© Kent Lacin/Suhrkamp Verlag

William T. Vollmann
07/20/2013

Es muss wehtun, damit die Buchstaben zu Engeln werden

"Europe Central": William T. Vollmanns Buch über ein grausames Jahrhundert schenkt einem nichts.

von Barbara Mader

Man braucht ein Lexikon, um dieses Buch zu lesen. Namen, Biografien, teils dokumentiert, teils erfunden. 1000 Seiten, vieles davon Archivmaterial. Zu jedem Kapitel setzt es x Fußnoten.

Anstrengend ist das.

Ob sich das lohnt? Ist es denn ein Meisterwerk?

Die meisten sagen: Ja.

Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz schwärmt von amerikanischen Autor William T. Vollmann und nennt ihn in der Zeit einen „Autor mit einer großen Seele“.

Man könnte auch sagen: Vollmann ist als Autor eher der obsessive Typ. Er neigt zum manischen Schreiben. Hat ein Faible für 3000-seitige Gewaltabhandlungen („Rising Up and Rising Down“, nicht übersetzt).

Diesmal also „Europe Central“. Auch ziemlich grausam. Am schlimmsten ist die Geschichte von der Mutter, deren Folter daraus besteht, dass sie zuschauen muss, wie ihr Kind gefoltert wird. So etwas kann man eigentlich nicht lesen.

Das Epos über den Zweiten Weltkrieg ist eine Totalitarismus-Studie in Nazi-Deutschland und im Stalinismus, die in 37 Geschichten von Gewalt und Krieg erzählt. Die verschiedenen Schriften auf dem Cover – Fraktur, Druckschrift und kyrillisch – warnen vor: Es wird ernst.

Der historische Abriss über die Jahre 1914 bis 1975 ist außerdem ein Künstlerroman. Im Mittelpunkt stehen der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch und seine Geliebte Elena Konstantinowskaja („Vor allem ist Europa Elena“). Weiteres Personal sind unter anderen die bildende Künstlerin Käthe Kollwitz, die Schriftstellerin Anna Andrejewna Achmatowa , der Dokumentarfilmer Roman Karmen; außerdem kommen Lenin-Attentäterin Fanny Kaplan und Wehrmachtsgeneral Friedrich Paulus vor.

Die Geschichten erzählen von Menschen, die sich auf den Terror einlassen oder eben nicht.

Raserei

Wer aber ist Europe Central? Die Schaltstelle Europa, die zwischen den Welten liegt und durch das schwarze Telefon verbunden ist. Und durch viele Sätze, die Vergleiche mit Buchstaben aus dem arabischen oder hebräischen Alphabet beinhalten. Lenin etwa wird getroffen von zwei Schüssen, die „klingen wie der Buchstabe Mem“.

In seiner Heimat erhielt der deutschstämmige Amerikaner Vollmann für „Europe Central“ 2005 den National Book Award.

Erst jetzt erschien das Buch auf Deutsch: Mehrere Anläufe zur Übersetzung scheiterten. Man versteht, warum.

Vorsichtig gesagt: Vollmann ist komplex. Es besteht dennoch der Verdacht, dass der Mann, trotz schreiberischer Raserei, Humor hat: Er verwendet oft die schrullige „Wir“-Form des Erzählens.

Das ist einer von vielen guten Gründen, sich mit diesem Buch zu beschäftigen.

Einen weiteren nennt der Autor selbst:

„Und wenn es in dieser Geschichte von reaktionärem Supernaturalismus wimmelt, dann vielleicht deshalb, weil ihr Verfasser sich danach sehnt, Buchstaben über Zimmerdecken huschen und zart in Engel sich verwandeln zu sehen. Denn wenn sie es können, warum dann nicht wir?“

KURIER-Wertung: **** von *****

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