© APA/AFP/NICHOLAS KAMM

Online-Protest
06/23/2020

Was eine Tanzvideo-App und K-Pop mit Trumps Blamage zu tun haben

Eine Onlinekampagne rund um koreanische Popmusikfans will für leere Ränge in Tulsa gesorgt haben. Eine Erklärung.

von Georg Leyrer

Wie destruktiv und voller Hass das Internet, und da insbesondere die sozialen Medien, sein kann, das weiß Donald Trump so gut wie kaum ein anderer: Der US-Präsident selbst verwendet Twitter in den politischen Debatten wie einen argumentativen Flammenwerfer.

Es gibt jedoch etwas (und vielleicht wirklich nur das), das online noch stärker ist als Hass: Wenn nämlich eine Gruppe von Usern beginnt, sich über etwas lustig zu machen und die Macht der Masse derart kanalisiert, dass auch die ernsteste Angelegenheit zur Lachnummer wird.

Was wiederum meist durchaus ernste Aspekte hat.

Ausgerechnet Donald Trump könnte nun Opfer einer derartigen Onlinekampagne geworden sein – ein weißer Boomer, für den TikTok und K-Pop Fremdwörter sind. Der einer altmodischen Weltsicht anhängt, und der genau deshalb öffentlich blamiert wurde. Denn eine derartige Online-Spaßkampagne könnte dafür gesorgt haben, dass bei Trumps groß angekündigter Wahlkampfrede in Tulsa viele Sitze leer blieben.

Für den quotensüchtigen Präsidenten eine empfindliche Schmach.

Weltmusik

Um zu durchschauen, was da passiert ist, muss man zuerst ein paar Ebenen durchtauchen: Es gibt TikTok. Das ist eine App fürs Handy, auf der junge Menschen in der Hauptsache kurze Tanzvideos hochladen.

Es gibt K-Pop, koreanische Popmusik, eine riesige und finanzträchtige Szene. Die ist im Westen vielen unbekannt, produziert jedoch dank der Popularität in Asien immer wieder einige der weltweit meistgehörten Hits.

Aber da fängt es erst an.

Es gibt nämlich auch Alt TikTok. Das sind Menschen, die sich auf TikTok über jene lustig machen, die die App für Tanzvideos verwenden. Quasi die Klassenschlingel in der TikTok-Schule: Die finden Angepasstheit lahm und verspotten die Musterschüler.

Von dort ist es nicht weit zu politischem Aktivismus. Denn auch wenn Trump auf einem durchaus pubertätsähnlichen Protest-Ticket die Präsidentschaft gewonnen hat: Es gibt Ecken im Internet (eine davon Alt TikTok), die Boomer-Weltsichten wie Rassismus und allzugroße Autorität etwa der Polizei verachtenswert finden. Darunter offensichtlich viele Teenager, die koreanischen Pop hören und sich allein dadurch vom amerikanischen Mainstream abheben. Und natürlich auch schwarze TikTok-User.

So brauchte es nur einen nächtlichen Aufruf – interessanterweise von einer 51-Jährigen: Mary Jo Laupp stellte ein Video hoch, in dem sie dazu aufrief, bei Trumps Veranstaltung am 20. Juni online Sitze zu reservieren. Und diese dann leer zu lassen.

Inzwischen hat das Video 2 Millionen Aufrufe, die Kampagne hat sich von TikTok und Twitter auf andere soziale Medien ausgedehnt – und Trump stand vor vielen blauen und leeren Sitzen. Sein Team hat aufgrund der Onlineanfragen mit so vielen Besuchern gerechnet, dass sogar Reden an einem zweiten Freiluft-Bereich geplant waren. Dort war fast niemand.

Es war ein Musterbeispiel dessen, was das Teenagersein und Protest im Online-Zeitalter ausmacht. Die Kampagne zog mehrere Tage ihre Kreise – unter dem Radar nicht nur der Trump-Mannschaft, sondern auch der Medien und der Erwachsenen. Trau keinem Offliner über 20.

Es ist eine Geschichte, die niemanden erstaunen dürfte – und dennoch überrascht. Es ist aber eine Geschichte, die noch eine Facette hat. Denn es wäre nicht überraschend, wenn der TikTok-Protest unterschwelligen Anschub aus China bekommen hätte.

TikTok ist die erste App aus China, die weltweit Anklang gefunden hat. Zusammen mit dem Korea-Konnex ergibt das eine auffällige asiatische Schlagseite. Nach all dem Aufheben, das um die Wahleinmischung aus dem vergleichsweise schmächtigen Russland von Wladimir Putin gemacht wurde, würde eine nunmehrige Einmischung Chinas weltpolitisch interessante Zeiten einläuten.

Apropos: Für manchen der noch nicht wahlberechtigten TikTok-Aktivisten war die Kampagne auch eine erste politische Äußerung. Und damit auch eine Art Vorbote: Denn die Teenager-Onlinewelt wird von der herkömmlichen Politik weder verstanden noch beachtet. Wenn die sich vermehrt politisch engagiert, wird vieles anders.

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