Kultur
27.08.2016

Was den Menschen ausmacht, verschwindet

"Kopfzecke" von Iris Blauensteiner: Die Demenzkrankheit der Mutter ändert alles.

Es ist zum Verzweifeln. Moni will, dass ihre demenzkranke Mutter aus ihrem Leben erzählt. Doch die wird immer stummer. Um ihre Erinnerungen zu wecken, fährt Moni mit ihr auch zum längst verkauften Elternhaus. Aber das Haus ist weg.

An seiner Stelle steht ein Neubau mit Solarzellen auf dem Dach. Die alten Bäume sind vom Grundstück verschwunden. Wie ausradiert. "Wahrscheinlich ist es das Landhaus einer jungen Familie, die sagt: Das ist unser Haus. Was vor uns war, wissen wir nicht", denkt Moni.

Iris Blauensteiner erzählt vom Festhalten an Erinnerungen, von der Suche nach Identität und Beziehungen, die einen Menschen prägen.

"Man ist nie allein beim Finden seiner Identität, man geht immer in Beziehung zu Menschen oder Orten", sagt sie im KURIER-Gespräch. Das ist das Thema, das sie interessiert. Das Thema, von dem die 30-jährige Wienerin aus der Sicht einer 56-Jährigen erzählt.

Auf Jugendfotos sieht Monis Mutter glücklicher aus, als Moni sie je erlebt hat. Manchmal redet die Mutter russisch, die Bilder des russischen Mannes, mit dem sie so glücklich ausgesehen hat, hat sie aber verbrannt. Vieles bleibt wie unter einer Nebeldecke verborgen. Etwa, warum Monis Vater sich nie für sie interessiert hat und ihre Mutter erst im hohen Alter milde über ihn sprechen konnte.

Mauer des Vergessens

Die Mutter baut eine immer höhere Mauer um sich auf, lässt immer weniger in ihr Leben blicken. Die Verzweiflung springt den Leser zwischen den Zeilen an. Zwischen scheinbar banalen Episoden. Auch wenn die demenzkranke Frau noch vor Moni sitzt, geht das, was sie ausgemacht hat, verloren. Ihre Persönlichkeit wird immer dünner. Was bleibt, ist die Hilflosigkeit von Tochter und Mutter. Blauensteiner beschreibt einfühlsam, wie Moni an ihre Grenzen stößt. Zerrieben zwischen dem Wunsch, mehr zu erfahren und der Notwendigkeit, sich abzugrenzen, um sich nicht selbst zu verlieren. Kraft für andere Beziehungen fehlt. Von ihrer Liebschaft distanziert sich Moni immer mehr. Sie ist einsam, kraftlos.

Blauensteiner erzählt bruchstückhaft. So wie sich Erinnerungen aus Episoden zusammensetzen, die kein vollständiges Bild ergeben. Manche Passagen klingen wie Erinnerungsfetzen, die Moni ihrer Mutter auf Post-its an die Wohnungstür klebt. "Nicht ins Kino gehen" oder "Fernseher einschalten: rote Taste links oben" steht auf diesen Zetteln.

"Das Große liegt immer zwischen den Dingen, man kann es nie fassen", sagt die Autorin. Ihr Buch ist keine Berieselung. Man muss sich auf Moni einlassen, die in der Pflege ihrer Mutter untergeht.

Iris Blauensteiner:Kopfzecke“
Verlag Kremayr & Scheriau.
176 Seiten. 19,90 Euro.

KURIER-Wertung: ****