Kultur
08.03.2013

Vorwurfsvolle Kuh

"Mörikes Schlüsselbein": Die Bachmann-Preisträgerin erschafft in ihrem neuen Roman einen Dichter.

Der Text, mit dem sie in Klagenfurt 2012 gewann, beginnt mit den Worten:
„Ich werde sagen: Hi ...“
Von Moritz wird erzählt, der ein paar Tage bei seiner langweiligen Tante Anita verbringt, an ein Mädchen denkt, das ihm Eis verkauft – und der dichtet.

Olga Martynovas Text wog schwer, aber kam trotzdem daher wie ein Lüfterl, und fast jeder beim Bachmann-Preis freute sich über die Abwechslung. Sonst war nämlich vor allem von Hunden, Fröschen, Hühnern und Kamelen die Rede gewesen.
Das Kapitel wuchs sich mittlerweile zum Roman „Mörikes Schlüsselbein“ aus. Nun lüftelt es 320 Seiten, man atmet noch immer genießerisch ein – was beachtlich ist und seltsam zugleich.
Denn oft zuckt man beim Lesen zusammen: Wo bin ich hier? Was soll ich da? Was will man von mir?
... und lässt sich (hoffentlich) gehen.

Mundgeruch

Ein Flugzettel flattert durchs Buch der in Sibirien geborenen und in Frankfurt lebenden 50-jährigen Olga Martynova: Training für Menschen wird angeboten, die ihre Antipathien überwinden möchten – z. B. gegen Kollegen mit Mundgeruch .
Aber das ist nicht DIE Geschichte.
Ebenso wenig wie es die Geister in der Taiga sind, die Menschen verfolgen und fordern: „Werde Schamane!“
Und auch die grün-orange Decke, mit deren Hilfe man durch Zeit und Raum reisen kann, liegt nicht im Zentrum des Romans. Ein Einfall geht in den anderen über, man wird vom Hundertsten ins Tausendste mitgenommen und wieder retour geschickt. Moritz hält alles zusammen. Mit Vater, Stiefmutter und Schwester war er – und so beginnt alles – in Tübingen. In einem Glaskasten sah er verwundert das Schlüsselbein Eduard Mörikes (1804–1975) ausgestellt, angeblich eine Leihgabe. Dieses Ausstellungsstück gab’s tatsächlich. Jedoch handelte es sich um einen Studentenscherz, Mörikes Gebeine ruhen am Stuttgarter Pragfriedhof.
Jedenfalls erwacht angesichts dieses Schlüsselbeins der Dichter in Moritz. Schon beim anschließenden Spaziergang im Park denkt er: Trunkene Schwäne. Vertrunkene Schwäne. Getrunkene Schwäne. Schwäne sind untrinkbar.
Hier wird ein Dichter geboren, und ein anderer wird sterben, und darauf kommt es an in diesem Roman: dass die Poesie immer weiterlebt, weil die Welt sonst wahrscheinlich gar nicht existieren würde.

Puh, harte Arbeit, Olga Martynova verstehen zu wollen. Schöne, harte Arbeit. Sie ist auch Lyrikerin. Viele ihrer Sätze sind Gedichte zum Verweilen. Zum Beispiel, wenn Moritz’ unglücklicher Vater im Alter von etwa 50 Jahren in sein Tagebuch schreibt: „In der Mitte des Lebens Wird aus der Kuh ein Fabeltier, das dich vorwurfsvoll anschaut.“

Weil halt so viel falsch läuft; und ohne die richtigen Bücher man sowieso erschossen wäre.

KURIER-Wertung: **** von *****