Kultur
16.11.2017

Rekordbild von Da Vinci: Die erste postfaktische Auktion

450,3 Millionen Dollar für den angeblich "letzten Da Vinci": Was Christie’s eigentlich verkaufte.

Zuletzt lag das Gebot bei 370 Millionen US-Dollar, dann verkündete der Christie’s-Spezialist Alex Rotter im Auftrag seines anonym Klienten am Telefon einen kapitalen Sprung: "400 Millionen." Als der Hammer fiel, rang das Saalpublikum hörbar nach Luft – und hielt seine Smartphones hoch. 450,3 Millionen US-Dollar (380,84 Mio. €) beträgt der Preis inklusive Prämien.

In den sozialen Medien tauschten einige sogleich ihr Profilbild gegen das Antlitz des " Salvator Mundi"aus.

Tatsächlich war eine Ikone und zugleich ein "Icon" im zeitgenössischen, digitalen Sinn verkauft worden. Christie’s hatte das Werk nicht zufällig in der Abendauktion für "Zeitgenössische Kunst" platziert – es war Teil einer orchestrierten Marketing-Strategie. "Historisch" war die Auktion insofern, als sie als erste "postfaktische" Auktion der Geschichte gelten kann: Zweifel an der Authentizität und Qualität des Bildes wurden durch einen medienübergreifend zelebrierten Geniekult einfach weggeschwemmt.

"Zeitgenosse" da Vinci

In der Kategorie "Alte Meister", zu der das um 1500 gemalte Bild zählen würde, werden keine solch astronomischen Summen geboten: Der Weltrekord wurde hier 2002 mit einem Rubens-Gemälde und 76,7 Millionen US-$ (samt Inflation heute ca. 105 Mio. US-$) erzielt.

Die Trophäenjäger, die enorme Summen für Kunst aufbringen können, investierten zuletzt eher in große Namen der Moderne und der Gegenwart: Fragen nach der Eigenhändigkeit und dem Erhaltungszustand spielen hier eine vergleichsweise geringe Rolle. Der bisherige Auktionsrekord für ein Gemälde waren 179,4 Millionen US-$, die 2015 für Picassos "Femmes d’Alger" gezahlt wurden. Abseits der Auktionssäle ging noch mehr: Um 210 Millionen US-$ erwarb die Herrscherfamilie von Katar 2015 Paul Gauguins Werk "Wann heiratest du", der Hedgefund-Milliardär Ken Griffin soll im selben Jahr 300 Millionen US-$ für ein Bild Willem de Koonings gezahlt haben.

Dass dem Gemälde " Salvator Mundi", das 1958 um 45 britische Pfund (!) den Besitzer gewechselt hatte, ein Status zukommen konnte, dass der Käufer bereit war, 450 Millionen zu bezahlen, bedurfte viel Arbeit. Durch den Preis hat das Werk nun aber eine zweite Aura bekommen: Es ist wertvoll, weil es wertvoll ist, und Punkt.

Bis heute sind Zweifel, ob das Christusbild aus der Hand Leonardo da Vincis stammt, nicht verstummt: Das Bildnis des segnenden "Weltenretters" ist nämlich eine recht fade Komposition, es fehlt die Lebendigkeit und Atmosphäre, die die Meisterwerke des Genies (1452 – 1519) kennzeichnen.

Die drei Kunsthändler, die das Gemälde 2005 als "Leonardo-Kopie" um weniger als 10.000 US-Dollar erwarben, waren dennoch fest entschlossen, seine Echtheit zu beweisen. Neben Forschungen, die das Bild mit einem verschollenen Leonardo-Christus aus dem Besitz der englischen Könige in Verbindung brachten, war Wiederherstellungsarbeit gefragt: Denn das Bild war – darüber herrscht in der Fachwelt wirklich Konsens – in schlechtem Zustand. Mehrfach gereinigt und übermalt, waren viele Details verloren gegangen.

"Tatsächlich müsste man die Restauratorin Diane Modestini als die teuerste heute lebende Künstlerin bezeichnen", schrieb Tom Campbell, Ex-Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York, nach der Auktion auf Instagram. In dem Museum war das Bild bereits 2008 studiert worden – doch erst 2011 zeigte die National Gallery in London das Bild in ihrer Da-Vinci-Ausstellung: Der Ritterschlag für das Gemälde.

Der "letzte Da Vinci in Privatbesitz" trat auf – und weckte Begehren: Ein Ding, das es nur einmal gibt, die Manifestation eines Genies, die sich sonst nicht kaufen lässt – eine Jahrhundertchance.

Zuerst erlag der russische Milliardär Dmitri Rybolowlew– er hatte auch Gustav Klimts "Wasserschlangen II" um kolportierte 183 Millionen Euro erworben – dem Reiz. Doch nach Streitigkeiten mit seinem Mittelsmann Yves Bouvier, der ihm zahlreiche Bilder massiv überteuert weiterverkauft haben soll, trennte sich der Russe vom "Salvator Mundi".

Jesus Christ, Superstar

Knapp 30.000 Personen sahen die "männliche Mona Lisa", die Christie’s daraufhin wie einen Rockstar auf Welttournee schickte, in Hongkong, London, San Francisco und New York. Ein Video, das die eigens für die Promotion engagierte Agentur kurz vor der Auktion verbreitete, zeigt die Gesichter ergriffenen Besucherinnen und Besuchern, darunter Leonardo di Caprio. "Sie sah die intimen Details im Leben der französischen und englischen Könige (...) was würde die Christusfigur nun über uns denken?" las man dazu.

Ja, was? Vielleicht fragt sich die Figur, ob sie selbst diese starken Reaktionen auslöst oder ob die Legende nicht doch die Hauptrolle spielt. Der "Salvator" wird jedenfalls merken, dass er Macht besitzt. Und dass sich jemand mit viel Geld diese Macht zu eigen gemacht hat.

Was man um 381 Millionen Euro sonst noch bekommt

Was könnten sich Reiche für 450 Millionen Dollar (ungefähr 381 Millionen Euro) sonst noch zulegen? Der Transfer des Fußballers Neymar wog 222 Millionen Euro, man könnte sich praktisch mehr als eineinhalb Neymars zulegen. Wer es lieber unternehmerisch anlegt, könnte Firmenanteile kaufen. Die verfügbaren Aktien von Zumtobel an der Börse etwa (Streubesitz) kosten 420 Millionen. Damit würden dem Käufer zwei Drittel der Firma gehören. Der – kleine – Streubesitz der Agrana ist 323, der – große – Streubesitz der Polytec 331 Millionen Euro schwer.