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Kultur
01/21/2021

Wie Maskenpflicht und andere Zwänge die Bartmode prägten

Resultierte Hitlers Bart aus einer Vorschrift, Masken zu tragen? Fest steht: Regeln schreiben sich in Gesichter ein

von Michael Huber

„Hitler wirkte damals lang, weil er mager war. Ein voller Schnurrbart, der später der neuen Gasmaske wegen gekappt werden musste, verdeckte noch den hässlichen, meistens verkrampften Schlitz des Mundes.“ Aus dieser Aufzeichnung von Alexander Moritz Frey, der im Ersten Weltkrieg mit dem späteren Diktator in einer Einheit diente, leitet sich die These ab, dass der „Hitlerbart“ sich aus der Pflicht zum Tragen von Atemschutzmasken ergeben hätte: Eine Anekdote, die aktuell wieder auftaucht, weil empfohlen wird, zum effektiveren Schutz durch FFP2-Masken auf Gesichtsbehaarung zu verzichten.

Doch stimmt die Geschichte tatsächlich? Der Kulturhistoriker Friedrich Tietjen widmete der Frage ein eigenes Forschungsprojekt - auch, weil er nicht ganz glauben mochte, dass der Manipulator Hitler, der sich der Wirkung von Zeichen sehr bewusst war und mit Insignien von der Flagge bis zu Uniformen genaue Ziele verfolgte, die Wirkung seines eigenen Gesichts dem Zufall überlassen hätte.

Wie Tietjen erklärt, ist Hitlers Bart als Markenzeichen erst um 1923 nachweisbar – auf Bildern der Kriegszeit trug er noch einen breiten Schnauzer. Die damals gängigen Masken hätten auch durchaus Platz für einen solchen geboten.

Krieg mit Rasierklingen

Das ändert nichts daran, dass sich auf Männergesichtern seit Jahrhunderten ein Kampf abspielt, der von militärischen und religiösen Regeln ebenso wie von gesellschaftlichen und modischen Normen kommandiert und mit Rasierklingen ausgefochten wird: Über Bartrasur und Bartstyling verhandelt die Menschheit über Konformität und Individualität, über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder die Abgrenzung davon. Das zeigt sich im militärischen Kontext, wo die meisten Armeen strikte Vorgaben zur Barttracht haben und oft nur die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft als Grund für Ausnahmen gelten lassen. Im Kampf gegen Corona wird nun die Aufforderung zur maskenkonformen Rasur von jenen, die ihre Individualität sowieso schon beschnitten sehen, als Affront aufgefasst.

Die Komplettrasur war und ist dabei nicht in jeder Epoche und Gesellschaft das Ideal. Die Römer der Antike traten aber rasiert gegen die „Barbaren“, die Bärtigen, an.

Und als der Amerikaner King Gillette, der sich zuvor als Autor sozialreformatorischer Schriften versucht hatte, 1903 den Nassrasierer mit wegwerfbaren Klingen erfand, verhalf ihm das Militär zum Durchbruch: Laut dem Autor Charles Panati bestellte die US-Regierung im Ersten Weltkrieg 3,5 Millionen Rasierer und 36 Millionen Klingen, um die Armee glattrasiert durch den Krieg zu bringen. Der American Way of Life setzte sich daraufhin mit glattem Kinn durch.

Diffuse Grenzen

Für den Philosophen Vilém Flusser (1920–1991) war das Rasieren eine Geste, „um die Grenze zwischen Mensch und Welt zu betonen“. Die Offenlegung der glatten Haut sei ein „statisches und in diesem Sinn reaktionäres Beharren auf trennenden Strukturen, (...) eine klassische, unromantische und antirevolutionäre Geste.“ Wer dagegen den Bart wachsen lasse, würde „den Unterschied zwischen Ich und Welt im Zweifel belassen.“

Es fällt auf, dass viele Männer dem Bartwuchs in diffusen Lebensphasen freien Lauf lassen – etwa Al Gore, der nach seinem verlorenen Anlauf auf die US-Präsidentschaft 2001 Bart trug, bevor er als Klimaaktivist rasiert durchstartete. Laut „Urban Dictionary“ etablierte sich der Begriff „Al Gore failure beard“ („Versager-Bart“) für Männer, die mehr als 90 Tage ohne Job sind. Im Kontrast dazu steht der „achievement beard“ („Errungenschafts-Bart“), den Talkmaster David Letterman und sein deutsches Pendant Harald Schmidt zur Schau stellten: Hier geht es darum, dass es sich der Träger nach verdienstvoller Laufbahn leisten kann, auch einmal auf gesellschaftliche Konventionen zu pfeifen.

Hygiene und Symbolik

Wenngleich Hygiene-Überlegungen zweifellos Auswirkungen auf die Bartmode haben, bleibt die Symbolik also nie ausgespart. Ebendiese, argumentiert Kulturhistoriker Tietjen, bewog Hitler einst dazu, sich mit dem „Zweifingerbart“ zur Marke zu stilisieren. Charlie Chaplin trug den Bartstil früher (und versuchte ihn in „Der große Diktator“ 1940 wieder zu reklamieren); die Vorstufe bildete aber Kaiser Wilhelm II., der mit einem W-förmigen Bart quasi sein Initial im Gesicht trug.

"Beardology", ein Werk des Künstlerduos Gilbert & George, 2016

„Zwar kann man nicht sagen, dass, wer sich rasiert, ein Faschist ist – aber man kann sagen, dass, wer Faschist ist, unmöglich einen Vollbart tragen kann“, formulierte Vilém Flusser einst. Doch wie alle Zeichen ist auch der Bart stetigem Bedeutungswandel unterworfen. Und nachdem die Hipster der vergangenen Jahre manisch an ihren Bärten herumbürsteten, scheint nun ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ein Indiz dafür sind die Trump-Anhänger, die sich die einst so friedlichen Hippiebärte zu eigen machten, um gegen die Demokratie zu Felde zu ziehen.

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