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Kunst
03/12/2021

Was Rembrandt zu Rembrandt macht

Albertina-Kurator Achim Gnann spricht dem Meister aberkannte Zeichnungen wieder zu – und sagt, warum

von Michael Huber

„Das Buch wird für reichlich Zündstoff sorgen“, sagt Achim Gnann. Es gibt jedoch keine Massen aufgebrachter Twitter-User, die einen großen Empörungssturm verursachen könnten. Der Kurator an der Albertina hat auch kein Skandalbuch à la Michel Houellebecq verfasst, sondern ein Überblickswerk aller Landschaftszeichnungen von Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606 – 1669).

Die Brisanz des Werks liegt darin, dass Gnann sehr viele Zeichnungen, die in den vergangenen Jahrzehnten als Werke von Rembrandt-Schülern oder Nachahmern deklariert wurden, wieder als eigenhändige Zeichnungen des Meisters klassifiziert. Das hat Auswirkungen auf deren Bedeutung in Museen und – sofern sie am Markt gehandelt werden – auf deren Preis: Eine Zuschreibung an Leonardo da Vinci, die das Gemälde „Salvator Mundi“ zum teuersten Bild der Welt machte, ist schließlich nur die extreme Ausformung jenes Prozesses, der in der Fachwelt permanent geführt wird.

„Man muss natürlich alles, was man behauptet, argumentieren“, sagt Gnann. Und sein Metier ist vielleicht keine im naturwissenschaftlichen Sinn exakte, aber doch eine methodisch präzise Wissenschaft.

Cancel Culture

Bei Rembrandt, erklärt der Kunsthistoriker, habe es seit den 1970ern „einen regelrechten Kahlschlag“ der als eigenhändig akzeptierten Zeichnungen gegeben. Das vom einstigen Albertina-Chef Otto Benesch (1896–1964) in den 1950ern verfasste, 1973 überarbeitete Werkverzeichnis zählte mehr als 2.000 Zeichnungen, davon mehr als 250 reine Landschaftsbilder. Nur rund 100 davon führte das 2019 im Taschen-Verlag erschienene Werk des Experten Peter Schatborn auf.

„Benesch hat die Zeichnungen teilweise chronologisch nicht richtig eingeordnet. Das hat dazu geführt, dass man viele davon ausgeschieden oder Schülern zugeordnet hat“, sagt Gnann. Seine Arbeit bestand nun zunächst darin, die zeitliche Ordnung neu zu erarbeiten und Bilder zu gruppieren, die zu einer ähnlichen Zeit entstanden. Erst dann folgen Beurteilungen des Stils.

Elemente aus Rembrandts Landschaftszeichnungen fanden sich teils in bekannten Radierungen wieder, wo sie spiegelverkehrt erscheinen. Häufig gehörten sie einer Serie an, in denen der Meister etwa ein Bauernhaus aus mehreren Blickwinkeln skizzierte. Rembrandt variierte seine Motive, modellierte manche Versionen mit wässriger Tusche und beließ andere als reine Federzeichnung.

„Ich muss stets versuchen, mir das gesamte Werk des Künstlers zu erarbeiten – in tausenden Stunden“, sagt Gnann. Die Aufgabe gelte es für die Schüler und Nachfolger zu wiederholen. Denn dass Rembrandt einen Kreis von Menschen um sich hatte, die nach seiner Art zu machen versuchten oder seine Werke kopierten, ist unbestritten. Von böswilligen Fälschungen, die es schon zu Zeiten des Meisters gab, ist da noch gar nicht die Rede. „Wenn man aber schaut, wie viele seiner Schüler sonst arbeiten, sieht man, dass vieles nicht zusammen passt“, sagt Gnann.

In seinem Buch plädiert er dafür, bei der Beurteilung mehr auf den Gesamteindruck zu schauen: Auch wenn Rembrandt in seinen Zeichnungen eine bestimmte Handschrift habe, sei er doch stets bereit gewesen, eingefahrene Bahnen zu verlassen und mit seinem Strich neue Wege zu beschreiten. Rembrandts Unmittelbarkeit des Ausdrucks, so Gnann, hätten andere Künstler schlicht nicht hinbekommen: Auch die Albertina sei „voll von Kopien“, die das Vokabular der Schraffen und Kringel zwar ähnlich, aber doch lebloser und formelhafter anwenden. „Es gibt aber Grenzfälle, wo es schwierig wird. Und gegen Fehler ist niemand gefeit.“

An der Grenze

Dass die „hyperskeptische“ Sicht auf Rembrandt nicht universell geteilt werde, sehe man daran, dass Zeichnungen, die einst im Benesch-Werkkatalog gelistet waren, auf Auktionen hoch gehandelt werden, selbst wenn sie „nur“ als Werk eines Schülers ausgewiesen sind: Manche scheinen zu spekulieren, dass es am Ende doch ein echter Rembrandt sein könnte.

Gnann selbst betont, dass er sein Buch aus rein wissenschaftlichem Interesse und „ohne Auftrag von irgendjemandem“ verfasst habe. Als Museumsmitarbeiter beziehe er kein Einkommen aus Auftragsgutachten, Einschätzungen lasse er sich prinzipiell nie abgelten: „Über diese Unabhängigkeit bin ich froh.“

Ob es gelingt, den Blick auf Rembrandt zu verändern, werden nun Expertendebatten entscheiden. Die Landschaftszeichnungen waren jedenfalls erst der Anfang.

Achim Gnann: „Rembrandt – Landschaftszeichnungen“.
Michael Imhof Verlag. 368 Seiten.
81,20 Euro

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