nur mit ukrainischer Musik, um ein Zeichen des Friedens zu setzen.

In Ihrem neuen Buch sprechen Sie von sich als "Mensch mit Migrationshintergrund". Wie definieren Sie das?

Jeder hat Migrationshintergrund. Jeder wurde von irgendwo vertrieben. Das fängt beim Garten Eden an. Meine Familie und ich wurden aus unserem Schrebergarten vertrieben wegen Problemen mit spontaner Vegetation.

In Deutschland sind Sie "Mensch mit Migrationshintergrund". Was sind Sie, wenn Sie nach Russland reisen?

Das ändert sich ständig. Heute bin ich wohl ein Nationalverräter. So heißen neuerdings die Menschen, die europäische Werte proklamieren, die eine russische Welt jenseits Europas nicht akzeptieren. Wenn ich russische Journalisten zu Hause habe, muss ich vorsichtig sein. Sie fragen sich immer, ob ich etwas verheimliche. Ob ich ein Vertreter oder ein Verräter bin.

Sie schreiben, Sie seien privat Russe, beruflich deutscher Schriftsteller. Aber eigentlich sind Sie auch beruflich Russe, das ist eines Ihrer Hauptthemen.

Das haben jetzt Sie gesagt. Aber ja, ich bin sozialisiert worden in einem Land, das es nicht mehr gibt. Wer zum Teufel erinnert sich noch an die Sowjetunion? Das einzige, was bleibt, sind die Geschichten der Menschen. Also bin ich in deren Vertreter!

Wie gefährlich ist Putin?

Er ist für die Russen gefährlich, nicht für die Welt. Er versucht, Russland zurückzusteuern. Ein Freund hat Russland mit einem alten Panzer verglichen, der auf der Strecke geblieben ist. Der Treibstoff war aus, die alten Ideen vom sozialistischen Aufbau interessierten niemanden mehr. Man hat mit allem Möglichen versucht, ihn wieder in Bewegung zu setzen. Mit europäischen Werten, mit Modernisierung, es war alles für die Katz. Dann hat man einen Tropfen Nationalismus hinein getan, ein paar patriotische Formeln gesagt und der Panzer erwachte wieder.

Ist das auch das Rezept, mit dem sich so viele Russen in der Ukraine mobilisieren lassen?

Die Pro-Russische Partei auf der Krim hat es immer schon gegeben, sie hatte aber nie mehr als vier Prozent. Doch jetzt: Der Präsident als Sammler der russischen Welten – das sorgt für Stimmung. Doch sie kapieren nicht, dass dieses Sammeln der Welten heute nicht mehr so attraktiv ist wie zur Zeit Alexander des Großen, als Kolonisierung einen wirtschaftlichen Nutzen hatte: Länder erobern, Menschen versklaven Bodenschätze rauben. Heute aber muss Putin für die Krim-Bewohner Renten bezahlen. Die Krim ist ein Kurort, die Hälfte der Einwohner ist alt. Die Russen haben eine Verdreifachung der Renten versprochen, deshalb haben die gleich zugestimmt.

Sollte sich Europa also nicht so viele Sorgen machen?

Doch, Europa soll sich Sorgen machen. Das bleiben ja unsere Nachbarn. Man darf sich nicht von Leuten abwenden, nur weil sie sich schlecht benehmen.

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