Kultur
04.11.2018

Verteidigung des Smartphones: Meine geliebte Kulturmaschine

Handys machen ungeduldig, unaufmerksam und blöd? Nur wenn man sie lässt. Gerade für die Kultur kann dieses Gerät ein Segen sein.

Beziehungen können nur dann blühen, wenn man den – oder das – andere nicht missversteht. Kein Wunder also, dass so viele Menschen sich in einer ungesunden, komplizierten Partnerschaft mit ihrem Smartphone wiederfinden: Die meisten Menschen sitzen nämlich dem anhaltenden Irrglauben auf, dass sie ein Gerät vor sich haben, das der Kommunikation gilt.

Welch ein Irrsinn! Dieses Dauergequake unnützer Nachrichten, das Gift der sozialen Medien, der Psychoterror teilfreudiger Freunde dritten Grades – wer sein Handy dafür verwendet, riskiert die allzubekannte Mischung aus Abhängigkeit und Beziehungserschöpfung.

Rund um die Uhr Kultur

Aber: Um Himmels Willen, das ist doch kein Telefon! Smartphones sind vielmehr der perfekte Weg, rund um die Uhr Kultur zu konsumieren. Und so genützt sind sie die Erfüllung eines Traumes, ein Glücksgarant und eine unglaubliche Bereicherung.

Mein Smartphone ist meine geliebte Kulturmaschine, und für mich das neue Gesamtkunstwerk. Dabei geht es nicht um Oberflächlichkeiten des Designs oder der Statussymbolik: Smartphones sind austauschbare Gebrauchsgegenstände, ein aktuelles Mittelklassegerät ist bei weitem ausreichend (siehe unten).

Wenn die Kulturmaschine darauf aber einmal läuft, dann entwickelt sie einen zugleich beruhigenden wie inspirierenden Sog.

Das Smartphone ist, wenn ich aufwache, nach dem nächtlichen automatischen Download bereits voll mit den besten Radiofeuilleton-Features aus aller Welt (zumindest jener Sprachkreise, mit denen ich etwas anfangen kann). Es bietet mir, gezielt und kompakt, den Kulturjournalismus der besten Medien.

Es macht, dass Wagner, Hip-Hop und Kinderhörspiele aus dem Wlan-Lautsprecher kommen. Es bietet mir allwöchentlich die Popneuerscheinungen, die man gehört haben sollte, und all die obskuren Klassik-CDs, die ich früher extra bestellen musste. Es schlägt mir Bücher vor und Filme und zeigt mir immer, wenn ich es aufdrehe, ein Bild von Kasimir Malewitsch.

Es sagt mir, wenn eine neue Folge einer mir wichtigen Serie kommt. Es bietet mir, als direkten Architektur- und Science-Fiction-Genuss, einen endlosen Strom an Drohnenaufnahmen der schwindelerregenden Hochhäuser chinesischer Millionenstädte. Und von all den neuen Games, zu denen ich nicht komme, Videos, um mir einen Eindruck zu verschaffen.

Es bietet neue Filmtrailer und verschüttgegangenen „Star-Wars“-Dokus aus den 70er Jahren.

Es geht über vor Kultur in allen Formen, vor Alltags- und Hoch-, vor Pop- und Randkultur. Es zeigt, wie umfassend das Internet von Kultur durchdrungen ist. Das Smartphone ist da fürs aktive Erforschen und fürs genießerische Zurücklehnen.

Man muss sich nur dazu entschließen, zu widerstehen. Die Handy-Apps sind wie das allumfassende Angebot im Supermarkt: Eigenverantwortung ist gefragt. Natürlich kann man sich jedes Mal Schnitzel, Burger oder Pizza reinziehen. Oder man ersteht etwas, das dem Körper und dem eigenen Dasein gut tut.

Dem Kick an den Kragen

Davon gibt es im App-Store Ihres Vertrauens bei weitem genügend: Denn das Smartphone ist längst zur umfassenden Kultur- und Medienmaschine geworden; wenn sich nur die Verlockungen des schnellen Dopamin-Kicks, die so andere viele Apps bieten, verbietet.

Ist nicht leicht? Mag sein. Von derartigem Versagen vor einer raschen Befriedigungsaussicht weiß die Kultur viel zu erzählen – Faust! Orpheus und Euridyke! Eine verhängnisvolle Affäre!

Das Smartphone reiht sich hier nahtlos ein. Es kann totalverblödendes Zeitdiebstahlsheroin sein; oder den alten Traum vom überall verfügbaren menschlichen Kulturschaffen wahr werden lassen. Es ist alles nur eine Frage der Einstellung (am Handy). Die Devise lautet: Mach kaputt, was dich kaputt macht. Es mangelt nicht an Online-Ratgebern, wie man dies tut: Die einfachste Lösung ist, sinnlose Zeitfresser wie Twitter, Facebook, WhatsApp, Snapchat und all die anderen Apps, die den Ärger auf- und die Geduld abbauen, ganz simpel zu deinstallieren. Möglichst alle Benachrichtungen – wann haben Sie die letzte wirklich wichtige Email bekommen? – abzudrehen. Und wer sich trotzdem dabei ertappt, allzuoft zum Smartphone zu greifen, dem hilft noch ein weiterer Trick: Bestimmte Apps machen den Startbildschirm schwarz-weiß – was den Drang zum Hinschauen besänftigt.

Gerade der Kulturmensch wählt aber oft einen anderen Weg: Er gefällt sich lieber in stolzgeschwellter Ablehnungshaltung. Man verdammt die Schnelllebigkeit und die Oberflächlichkeit und nützt das Smartphone am liebsten wie ein Vierteltelefon: Als kastriertes Kommunikationsübel.

Das ist fatal, und zeigt doch nur, dass man das Smartphone nicht im Griff hat. Das Nichtnützen der fantastischen Möglichkeiten am Wischbildschirm ist vielleicht das größte Kulturversagen, dem man sich heute aussetzen kann, ähnlich sinnvoll wie das einstige Gejammere über die Kulturzersetzung durch Radio und Fernsehen. Das Smartphone ist so sehr Kulturspender, wie man es lässt. Und wer nur auf den Un- und Irrsinn verweist, der daraus auch fließen kann: Das gilt ganz genauso für das Kulturgut Buch. Wer sich in den hinteren Seiten der Verlagsbroschüren – oder auch nur in den Top-50 der Paperback-Bestsellerlisten – umtut, findet dutzendweise Gegenbeispiele für den viel gepriesenen Kulturwert des Buches. Lesen heißt noch lange nicht: Etwas Gescheites lesen. Smartphonenutzung heißt noch lange nicht: Sucht und Verblödung.

In den USA, so berichtete die New York Times jüngst, tut sich eine neue Bruchlinie zwischen Arm und Reich auf: An den teuren Privatschulen werden Bildschirme gerade radikal aus dem Unterricht entfernt, auch die Nannies müssen am Nachmittag Smartphone und Tablets verstecken.

Die reichen US-Eltern – wenig überraschend vor allem die, die im Silicon Valley an vorderster Front mitbekommen, wie zielgenau viele Apps auf Sucht getrimmt werden – sehen nur Nachteile für ihre Kinder, wenn die mit Smartphones in Berührung kommen. Arme Kinder hingegen sollen am Bildschirm lernen und werden oft auch dahinter geparkt.

Selbstverschuldet mündig

Es mag viel dran sein, sehr zögerlich zu sein – bei Kindern. Bei Erwachsenen aber gilt keine Ausrede: Das Smartphone ist – außer bei wirklich diagnostizierbar Süchtigen – die große Herausforderung für den mündigen Bürger.

Wer heute wirklich erwachsen sein will, für den ist die Bezwingung des Smartphones soetwas wie die Reifeprüfung, eine fast existentielle Entscheidung: Auch mit dem Auto fährt der in sich ruhende Mensch nicht immer Höchstgeschwindigkeit; und niemand würde ernsthaft dem Auto die Schuld daran geben, wenn er selbst zu schnell unterwegs ist.

Man erkennt Menschen daran, wie sie mit Kellnern umgehen? Künftig noch leichter daran, in welcher Beziehung sie mit ihrem Smartphone stehen.

Und wer diese Prüfung besteht, wird reich belohnt: Mit Kultur, mit Inspiration, mit einer hohen Dosis an Schönheit. Und damit, dass Kultur an und für sich schon eine Schulung in Befriedigungsverzögerung ist: Wer Entschleunigung sucht, findet sie ausgerechnet im Smartphone.

Meine Apps

Fernsehen

Das schöne neue Serienfernsehen hat in seiner Ästhetik durchaus den Smartphoneschirm im Visier: Viele charaktergetriebene Serien funktionieren ganz genauso gut am Handy. Apps gibt es zur Genüge – Netflix und Amazon Prime sind die Platzhirschen auf meinem Smartphone. Um nicht den Überblick zu verlieren, erinnert Series Guide an aktuelle Folgen. Aber Fernsehen ist mehr als Serien: Die endlosen Nischen auf YouTube oder die Game-Streams auf Twitch. Wer nicht selber aussuchen will: Neverthink bietet ein kuratiertes Videoangebot. Und wenn Kinder schon schauen, dann hoffentlich die tolleKikaninchen-App.

Hören

Natürlich: Musik. Welchen Streamingdienst man nimmt, ist Geschmackssache, bei mir: Spotify, es gibt aber auch Angebote von Amazon und Apple und vielen anderen. Via Sonos-App schickt man jede Musik auf die WLAN-Lautsprecher, kostenloses Live-Radio aus aller Welt gibt es auf Tune-In. Jede bessere Podcast-App – bei mir: Player FM – lädt Nacht für Nacht automatisch Kultur- und Tech-Radiosendungen aus aller Welt aufs Handy. Ein Traum!

Schauen

Instagram bietet mir vor allem Hochhausfassaden aus China. Aber es gibt dort auch viel Kunst.

Lesen

Für Buchempfehlungen – bei mir über Kobo – ist man immer dankbar. Reddit bietet alles zu den obskursten Themen. Und die beste App überhaupt: Ein RSS-Reader (bei mir: Tiny Tiny RSS). Damit abonniert man Medienseiten – etwa die Kulturberichterstattung in aller Welt. Heraus kommt der dichteste und lärmbefreiteste Strom an fantastischen Kulturstorys.

Es muss nicht immer ein iPhone sein

Auch wenn Apple jedes Jahr ein großes Geheimnis um seine neuen iPhones macht, kann man sich bei einem meistens sicher sein: Sie werden teurer als im Vorjahr. Auch heuer war das der Fall: Wer das aktuelle iPhone Xs kaufen will, legt mindestens 1149 Euro hin.

Für die größere Variante Xs Max in höchster Speicherausführung (512 Gigabyte) werden sogar 1649 Euro fällig.

Etwas günstiger ist das iPhone Xr. Dafür muss man Einbußen bei Display und Fotoqualität hinnehmen. Der Akku hält aber sogar länger als bei den hochpreisigen Alternativen und man ist ab 849 Euro schon dabei. Es müssen aber nicht die aktuellsten oder teuersten Modelle sein. Wer auf den Apfel verzichtet, kann etwa zu aktuellen Mittelklasse-Modellen der Konkurrenz greifen, die mit Googles Betriebssystem Android ausgestattet sind.

Besonders hervorsticht hier der chinesische Hersteller Xiaomi. Das Modell Mi 8 ist bereits ab 400 Euro zu haben und bietet eine Leistung, die für den alltäglichen Medienkonsum mehr als ausreichend ist. Gleiches gilt für das aktuelle Huawei Mate 20 Lite (399 Euro) sowie das neue Nokia 7.1. Das Gerät ist seit vergangener Woche in Österreich um 349 Euro erhältlich. Es lohnt sich auch immer wieder einen Blick auf Spitzenmodelle der letzten Jahre zu werfen, die oft ebenfalls preisreduziert erhältlich sind.

Wer zu günstigeren Handys greift, wird im Alltag wohl in erster Linie bei der Kamera Unterschiede merken. Gerade bei schlechten Lichtsituationen spielen Mittellasse-Modelle nicht in der obersten Liga mit. Auch bei der Verarbeitung muss man mit Plastik statt Metall leben. Wer das Smartphone in erster Linie zum Konsumieren von Musik, Videos oder Social Media verwendet, wird im Vergleich zu Geräten, die mehr als das Doppelte kosten, oft nur einen kleinen Unterschied wahrnehmen können.

In Sachen Ausstattung müssen sich die 400-Euro-Smartphones nicht verstecken. Ein Fingerabdrucksensor ist mittlerweile genauso Standard wie ein hochauflösendes Display. Und wer tatsächlich Gefallen an Apples umstrittenen „Notch“ (die Kante am oberen Rand) findet, sei auch beruhigt: Das umstrittene Designelement wurde von der Konkurrenz vielfach übernommen. Thomas Prenner