Kultur
31.01.2019

Wie der Empörungsgenerator Gabalier funktioniert

Manderl, Weiberl, Hymnenstreit - und jetzt der Wirbel um den Karl-Valentin-Orden. Der volkstümliche Popsänger polarisiert.

Die Zuerkennung des Karl-Valentin-Ordens an Andreas Gabalier hat in Deutschland hohe Wellen geschlagen. Dabei war es nicht die erste Entscheidung der Münchner Faschingsgesellschaft Narrhalla, die für Kritik gesorgt hat. 2015 war man dort der Meinung, der deutsche Schlagersänger Heino hätte in diesem Jahr die „humorvollste bzw. hintergründigste Bemerkung im Sinne von Karl Valentin“ getätigt. 

Die "Karl-Valentin-Gesellschaft" zeigte sich schon damals verärgert: " Hört auf, Valentins Namen für alberne Faschings-Spassettl zu missbrauchen." Dazu muss man wissen: Karl Valentin (1882 – 1948) war ein deutscher Komiker, Sprachkünstler und hintergründiger Geist.

Empörungsgenerator

Jetzt also Gabalier. Mit der Auszeichnung des volkstümlichen Popsängers haben sich die Münchner Narrhallesen erneut jede Menge Aufmerksamkeit gesichert. 

Seit Jahren profitiert an dem Empörungsgenerator Gabalier längst nicht nur der selbsternannte Alpen-Elvis selbst. Aber woran liegt es, dass Gabalier dermaßen polarisiert?

Das Valentin-Karlstadt-Musäum kritisierte Gabaliers gesellschaftspolitische Haltung als rechtspopulistisch, eindeutig homophob und frauenfeindlich. Ist das Urteil berechtigt?

Gabalier selbst konterte via Bild-Zeitung: „Ich bin wohl einigen zu bodenständig, aber das werde ich ganz sicher nicht für diese Leute ändern.“

Der Sänger beruft sich bei seiner Meinung gern auf das Volk. In der Debatte um den Text der Bundeshymne, den er beim Formel-1-Grand-Prix von Österreich 2014 bewusst mit der alten Formulierung „Heimat bist du großer Söhne“, also ohne „Töchter“ sang, wies Gabalier darauf hin, dass die Österreicher mit großer Mehrheit gegen den neuen Text seien.

Andreas Gabalier - seine Karriere im Rückblick

Andreas Gabalier wurde 1984 in Kärnten geboren, aufgewachsen ist er jedoch in Graz, mit seinen drei Geschwistern. Sein Bruder ist der Turniertänzer Willi Gabalier.

Der französische Familienname stammt von einem Soldaten, der 1796 im Verlauf des Italienfeldzugs von Napoleon Bonaparte nach Österreich kam.

Bevor er sich der Volksmusik zuwandte, war er an der Handelsakademie und begann ein Studium der Rechtswissenschaften.

Seinen ersten Auftritt hatte er am 18. April 2009 im Musikantenstadl mit "So liab hobi di".

Im selben Jahr nahm er am Vorentscheid für den Grand Prix der Volksmusik teil, musste allerdings hinter Sänger Franz Brei zurückstecken. Seinen Durchbruch feierte er 2009 trotzdem mit seinem ersten Album "Da komm' ich her", das für einen Amadeus als Album des Jahres nominiert wurde.

Alle darauffolgenden Alben waren auf Platz 1 der österreichischen Charts. 2011 gelang es Gabalier zudem, gleichzeitig drei Alben in den Top 10 zu positionieren.

Seit 2013 ist Gabalier mit der österreichischen Moderatorin Silvia Schneider liiert.

2014 gab Gabalier bei den "Rosenheim-Cops" sein Schauspieldebüt.

Bereits im darauffolgenden Jahr sorgte mit der Aussage: "Es ist nicht leicht auf dieser Welt, wenn man als Manderl heute noch auf ein Weiberl steht" bei der Verleihung des Amadeus für Unmut...

... und Gabalier musste sich mit Kritik über sexistische Aussagen auseinandersetzen. 

Bei Madame Tussaud's im Wiener Prater steht seit 2017 sogar eine Wachsfigur von Gabalier.

Nachdem seine Äußerungen über "Standort" und "Flater" (gemeint hatte er die Zeitungen "Der Standard" und "Falter") Ende letzten Jahres für Verwunderung gesorgt hatten, ist Gabalier mit der Verleihung des Karl-Valentin-Ordens wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Und das nicht nur auf der Kitzbühler Streif, bei der er auf dem Foto zu sehen ist.

Manderl und Weiberl

Bei Gabalier ist es aber nicht weit von der Mehrheit zum angeblichen Außenseiterdasein. "Man hat es nicht leicht auf dieser Welt, wenn man als Manderl noch auf Weiberl steht", beklagte der Schlagerstar bei seiner Dankesrede beim Amadeus Award 2016 – und sorgte damit für Buhrufe und entsprechende Aufregung im Netz.

Lipstick Lady und "die genderverseuchte Zeit"

Auch das Frauenbild des einen „Gender-Wahnsinn“ beklagenden Barden gab immer wieder zu Diskussionen Anlass. In seinem aktuellen Hit „Hallihallo“ besingt er etwa eine „Lipstick Lady“, bei der er sich „nicht mehr halten kann“. Im dazugehörigen Video wird ein tiefes Dekolleté mit prallen Brüsten gezeigt und dann direkt auf ein Kuheuter geschnitten, an dem sich Gabalier als Melker betätigt.

„Ich glaube, dass es Kindern guttut, wenn ihre Mutter länger zu Hause bleibt und sich um sie kümmert.“, sagte er der Rheinischen Post im Jahr 2015. Eine konservative Aussage, die natürlich jedem zuzugestehen ist.

Gabalier sagte an dieser Stelle auch: „Es ist einfach so, dass man in der heutigen Zeit nichts mehr sagen darf. Gerade als Mensch der Öffentlichkeit, muss man sehr aufpassen. Viele werden deshalb weich und sanft gewaschen mit ihren Aussagen, um nirgendwo anzuecken.“

Aufpassen gehört nicht zu den hervorstechendsten Eigenschaften Gabaliers. Im Münchner Merkur erklärte er 2015, „dass man in unserer genderverseuchten Zeit bald auf Ideen kommt, wie man im Privatleben vielleicht noch rechtlich festlegen könnte, dass der Mann einmal die Woche den Geschirrspüler ausräumt und die Wäsche aufhängt, das geht irgendwann zu weit.“

Die Medien

Gabalier bekommt immer wieder große Aufmerksamkeit durch Empörung. Aber wenn er darauf angesprochen wird, wird der Steirer schnell selbst zum „Sweet Little Rehlein“, das nie Böses im Sinn hatte.

Mitte Dezember 2018 ließ Gabalier aber wieder einmal durchscheinen, wie wenig er von kritischen Medienberichten hält. In der Wiener Stadthalle sagte er, Redakteure von "Standort" und "Flater", gemeint waren wohl Standard und Falter, seien "undercover in der Halle", um "verheerende Geschichten" zu schreiben. Die Blätter würden Presseförderung "in Millionenhöhe" bekommen, "um diesen Quargl abzudrucken". Er warf ihnen auch vor, ihn „ins rechte Eck" zu drängen. 

"Wenn einer aufsteht und sagt was er sich denkt"

Gabalier gibt immer wieder zu Protokoll, nicht besonders politisch zu sein. Der Text zu seinem Lied „A Meinung haben“ wirkt aber geradezu wie ein Manifest gegen einen behaupteten Medienmainstream:

"Wie kann des sein, dass a poar Leut glauben zu wissen, wos a Land so wü? is des der Sinne einer Demokratie? Dass ana wos sogt und die andern san stü.“

„A Meinung ham, dahinter stehn; den Weg vom Anfang zu Ende gehen; wenn sei muaß ganz allan, do oben stehn. Doch irgendwann kummt dann der Punkt, wo's am reicht, dann wird's z'vü. Dann schauns die an, mit ganz großen Augen, wenn ana aufsteht und sagt was er si denkt.“

Das gehe in die Richtung von "das wird man doch wohl noch sagen dürfen", sagte Valentin-Karlstadt-Musäum-Leiterin Sabine Rinberger. "Als würde man bei uns nichts sagen dürfen!" Solche Texte könne man ohne viel Fantasie sehr wohl als rechtspopulistisch interpretieren.

Straches Verteidigung

Ein Indiz dafür liefert regelmäßig FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache selbst, der immer wieder Artikel teilt, die sich mit Kontroversen um Gabalier beschäftigen. Dabei äußert sich Strache durchgehend unterstützend, so wie auch in der jüngsten Debatte um den Valentin-Orden. Strache schrieb: "Das ist schon pathologischer Hass gegenüber andersdenkenden Kunstschaffenden ... Der Kunst ihre Freiheit. Freiheit der Kunst!“

2017 sah sich Gabalier durch den Chef des Wiener Konzerthauses, Matthias Naske, ins rechte Eck gestellt. Anders als der Musikverein hätte er Gabalier nicht im Konzerthaus spielen lassen, hatte Naske in einem Presse-Interview gesagt. "Man muss wissen, wer Gabalier ist, wofür er steht, und dann abwägen", meinte er. Ein Hubert von Goisern würde da sehr viel besser ins Konzerthaus passen: „Wir treffen auch gesellschafts- und kulturpolitische Aussagen, so harmlos ist das nicht. Auf der anderen Seite dienen wir auch keiner Ideologie.“

Gabalier sah sich in seinem wirtschaftlichen Fortkommen geschädigt und klagte. Mit seiner Zivilklage blitzte er allerdings auch letztinstanzlich beim OGH ab. Gabalier müsse sich die Aussagen gefallen lassen, da er selbst mit pointierten Meinungen am öffentlichen Diskurs teilnehme.

Die Hakenkreuz-Aufregung

Wie rechts Andreas Gabalier ist, wird bereits seit dem Beginn seiner Erfolgsgeschichte diskutiert. Auf dem Cover des 2011 erschienen Albums „Volks Rock’n’Roller“ ist Gabalier mit seltsamen Verrenkungen in einer alpinen Landschaft abgebildet. Die Pose kann mit etwas Fantasie als Darstellung eines Hakenkreuzes gesehen werden, muss es aber nicht.

Für den Nachlassverwalter der Familie Karl Valentins ist genau das der Grund für die Kritik an der aktuellen Auszeichnung. Er warf Gabalier ein offenkundiges “Spiel mit faschistischen Symbolen wie dem nachgestellten Hakenkreuz auf dem CD-Cover, seine Frauenfeindlichkeit und seine Homophobie” vor.

Der Bild-Zeitung war das acht Jahre nach Erscheinen der CD sogar einen Cover-Titel wert: "Hakenkreuz-Streit um Gabalier".

Eisernes Kreuz und Motorradmächte

Bereits 2010 besang Gabalier seinen „Bergkameraden“, aber mit einem zackig-soldatisch klingenden Text, der so gar nicht zu der schmeichelnden Schlagermelodie passt:

„Kameraden halten zusammen ein Leben lang, eine Freundschaft, die ein Männerleben prägt, wie ein eisernes Kreuz das am höchsten Gipfel steht und selbst dem allerstärksten Sturmwind widersteht.“

Das Eiserne Kreuz wurde auch während der Nazizeit verliehen, hat aber seinen Ursprung in der preußischen Armee und ist nicht verboten. Dass Gabalier bei dem Song tatsächlich die deutsche Kriegsauszeichnung im Kopf hatte, ist nicht beweisbar, ebenso wenig, dass mit den „Italienern, Deutschen und Japanern“ im Lied „Biker“ die drei Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg gemeint sein könnten. Jedenfalls heißt es dort: „Herz haben wir ein gesundes.“

„Ich frag mich manchmal selbst, wie krank man ticken muss, dass man auf solche Vergleiche kommt,“ sagte Gabalier in einer ORF-„Am Schauplatz“-Doku aus dem Vorjahr. Es würde einfach „das Biken verherrlicht und das Herumbrausen, und die Italiener, Deutschen und Japaner als die größten Motorradhersteller besungen.“

„Rechts wird als braun ausgelegt“

„Mittlerweile muss man schon fast Angst haben, dass rechts als braun ausgelegt wird“, sagte Gabalier außerdem in der ORF-Doku. „Ich hab’ sicherlich eine halbwegs g’sunde konservative Lebenseinstellung, wir sind einfach so erzogen worden, ich bin fleißig, bin sicher kein böser Kerl, habe in meiner Band unterschiedlichste Nationen vertreten, bin wie kaum ein anderer gern auf der ganzen Welt unterwgs, schau mir viel an, bin sehr weltoffen und hab’ ganz einfach a Freud’ mit unserem Daham.“

Eine äußerst reaktionäres Glaubensbekenntnis zum "Daham" lieferte er im Lied „Kleine, heile, steile Welt“ aus dem jüngsten Album:

„I glaub an mei Land und die ewige Liab. Nix is mehr Daham als ein Schnitzel aus der Pfann. Tradition leben, mit der Zeit gehen. So wie's früher in der Milka-Tender-Werbung war. I glaub an Leut, die sich geben wie sie sind. In einem christlichen Land hängt ein Kreuz an der Wand.“

„Wenns sein muss niederknian, um Vergebung flehen. Des Beste geben, des Leben lebn, zu seine Föhla stehen.“

„I glaub an kleschkaltes Bier, des mir a fesche, kesse, freche Kellnerin serviert, an Schädlweh nochm Saufengehn, Eisenbiagn, beim Oamdruckn nie verlieren."

„I glaub an den Petrus an der Himmelstür. Der sagt, komm her zu mir, Bua i muss reden mit dir. Vaterunser beten, Holzscheitelknien, nach einem Zeltfest im Rausch am Heuboden die Unschuld riskieren.“ 

Posting über Strache als Ausrutscher

Mit seinen Aussagen zum Geschlechterverhältnis und einem kreuzkonservativen Heimatbegriff vermittelt Gabalier zwar eine polarisierende Lebensanschauung, mit konkreten Bekenntnissen und Einlassungen in der Tagespolitik ist der Sänger aber erstaunlich wenig präsent. Während der Sänger von Kritikern immer wieder mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht wird, ist das zumindest durch Gabaliers öffentliche Äußerungen kaum belegbar.

Im Jahr 2015 ist ihm allerdings ein Facebook-Posting ausgekommen, in dem er die Elefantenrunde vor der Wien-Wahl als „abgesprochene Hetzerei“ gegen FPÖ-Chef Strache bezeichnete. Am nächsten Tag war das Posting, offenbar auf Betreiben der Plattenfirma, gelöscht und kurz darauf schrieb er: "Der Gabalier verteidigt ganz bestimmt keinen HC !!! Der Gabalier gibt auch nicht Gas für die FPÖ!!!“

Auch 2017 schimpfte er am Rande der Amadeus-Verleihung - wo der „Manderl und Weiberl“-Sager fiel - über eine „schon fast ein bissl linksradikale Hetzerei gegen die FPÖ“. Er gab dort auch an, mit der Politik im Land „fast nix mehr“ anfangen zu können. Ob sich das durch den Regierungswechsel nach der letzten Nationalratswahl geändert hat, ist nicht überliefert.

Spekulationen über ein politisches Engagement tauchten 2018 noch einmal auf, als eine ehemalige AfD-Insiderin in einem Buch schrieb, es sei in der deutschen Rechtspartei „ein Schlagersänger aus Österreich“ genannt worden, der neben anderen Prominenten in der Gründungsphase seine „Geldbörse geöffnet“ haben soll. Von Medien darauf angesprochen, gab Gabaliers Management an, keinerlei Informationen über Parteispenden im In- oder im Ausland vorliegen zu haben. Und: "Das wäre das Letzte, was Andreas Gabalier einfallen würde.“