Kultur 03.01.2018

Warum die Künstler schweigen

Ein weiterer Stein in der Mauer: Roger Waters, Ex-Mastermind von Pink Floyd, hat sich den Boykott von Israel als Hobby ausgesuch… © Bild: REUTERS/STRINGER

Analyse: Wer auf künstlerische Wegweiser durch schwierige Zeiten hofft, wartet vergebens – oder hört neue Töne.

Stürmische Zeiten sind’s, die Welt wird rasant komplizierter. Populismus und gesellschaftliche Zersplitterung bestimmen das Bild, alte und neue Gräben und Grenzen werden gezogen und vertieft.

Nur eines fehlt auffällig: Eigentlich wäre Hochsaison für sensibilisierende Appelle von Künstlerseite, für Aufrufe zu Menschlichkeit, zu Rücksicht und so weiter.

Das kennt man von früher: Bei gesellschaftspolitischen Kontroversen war die gegensteuernde Rede eines Kulturschaffenden nicht weit, was manche ermuntert, bestärkt – und manche auch aufgeregt hat.

Wer sich heute danach sehnt, tut dies aber großteils vergebens: Die Welt wird uns zwar von jedem Menschen mit einem Facebookaccount und einer Meinung, aber auffallend selten von Kulturmenschen erklärt und zurechtgerückt.

In die Aufgeheiztheit

Mehr noch. Wer ernsthaft Kategorien wie "Gutmensch" auf Künstler anwendet, wird sich zuletzt damit schwergetan haben. Denn gar nicht wenige bekannte Figuren legten jüngst eher davon Kunde ab, sich genauso wie der Rest der Gesellschaft im politischen Koordinatensystem, das zuletzt ordentlich wankte, verloren zu haben. Also nicht mehr mit gutem oder gut gemeintem Vorbild voranzugehen, sondern mitten in die neue Aufgeheiztheit hineinzuagitieren, und daher mit dem neuen und nicht dem alten Zeitgeist mitzugehen.

Das sind ungewohnte Töne. Und es geht gar nicht um Andreas Gabalier. Sondern etwa um Peter Cornelius, der einige der eindrücklichsten Songs der 80er geschrieben hat, und nun im Krone-Interview davon sprach, dass wir "in Europa eigentlich umgevolkt werden sollen".

Oder um den ehemaligen Pink-Floyd-Bassisten Roger Waters, dessen vordringlichstes politisches Ziel heute ist, Künstler öffentlich zu attackieren, die in Israel auftreten – und der damit, je nach Interpretation, altlinke Israelfeindlichkeit, Antisemitismus oder schlicht einen verstellten Blick auf die Komplexität des Nahostkonflikts beweist. Nebenbei zeigt er auch auf, wie wenig selbst Altstars an die politische Kraft des Rock glauben: Wo, wenn nicht in einem Land, dessen Politik man ändern will, sollte man ein Konzert geben?

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Singer Lorde arrives at the MTV Video Music Awards 2017, In Inglewood, California, on August 27, 2017. / AFP PHOTO / TOMMASO BOD… © Bild: APA/AFP/TOMMASO BODDI

Jüngste Zielscheibe Waters’: Die junge Sängerin Lorde, die einen geplanten Israelauftritt wieder absagte – und nun wiederum genau dafür kritisiert wird.

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The British singer Morrissey performs during his concert in the Citibanamex arena in Monterrey Nuevo Leon on March 29, 2017. / … © Bild: APA/AFP/JULIO CESAR AGUILAR

Von Ex-Smiths-Sänger Morrissey, der schon immer gerne zum meinungspolitischen Gegenschlag ausholte, oder von Xavier Naidoo und seinen Aluhut tragenden Ansichten zum deutschen Staat muss hier gar nicht mehr die Rede sein.

Christian Thielemann
ABD0043_20180101 - ARCHVI - Dirigent Christian Thielemann steht vor dem Orchester der Sächsischen Staatskapelle am 03.10.2016 be… © Bild: APA/dpa-Zentralbild/Jan Woitas

Aber vielleicht von der Aufregung um das Silvesterkonzert von Christian Thielemann in Dresden, wo er bei einer 100-Jahr-Feier zur UFA auch von den Nazis zur Propaganda eingesetzte Schlager spielen ließ. In neuer, immerhin sich distanzierender Interpretation zwar. Aber halt auch in der Pegida-Hochburg Dresden, und in dem Jahr, in dem die AfD drittstärkste Partei wurde.

Andererseits werden in Österreich politische Dinge widerspruchslos durchgewunken, die noch vor wenigen Monaten lautstarke Empörung nach sich gezogen hätten.

Kultur ist auch gesellschaftlicher Signalgeber. Nur: Welche Signale hört man hier neuerdings?

Und warum sind andere so auffällig verstummt?

Eine nicht geringe Rolle spielt wohl, dass sich der allgemeingültige und unspezifische Appell an den Humanismus schwertut, wenn er sogleich niedergebrüllt wird.

Der hehre Appell ist ein sensibles Wesen, das Zeit und Stille zur Entfaltung braucht. Und Aufnahmebereitschaft im Empfänger, um zumindest bei denen etwas zu bewegen, die ihm nicht schon bis an die Zähne bewaffnet begegnen. Diese Stille gibt es nicht mehr: Jedem Appell stellt sich online die Zorneswucht jener entgegen, die sich von aktuellen Entwicklungen bedroht fühlen.

Das laute Schweigen ist auch banal medienmechanisch erklärbar: Ein allgemeiner Appell hat weit weniger Chance, in den sozialen Medien geteilt zu werden, als eine sehr konkrete Horrorstory über Flüchtlinge. Dazu kommt noch die so grassierende wie heftige Eliten-Ablehnung und die Abschottung der Meinungsgruppen.

Aus der Defensive

Aber das ist nicht alles. Politik funktioniert heute auch simpel anders, ebenso wie die Kultur. 50 Jahre ist der Glaube an die Rock-Revolution bereits her, die jungen Menschen von heute stehen vor ganz anderen Fragen. Diese lassen sich auch nicht mehr in vorgegebene Kastln – rechts? links? – einordnen.

Was es deutlich schwieriger macht, an die Masse gerichtete politische Wegweiser aufzustellen: Kaum je kann man sich außerhalb seines nahen Umfelds sicher sein, die gleiche politische Sprache zu sprechen. Also nähert man sich dem schweren Erbe der Babyboomer mit Zorn – im Hip-Hop – oder mit Ironie und Sarkasmus: Die neuen Fiebermesser der Gesellschaft, das neue Korrektiv sind die Satiriker, deren schnell getaktete Kunstform für die neue Medienwelt weitaus geeigneter ist. Und auch keine Lösungen präsentieren muss.

( kurier.at ) Erstellt am 03.01.2018