Kultur
28.09.2017

Raffael: Dem Genie beim Wandern zusehen

Die famose Werkschau zu Raffael in Wien verdeutlicht den Erfindergeist des Renaissance-Künstlers.

Es ist schwer, angesichts der Ausstellung, die die Albertina ab 29.9. zeigt, nicht in jene pathetische Sprache zu verfallen, die Raffael (1483 – 1520) seit jeher umwabert. Beherrschte doch der Künstler, dessen Werk bis heute den Gipfel der Renaissance markiert, jene Fähigkeit, die Kunst an Zauberei grenzen lässt: Unter seiner Hand wurde Unbelebtes lebendig, das Geschaffene konkurrierte mit der Realität, übertraf sie gar an Perfektion.

Die Werkschau (bis 7.1.2018), die unter der Ägide von Kurator Achim Gnann in fünfjähriger Vorbereitungszeit entstand, stellt abseits der schieren Fülle außergewöhnlicher Bilder (130 Zeichnungen, 18 Gemälde) noch eine Qualität unter Beweis: Sie zeigt nämlich, wie der Geist im Werk des Künstlers sich nicht nur in einem einzelnen Bild entfaltete, sondern von einem zum nächsten wanderte.

Wandernder Geist

Von der schnellen Skizze bis zur detaillierten Studie, von der grob umrissenen Komposition bis zum "Karton", der zur Übertragung auf den Grund eines Gemäldes diente, durchlief Raffaels Arbeit mehrere Stadien, was sich in mehreren Ebenen von Detailgenauigkeit niederschlug.

Gleich zu Beginn der Schau lehrt eine Gegenüberstellung, diese Übergänge von einem Bild ins andere zu sehen: Eine Tafel, die Szenen der Verkündigung, der Geburt und der Präsentation Jesu im Tempel zeigt, ist da mit den Vorzeichnungen zu vergleichen. Raffael war 20 Jahre alt, als er sie schuf.

Ist diese Komposition noch relativ statisch, so hebt der Erfindergeist von hier an buchstäblich ab: In den Studien zu der um 1507 entstandenen "Grablegung" liegt Jesu Leichnam nicht am Boden, sondern wird wie in einer Prozession getragen – ein genialer Einfall, der Bewegung, Last und Leid ins Bild bringt.

Spielendes Kind

Auch in Madonnenbildern, denen die Schau viel Platz einräumt, ließ Raffael das Jesuskind nicht wie bei seinen Vorgängern üblich brav auf Mariens Schoß sitzen, sondern turnen, spielen, am Rock zupfen: Die Darstellung war auch theologisch revolutionär, denn Gott spielt bekanntlich nicht.

Raffaels Hauptwerke, die Fresken in den päpstlichen Gemächern (Stanzen), sind in der Schau durch ein Modell gegenwärtig. Dass die Abschnitte mit Entwürfen zu den Wandbildern von Werkgruppen unterbrochen werden, die Raffael parallel zu dem Auftrag schuf, erschwert das Zurechtfinden ein wenig – hier hätte die chronologische Organisation vielleicht durchbrochen werden können.

Doch das ist eine Randbemerkung angesichts der vielfältigen Bezüge, die sich in der Schau entdecken lassen – nicht nur zwischen Entwurf und Ausführung, auch zwischen dem Meister und seinen Vorbildern und Zeitgenossen wie Albrecht Dürer, mit dem Raffael sogar persönlich Bilder tauschte.

An diesem Geistestransfer teilhaben zu können, ist beglückend – möglich wird es durch den Umstand, dass diese Werke an einem Ort versammelt sind.