Kultur
27.05.2017

Michael Haneke im Interview: "Wir sind einer Tragödie nicht würdig"

Der zweifache Palmengewinner Michael Haneke über "Happy End" und sein Interesse an reichen Kleinbürgern.

Michael Haneke gehört zu den wenigen Menschen, die auf dem Filmfestival von Cannes bereits zweimal die Goldene Palme gewonnen haben. Mit seinem unterkühlten Familienporträt "Happy End" ging er heuer erneut in den Wettbewerb, der Sonntag Abend zu Ende geht.

In "Happy End" erzählt der österreichische Regisseur von einer großbürgerlichen Familie in Calais, die sich ausschließlich mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, während vor ihrer Haustür die Flüchtlingskrise tobt.

Wie zuletzt in dem Sterbedrama "Amour", für den Haneke 2012 die Goldene Palme gewann, spielen wieder Stars wie Jean-Louis Trintignant und Isabelle Huppert eine wichtige Rolle.

Ein Gespräch mit Michael Haneke über die Ignoranz unserer Gesellschaft und warum wir uns selbst nicht mehr Ernst nehmen können.

KURIER: Herr Haneke, seit Ihrem letzten Film "Amour" sind fünf Jahre vergangen. Warum hat es solange gedauert?

Michael Haneke: Ja, gute Frage, das war sehr ärgerlich. Ich habe nach "Amour" ziemlich schnell einen neuen Film (mit dem Titel "Flashmob", Anm.) geschrieben, für den wir aber die Finanzierung nicht zustande brachten. Damit habe ich zwei Jahre verloren. So eine lange Pause ist mir in den letzten zwanzig Jahren nicht passiert. Und es war keine Pause, sondern ein Warten – unangenehmerweise.

Es gab Finanzierungsprobleme, obwohl Sie gerade die Goldene Palme gewonnen hatten?

(Lacht): Es wäre ein Koproduktion mit Amerika gewesen, und ich glaube, meine europäischen Produzenten hatten Angst, zu viel Geld zu verlieren. Sie haben das Projekt nicht wirklich betrieben – das ist meine böse Meinung darüber. Und dann habe ich auch für die Hauptfigur keine ideale Besetzung gefunden. Es ging um die Geschichte eines Paares – einer jüngeren Frau, die schwer übergewichtig ist, und einem Mann, den Forest Whitaker hätte spielen sollen. Ich habe diese Frau aber nicht gefunden. Es ist schwierig, Schauspielerinnen zu finden, die 120 Kilo haben und jung sind.

In "Happy End" erzählen Sie von einer großbürgerlichen Familie und deren Problemen, während die Flüchtlingskrise stark im Hintergrund bleibt. Warum?

Ich kann keinen Film über Immigranten machen, weil ich zuwenig über sie weiß. Ich habe weder mit ihnen gelebt, noch bin ich selber einer. Es wäre frivol und wie so manche Fernsehfilme gewesen, die sich ein wichtiges Thema vornehmen und sagen: Wir machen einen Film darüber, egal, ob wir etwas davon verstehen oder nicht. Wovon ich aber sehr wohl etwas verstehe, ist von unserer Haltung gegenüber Immigranten. Und davon handelt auch "Happy End". Es ist nicht mein erster Film zu diesem Thema: "Code inconnu", "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" und "Caché" – das sind alles Arbeiten, die indirekt auch mit Migration zu tun haben.

Weil Sie gerade Ihre anderen Filme erwähnen: Bei "Happy End" hat man genau das Gefühl, dass Sie Themen von Ihren früheren Werken aufgreifen. Haben Sie das gezielt gemacht?

Nein. Es ist immer derselbe Kopf, der diese Filme macht, deswegen kommen natürlich immer ähnliche Sachen heraus. Aber ich habe nicht den geringsten Ehrgeiz, mich selbst zu zitieren. Ich glaube, dass man diesen Vorwurf vielen Leuten macht, die ein persönliches Profil haben. Das hat man zu Ingmar Bergman oder Robert Bresson hundertmal gesagt. Aber es ist auch nicht nur eine Frage des Stils. Man ist immer von den gleichen Themen berührt, auch als Privatmensch. Und ich schreibe über das, was mich aufregt.

Ist es Wut über die Ignoranz unserer Gesellschaft, die Sie bei Ihrer Arbeit antreibt?

Natürlich, auch über mich selbst. Ich habe zumindest das Alibi, dass ich die Möglichkeit habe, das Problem zu artikulieren – als Künstler, oder wie man das nennt (lacht). Aber es regt mich auf. Das Problem liegt auch in der Medienlandschaft – und das ist seit "Benny’s Video" ein Hauptthema meiner Arbeit: Wir haben von der Wirklichkeit dank der Medien überhaupt keine Ahnung. Vor fünfzig Jahren kannte der kleine Bauer seine Wirklichkeit: Sein Dorf, seine Felder, die Berge – und das war’s. Er wusste, dass er mehr nicht weiß. Heute hat der kleine Bauer am gleichen Ort dank Computer und Fernsehen alle Bilder der Welt. Und er bildet sich ein, informiert zu sein. Dabei weiß er genauso wenig wie vorher, weil er nur Bilder gesehen, aber nichts erfahren hat. Die Gefahr der Medien ist die Illusion, informiert zu sein. Aber wir sind nicht informiert, weil wir es nicht erlebt haben. Ich finde, als Dramatiker und Schriftsteller sollte man nur von Dingen reden, die man erlebt hat.

Der Gebrauch bzw. Missbrauch von sozialen Medien ist bei Ihnen großes Thema. Warum verfolgen Sie das so obsessiv?

Wir können über die heutige Welt gar nicht berichten, ohne über soziale Medien zu reden, weil sie integraler Bestandteil unseres Lebens sind. Jeder von uns hat sein iPhone im Sack, und unser Leben ist ohne gar nicht mehr vorstellbar. Unsere technologische Entwicklung der letzten zwanzig Jahre hat unser Leben in einer Weise verändert, wie das in der Menschheitsgeschichte vorher nicht der Fall war. Was sich da getan hat, ist unfassbar. Wir sind alle davon überfordert, und deswegen hat man als Filmemacher auch die Verpflichtung, davon zu reden, sonst wäre es Ignoranz.

Ihre Filme sind oft im Großbürgertum angesiedelt. Was interessiert Sie daran? Lassen sich dort Machtverhältnisse besser sichtbar machen, etwa zwischen den Hausangestellten und der "Herrschaft"?

Ich glaube, man kann heute gar nicht mehr von Großbürgertum sprechen. Es gibt reiche und weniger reiche Kleinbürger, und die beschreibe ich auch (lacht). Dieser Schicht gehöre ich auch an. Und ich schreibe darüber, weil ich sie am besten kenne. Ich könnte keinen Film über einen Hafenarbeiter in Le Havre machen, weil ich dessen Leben nicht kenne. Und wenn Sie einen Film über eine Familie machen, machen Sie auch automatisch einen Film über die Gesellschaft, der diese Familie repräsentativ angehört. Diese Hierarchie, die es in dieser Familie gibt, ist natürlich auch Abbild unserer Gesellschaft. Ich kenne keine Großbürger, ich kenne reiche Kleinbürger, und wir kochen alle in derselben Suppe. Proletarier gibt es auch nicht mehr, das sind jetzt die Ausländer, und die müssen die demütigenden Berufe ausüben. Im Prinzip geht es uns hier in den westlichen, reichen Ländern unheimlich gut. Wir sind auf eine Weise privilegiert, dass wir jeden, der sich beklagt, eigentlich ohrfeigen müssten über die Frechheit angesichts des Elends, das uns umgibt und auf dessen Schultern wir stehen.

"Happy End" scheint "leichter" und weniger klaustrophobisch als Ihre anderen Filme.

Der Film ist keine Tragödie. Wir sind ja einer Tragödie nicht mehr würdig. Es ist eine Farce und auch als solche gedacht. In der Dramengeschichte hat das Trauerspiel die Tragödie abgelöst und schließlich die Farce das Trauerspiel. Ich habe mich gefreut, wie ich gehört habe, dass die Leute im Kino lachten. Es ist eigentlich unmöglich, uns noch ernst zu nehmen, denn die Leiden finden rundherum statt. Wir, in den verwöhnten Ländern, sehen es als Fernsehbericht, als Schauspiel: Wir sind nicht drin, wir können es von außen betrachten.

Der Titel "Happy End" gibt Raum für Spekulationen: Ist das Ihr letzter Film?

Lassen wir uns überraschen (lacht).