Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler hat viel zu tun: Nicht nur das Wien Museum ist eine Baustelle

© APA/ROLAND SCHLAGER

Interview
08/01/2020

Veronica Kaup-Hasler: "Macht nicht mehr, bezahlt adäquat!"

Die Wiener Kulturstadträtin über Fair Pay und die Tücken gerechter Entlohnung. Denn auch Ausbeuter werden subventioniert.

von Thomas Trenkler

Die Maßnahmen zur Eindämmung von Corona verunmöglichte vielen freischaffenden Künstlern, Geld zu verdienen. Deren finanzielle Situation war aber auch davor trist – trotz sozialdemokratischer Kulturpolitik. Um auf ihre Lage aufmerksam zu machen, haben nun auch die freien Musikschaffenden eine IG gegründet. Im Vorstand sitzen u. a. die Oboistin Ana Inés Feola und der Kontrabassist Johannes Stöcker.

Veronica Kaup-Hasler, die Wiener Kulturstadträtin, hat zumindest den festen Willen, etwas zu verändern. Denn sie kennt die Nöte der Kunstschaffenden aus ihrer Zeit als Dramaturgin und Festivalleiterin.

KURIER: Sie propagieren Fair Pay. Was verstehen Sie darunter?

Veronica Kaup-Hasler: Es geht um die gerechte Bezahlung der künstlerischen Arbeit – und um einen Prozess der Bewusstmachung. Im performativen Bereich gab es seit den späten 1990er-Jahren eine Entwicklung hin zum Dumping: Die Veranstalter zahlen immer schlechter, um eine programmatische Dichte mit geringen finanziellen Mitteln zu ermöglichen. Institutionen der freien Szene wie das HAU in Berlin haben Gagen teilweise ganz ausgesetzt – mit dem Hinweis, dass Künstler ja durch die Einbettung in ein Programm bereits eine „Promoting“-Plattform hätten. Viele Künstler haben daher gar keine Chance, an eine Pensionsvorsorge oder soziale Absicherung zu denken. Weil man das, was man verdient, in die Miete und ins Überleben stecken muss. Dagegen müssen Maßnahmen gesetzt werden. Die Corona-Krise macht den Fair-Pay-Gedanken umso dringlicher.

Welche konkreten Maßnahmen wollen Sie ergreifen?

Das Problem ist, dass es im Kulturbetrieb derart viele unterschiedliche Felder gibt. Es gibt daher keine Richtschnur, die für alle gilt. Und so haben wir im April 2019 ein Symposion veranstaltet: Wir forderten die Szenen auf, über gerechte Bezahlung nachzudenken. Denn Lösungen können nur von ihnen formuliert werden. Lediglich im performativen Bereich – überall dort, wo es um Auftritte und Probenzeiten geht – kann man relativ einfach ein Paket schnüren: Das und das ist eine faire Bezahlung, die nicht unterschritten werden darf. Dass der Bund diese Initiative mittlerweile aufgegriffen hat, ist begrüßenswert – wenngleich konkrete Maßnahmen seinerseits bisher ausständig sind.

Können die Institutionen überhaupt zur fairen Bezahlung gezwungen werden?

Ich regiere nicht in Institutionen hinein. Ich kann nur von außen zum Umdenken anregen. Was zur Folge hat, dass die Institutionen eine adäquate Erhöhung der Subventionen fordern. Weil eben bei Fair Pay die Personalkosten ansteigen. Und wir haben bereits bei den Mittelbühnen Subventionserhöhungen vorgenommen. Sie sollen sich nicht in einer größeren Fülle an Veranstaltungen niederschlagen. In Wien gibt es ohnedies ein ungeheuer vielfältiges Kulturangebot. Ich fordere von ihnen: Macht nicht mehr, sondern bezahlt adäquat!

Das heißt aber: Man bekommt weiterhin Subventionen von der Stadt, auch wenn man nicht fair bezahlt?

Wir können eben nur Richtlinien empfehlen. Zudem sind die Jurys und Beiräte aufgefordert, sich bei der Prüfung der Anträge die veranschlagten Honorare anzusehen. Wir sind aber keine Wirtschaftsprüfer.

Also können viele Privattheater weiterhin ausbeuterisch agieren?

Diese Privattheater bekommen von uns zwar eine Subvention, sind aber wirtschaftlich sehr autonom. Ich kann nicht etatistisch in deren Geschäftsgebarung eingreifen. Zudem: Bei diversen Kulturwirtschaftsbetrieben muss – aufgrund der Ausrichtung und der Ästhetik – die Verantwortung der öffentlichen Hand nicht einen bestimmten Rahmen überschreiten.

Die Förderung zum Beispiel für das Gloriatheater, das eher leichte Kost anbietet, mit 550.000 Euro im Jahr 2019 ist gerechtfertigt?

Wir sind ja keine Geschmackspolizisten, sondern unterstützen das Gloria, weil es das einzige Theater jenseits der Donau ist.

Das Gloriatheater zahlte Schauspielern mitunter nur 60 Euro pro Vorstellung.

Ich würde sagen: Das ist ein Statistengehalt. Für einen Statisten wäre das okay, nicht aber für einen Schauspieler.

Was wäre okay?

Die von der IG Freie Theater vorgeschlagene Mindestgage – 165 Euro brutto pro Tag für Probenzeiten und Vorstellungsgagen von mindestens 200 Euro – finde ich eigentlich eine gute Zielvorgabe. Aber ja, es handelt sich um eine Empfehlung. Und es gibt auch – noch – keine Musterverträge. Daher: Ich kann mir einen Kollektivvertrag für die Freie Szene vorstellen.

Auf Ihren Wunsch hin wird ein neuer, längst überfälliger Kollektivvertrag für das Volkstheater, die Josefstadt und das Theater der Jugend erarbeitet.

Er ist schon weit gediehen. Die Gewerkschaft hat sich mit den Sozialpartnern u. a. über Arbeitsbedingungen sowie den Aufbau eines marktadäquaten Gehaltsschemas geeinigt. Weitere Ziele sind die Vermeidung von tageweisen Beschäftigungen, die Reduktion von Teilzeitbeschäftigungen, die Flexibilisierung der Arbeitszeiten – und der Entfall von Prämien für Leistungen, die Bestandteil einer erhöhten Grundgage sein sollen, darunter das Kuttengeld und die Klaviertragprämie. Da wir die Subventionen angehoben haben, gibt es nun in allen drei Häusern bei der Reinigung und beim Publikumsdienst keine prekären Arbeitsverhältnisse mehr.

Auch im Film gibt es Kollektivverträge. Und in der bildenden Kunst?

Das ist eine schwierige Frage, weil bildende Künstler zumeist vereinzelt arbeiten und nicht an Institutionen gebunden sind. Ich kann nur da Hilfestellung leisten, wo ich handlungsmächtig bin. Wir haben das Ankaufsbudget für bildende Kunst auf 440.000 Euro erhöht – und damit fast verdoppelt. Und die Kompositionsförderung sogar verzehnfacht.

Sehr oft werden bei Ausstellungen nur Produktionszuschüsse gewährt. Wie sieht das beim MUSA aus? Dieses Ausstellungsforum, nun Teil des Wien Museums, wurde viele Jahre von der Kulturabteilung betreut. Hat es Honorare gezahlt?

Das entzieht sich meiner Kenntnis. Als Intendantin des „steirischen herbstes“ war es mir wichtig, dass die Künstler adäquat bezahlt werden. Aber ja, es ist gerade im Bereich der bildenden Kunst Common Sense, jenseits der Produktion kaum Gagen für die künstlerische Arbeit zu zahlen, was ich für problematisch erachte. Ich kenne einen Künstler, der für seinen „documenta“-Beitrag 500 Euro bekommen hat. Die Leitung argumentierte, dass es doch eine Ehre sei, bei der „documenta“ zu sein. Der Marktwert des Künstlers würde durch die Teilnahme steigen. Mit diesen Mechanismen wird viel zu oft gerechnet und argumentiert. Das ist eine grundsätzliche Problematik.