Intendant Markus Hinterhäuser: "Voyeurismus wird heutzutage ganz woanders bedient – täglich 24 Stunden im Fernsehen."

© APA/HERBERT NEUBAUER

Neustart
05/11/2014

Festwochen-Weltpremiere mit Liveschaltung ins Krankenhaus

Elf Jahre war Luc Bondy Intendant der Wiener Festwochen, heuer zeigt Markus Hinterhäuser sein erstes Programm. Schon heute zu sehen: Eine einzigartige Premiere mit einem völlig neuen Zugang.

von Gert Korentschnig

Der neue Festwochen-Chef hat die Proben zur ersten Musiktheater-Produktion seiner Intendanz freilich schon gesehen – und eine höchst sensible, intensive Aufführung erlebt. Seine größte Befürchtung: Dass bei der komplizierten Liveschaltung ins Spital technisch etwas passieren könnte. Markus Hinterhäuser im KURIER-Interview: Über Wien, Salzburg, den Intendantenjob und eine Weltpremiere.

KURIER: An diesem Sonntag findet das erste Opernprojekt Ihrer neuen Intendanz statt: Glucks "Orfeo ed Euridice". Darin geht es um das Reich zwischen Leben und Tod – auf der Bühne im MuseumsQuartier werden live Bilder eines Mädchens im Wachkoma zugeschaltet. Welche Idee steckt hier dahinter?

Markus Hinterhäuser: Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist eine der ergreifendsten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Da geht es um existenzielle Fragen, um Reflexion über Leben und Tod, um Schattierungen des Seins und ein Gebiet des Übergangs, zu dem wir keinen Zutritt haben. Wir wollen mit dieser Produktion auch die Schönheit und Würde des Menschen thematisieren.

Mit Zustimmung der Eltern des Mädchens, das seit drei Jahren im Wachkoma liegt?

Selbstverständlich. Ohne die Zustimmung der Eltern, zweier wunderbarer Menschen, und ohne Zustimmung des Primararztes hätten wir mit diesem Projekt gar nicht erst begonnen. Sie haben es von Anfang mit Empathie unterstützt.

Rechnen Sie mit Vorwürfen, eine solche Aufführung könnte auch voyeuristisch sein?

Der Regisseur Romeo Castellucci ist ein viel zu großer Künstler, als dass man ihn auch nur in die Nähe von Voyeurismus rücken könnte. Voyeurismus wird heutzutage ganz woanders bedient, und zwar täglich 24 Stunden lang in der Bilder- und Fernsehlandschaft. Da geht es um niedrigste Reflexe, um brutale Mechanismen. Was Castellucci macht, ist eine tiefe, zarte Reflexion über unsere conditio humana. Auch die Sänger waren von Anfang an intensiv eingebunden. Wir gehen da ganz behutsam vor. Das ist keine Geschichte, die man auf den Markt wirft.

Heftige Debatten gab es schon im Vorfeld über den Titel eines anderen Projekts: "Die Neger" von Jean Genet. Warum beharren Sie so sehr auf diesem Stücktitel?

Zunächst einmal ist das auch eine formale Entscheidung: Das Stück von Genet heißt im Original "Les Nègres" und stammt aus den 1950er-Jahren. Natürlich geht es um die Diskussion über Begrifflichkeit und Veränderung – aber das kann man nur im historisch-dialektischen Kontext sehen und diskutieren. Wir haben dieses Stück nicht im Programm, um irgendjemanden zu beleidigen. Das Stück selbst gibt auch die Antwort auf die reflexartig ausgesprochenen Vorwürfe.

Sie selbst werden bei den Festwochen auch als Künstler zu erleben sein – etwa als Pianist bei Schuberts "Winterreise" mit Filmen von William Kentridge. Was darf man sich davon erwarten?

Auch hier geht es um die conditio humana. Und William Kentridge, einer der bedeutendsten Künstler der Welt, liefert seine Interpretation. Er hat für die 24 Lieder 24 Filme gezeichnet. Seine Arbeit ist in keiner Sekunde eine Form von Illustration, sondern hochvirtuos im schönsten Sinn, mit einem eleganten, feinen Humor. Seine Bilder haben viel mit der Umgebung, in der er lebt, nämlich Johannesburg, zu tun und sind kein Reisetagebuch aus den österreichischen Alpen. Aber es geht ja ohnehin um viel mehr: Um Fremdsein, um Einsamkeit, Verlassenheit, um die Landschaft als Allegorie.

Bei diesem Abend treffen Ihre zwei Funktionen, Intendant und Künstler, direkt aufeinander. Was ist für Sie persönlich intensiver?

Ja, da kann ich nur sagen: Zwei Seelen wohnen in meiner Brust – ohne Ach!

Können Sie bei den vielen Programmpunkten noch eine besondere persönliche Empfehlung aussprechen?

(überlegt lange)... zum Beispiel "Tararabumbia". Das ist ein gewaltiger Abend, eine atemberaubende Revue an Menschen, Kostümen, Situationen, ein Gang durch die russische Geschichte, der alle Sinne anspricht.

Sie verlieren schon nach Ihrem ersten Jahr bei den Festwochen Ihre Schauspielchefin Frie Leysen, danach gibt es Stefan Schmidtke und Marina Davidova je ein Jahr lang als Kuratoren für das Schauspiel. Klingt nach schwieriger Situation...

Ich halte diese Lösung für sehr vital und bereichernd. Das sind höchst kompetente Leute. Vielleicht wird sich am Ende herausstellen, dass diese aus der Not geborene Variante für die Festwochen sehr gut war.

Sie sind nur drei Jahre lang Chef der Festwochen. Schon im Herbst soll der Job ab 2017 ausgeschrieben werden. Kulturstadtrat Mailath-Pokorny hat bereits angekündigt, von der zwingenden Drei-Jahres-Lösung abrücken zu wollen. Ist das auch aus Ihrer Sicht die richtige Entscheidung?

Ich halte einen Zeitraum von fünf Jahren für eine Intendanz für den richtigen und vernünftigen Rahmen. Ein zu häufiger Wechsel ist für eine Institution nicht leicht zu verkraften, auch was die innere Psychologie betrifft – und finanziell nicht anspruchslos.

Wie erklären Sie es sich, dass es im Moment so viele interimistische Intendanzen gibt? Ist dieser Job, auch durch die Vorgänger am Burgtheater mit Hartmann, gerade im Wandel?

Der gesellschaftliche Konsens, wie wesentlich Kunst und Kultur sind, ist fragiler geworden. Das hat sicher mit dem wirtschaftlichen Druck und einer finanziell immer erstickenderen Situation zu tun. Man findet heute leichter Möglichkeiten, die Dinge in Bausch und Bogen infrage zu stellen. Dadurch ist auch der Job des Intendanten gefährlicher geworden. Der Druck, keine Fehler zu machen, ist riesig. Es gibt die Forderung, dass sich alles rechnen muss. Und dadurch die Gefahr, ein möglichst geringes Risiko einzugehen. Aber gerade das Risiko ist auch enorm wichtig.

Sie übernehmen nach Ihrer Zeit in Wien ab 2017 wieder die Intendanz der Salzburger Festspiele. Was würden Sie als den größten Unterschied zwischen den beiden Festivals bzw. Städten bezeichnen?

Der Unterschied ist riesig. Und zeigt sich vor allem dadurch, dass in Salzburg – ähnlich wie in Aix-en-Provence oder Glyndebourne – in der Zeit des Festivals rundherum das herrscht, was man Ferien nennt. Wien macht diesbezüglich künstlerisch keine Ferien – und ist auch während der Festwochen übervoll mit Programm. Ich bin jedenfalls sehr glücklich in Wien. Es gibt eine fantastisch anregende Atmosphäre.

Das ist Karins Beitrag aus ihrem Leben im Wachkoma

Über dem Bett hängen rosa Tanzschuhe. Eines der letzten Paare, die Karin Anna Giselbrecht vor dem 15. Februar 2011 noch getragen hat. Bevor die Balletttänzerin und Slawistik-Studentin morgens nicht mehr aufwachte. Diagnose: Plötzlicher Herztod. Vermutlich ausgelöst durch eine übergangene Angina in Kombination mit einem Long-QT-Syndrom, einer seltenen Herzerkrankung. Aber Karin Anna hat überlebt. Heute ist sie 25 Jahre alt, ihr Zuhause ist nun Zimmer 108 auf der Wachkoma-Station im Geriatriezentrum Am Wienerwald in Wien-Lainz. „Sie sollte wohl noch nicht gehen“, sagen ihre Eltern Gudrun und Wolfgang. Und sie kämpft sich seither in winzigen Schritten zurück.

Augen-Blicke

Meist sind das Reaktionen ihrer großen, braunen Augen. Wie etwa, als der KURIER-Fotograf die Tanzschuhe für ein Foto zurechtrückt. Anfangs irritiert sie das Kameraklicken. „Sie will wissen, was dieses unbekannte Geräusch ist“, übersetzen die Eltern die ruckartigen Versuche, den Kopf zu drehen. Als der Fotograf ihr die Kamera gezeigt hat, liegt sie wieder entspannt unter ihrer gelben Lieblingsdecke und folgt ihm mit den Augen.

Romeo Castellucci, der Regisseur von „Orfeo ed Euridice“, sieht Wachkoma-Patienten wie Karin Anna in einer Zwischenwelt, zu der die anderen keinen Zugang haben. Deshalb holt er Karin als mythische Sagengestalt Euridike mittels Live-Schaltung von ihrem Spitalszimmer aus auf die Bühne. Für ihre Eltern passt diese Geschichte zu ihrer Tochter. "Das Stück an sich ist auch eine Antwort auf unsere Fragen." Die Entscheidung, mitzumachen, war schnell klar. Gemeinsam mit ihrer Tochter natürlich. "Karin hat ganz eindeutig mit ihren Augen kommuniziert: Das will sie machen." Keine Überraschung für die 51-jährigen Eltern. Musik sei ein Lebenselixier von Karin gewesen, schon durch ihre Ausbildung zur klassischen Balletttänzerin mit Bühnenerfahrung. "Das ist Karins Beitrag, den sie aus ihrem jetzigen Leben leistet."

Auch in diesem ist Musik, vor allem klassische, ein wichtiger Bestandteil. Zu Beginn ihres neuen Lebens standen „Peter und der Wolf“ und der „Nussknacker“, zu denen sie als Kind ihre ersten Ballettauftritte tanzte. Täglich besucht sie ein Elternteil. Sie geben ihr Zuwendung, machen Ausflüge, gehen sogar gemeinsam in die Oper. An Normalität im herkömmlichen Sinne ist freilich nicht zu denken. Auch für so enge Bezugspersonen ist nicht immer klar, was die Patientin gerade braucht oder stört. „Es ist ein wenig wie bei einem Säugling, vieles muss man ausprobieren.“

Beim Festwochen-Projekt passt für Karin aber alles. „Der Besuch einer Probe im MQ gemeinsam mit den Künstlern war mehr als eine Therapie“, sagt ihre Mutter. Hier hat sie miterlebt, dass sie ein Teil dieser Aufführung ist. „Sie war ganz gefesselt, schaute herum und wendete den Kopf. Denn bei den Aufführungen leistet sie ihren Beitrag von den anderen isoliert von ihrem Zimmer aus.“

Mit der Teilnahme an den Festwochen geht es der Familie um einen respektvollen Umgang mit behinderten Menschen. Sie hoffen, dass dadurch eine Diskussion angeregt wird. „Das gelingt auf künstlerischer Ebene vielleicht leichter.“

Diese Menschen aus der Isolation holen

Das Schicksal dieser Menschen öffentlich zu thematisieren: Das ist der Hauptgrund, warum Prim. Johann Donis, Leiter der Abteilung „Apalliker Care Unit“ im Geriatriezentrum Am Wienerwald, seine Zustimmung zum Festwochen-Projekt gab. Es wirft Licht auf 400 Wachkoma-Patienten, die in Österreich stationär langzeitbetreut werden. Nochmals so viele zu Hause. Auf Donis’ Station sind es 20. Altersdurchschnitt: 42 Jahre.

„Menschen, die in diesen Zuständen leben, nehmen mehr wahr, als wir erkennen“, sagt Donis. Fest steht, dass ihr Gehirn massiv geschädigt wurde – etwa durch Schädelhirntrauma oder Gehirnblutung. „Unseren Bewohnern fehlt daher die bewusste Wahrnehmung der eigenen Person und der Umgebung.“ Aber die Augen sind geöffnet. Und sie reagieren je nach Stadium auf bestimmte Reize.

Neben Spezialtherapien (Physio) und Pflege geht es darum, diese Reaktionen zu fördern, betont Donis. „Dann ist die Chance höher, dass zerstörte Nervenfunktionen wieder hergestellt werden.“ Das erklärt, warum häufig mit Musik gearbeitet wird. „Jemand, der Musik oder eine bestimmte Form davon gern hatte, wird da positiv darauf reagieren.“

Seit dem Jahr 2000 arbeitet der Neurologe mit Wachkoma-Patienten in Langzeitbetreuung. „Wir haben damals überlegt, was diese meist noch jungen Menschen brauchen, um gut betreut zu werden.“ Diese über die Jahre verfeinerte Pionierarbeit sieht vor allem die enge Einbindung der Angehörigen in alle Entscheidungen vor. „Denn es ist immer das gesamte System betroffen, nicht nur der Patient.“ Die zweite Säule ist, so viel Normalität wie möglich zu vermitteln. „Wir gehen in die Öffentlichkeit. Aber nicht, um unsere Bewohner vorzuführen. Sondern um sie am normalen Leben teilhaben zu lassen.“

Nur durch dieses bewusste Herausgreifen – wie es auch die Festwochen-Produktion darstellt – könne man Wachkomapatienten aus ihrer Isolation holen. „Sie sind ganz wunderbar und einzigartig. Wir dürfen den Menschen hinter diesem derzeitigen Erscheinungsbild nicht vergessen.“ Sich auf sie einzulassen, bringe einen „ganz schnell zum Wesentlichen des Menschseins“. Denn: „Wachkoma-Patienten lügen nicht.“

Wachkoma: Wach ohne Bewusstsein


Definition: Im Gegensatz zum Koma (griech. „tiefer Schlaf“) bezeichnet das Wachkoma (früher auch „Apallisches Syndrom“) einen Zustand der Wachheit ohne Bewusstsein und mit je nach Ausprägung extrem reduzierten Kommunikationsmöglichkeiten.

Phasen: Beim Wachkoma-Vollbild (Unresponsive Wakeful Syndrome) reagiert der Patient trotz offener Augen gar nicht. Bei „Minimal Concious State“ (MCS) reagiert er auf Reize. Etwa mit Blickkontakt, Greifen, Bewegen, situationsbedingte Emotionalität.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.