Selbstporträt in Corona-Zeiten: Ein Schauspieler macht auf die mörderische Lage aufmerksam

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Kultur
07/29/2020

Kleine Gagen, kaum Sicherheit: „Schauspieler sind Fußabstreifer“

Fair Pay. Die meisten freischaffenden Künstler – vor allem in der darstellenden Kunst – verdienen zu wenig. Die Corona-Krise hat ihre Situation dramatisch verschärft. Ein Schauspieler, Sprecher einer Gruppe, gibt Auskunft.

von Thomas Trenkler

In Graz ist eine Debatte über die Honorare für Musiker entbrannt. Denn das soeben zu Ende gegangene Festival styriarte zahlte manchen, wie in der Kleinen Zeitung zu lesen war, bloß 500 Euro für Vorbereitung, Proben und zehn Konzerte an vier Abenden.

In Niederösterreich, wo fast alle Produktionen des Theatersommers abgesagt oder verschoben wurden, ist die Situation noch dramatischer. Ein namhafter, in Wien lebender Schauspieler, der aus nachvollziehbaren Gründen anonym bleiben möchte, schildert im KURIER-Gespräch die Notlage, in der sich die Kollegenschaft befindet.

KURIER: Die Produktionen, bei denen Sie mitwirken sollten, kamen nicht zustande. Ihr Vertrag wurde gekündigt. Sie befinden sich nun in einer finanziell angespannten Situation und haben sich umgehört. Wie sieht es aus?

Schauspieler: Ich habe mich mit Kollegen aus den Festspielorten Baden, Melk, Berndorf, Laxenburg, Haag, Stockerau, Weißenkirchen und Asparn kurzgeschlossen. Generell gilt, dass sich alle Theater aus der Affäre gezogen haben. An manchen Orten – wie in Melk – wurden die Verträge einfach aufgekündigt, zumeist aber hat man die Produktionen um ein Jahr verschoben. Das Einverständnis der Künstler wurde blitzschnell und teilweise unter Druck eingeholt. Denn sobald es dieses gab, konnte man sich einer Abstandszahlung entziehen. Eben weil das Projekt nicht abgesagt ist, sondern nur verschoben wurde. Daher gibt es keine rechtlichen Ansprüche auf Entgelt.

Man kriegt also – nichts?

Genau – nichts. Aber die Miete, die wir zu zahlen haben, fällt trotzdem an. Das ist der Wahnsinn: Man steht plötzlich vor dem Nichts. Ich kenne etliche Kollegen, die sich bei Verwandten und Bekannten Geld ausborgen müssen, um über die Runden zu kommen. Es gibt viele tragische Schicksale. Viele Kollegen haben schließlich auch eine Familie zu ernähren.

Bei definitiv abgesagten Produktionen aber gibt es Abstandszahlungen?

Ja, die Richtlinie lautet, dass bis zu 30 Prozent ausbezahlt werden – auch für Mitarbeiter neben und hinter der Bühne. Nur: die Betonung liegt auf „bis zu“. Jeder Festspielort entscheidet selbst – auf freiwilliger Basis – über die Höhe. Es gibt also auch Spielorte, die gar nichts zahlen wollen. Es gab zwar die Idee einer einheitlichen Lösung: Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner verbietet alle Sommerveranstaltungen kategorisch; dadurch würde das Land in Haftung genommen werden – und es müssten alle Verträge ausbezahlt werden. Das ist jedoch nicht passiert. Dadurch gibt es jetzt ein heilloses Durcheinander. Und die Geschäftsführer sind generell nicht besonders auskunftsfreudig. Sie bieten auch keine Hilfe an. Manche haben sogar behauptet, dass sie sich strafbar machen würden, wenn sie Abstandszahlungen leisteten, weil es laut Fördervertrag nicht möglich sei, Leistungen zu vergüten, die nicht erbracht wurden oder werden konnten.

Was wäre richtig gewesen?

Eine Abstandszahlung von zumindest 50 Prozent.

In Wien hat Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler erklärt, dass keine Subvention zurückverlangt würde. Daher konnten die Veranstalter die Künstler bezahlen.

Das Wiener Lustspielhaus zahlte 3.000 Euro pro Schauspieler. Das wurde von vielen Kollegen als halbwegs faire Lösung akzeptiert. In Niederösterreich war der Ansatz ähnlich. Das Sommertheater ist allerdings nicht sehr hoch subventioniert, es finanziert sich zu zwei Drittel über die Karteneinnahmen. Mit der Förderung zahlen die meisten Veranstalter zuerst die Organisation, die Intendanz, die Regie, die Dramaturgie und so weiter – und an der letzten Stelle stehen die Schauspieler. Sie sind der Fußabstreifer. Ja, die Autoren, Kostüm- und Bühnenbildner haben bereits ihre Arbeit erbracht, die Schauspieler hingegen nicht. Eben weil es nicht einmal Proben gab. Aber man bereitet sich sehr wohl auf eine Rolle vor. Es gab Textarbeit, Leseproben, zudem Presseshootings, Videos für Social Media und auch Interviews. Diese Vorleistungen werden nicht vergütet. Als Schauspieler brennt man für ein Projekt – und man verbrennt auf der Bühne. Mittlerweile für nix. Der Idealismus wird schamlos ausgenutzt. Und die Geschäftsführer beziehen trotz allem heuer ihr volles Gehalt.

Hätte eine Klage Chance?

Das Problem ist: Es müsste jeder Veranstalter separat geklagt werden. Und wenn wir mit Klage gedroht haben, dann kam sofort ein scharfes Wort: „Mit Schauspielern, mit denen wir einen offenen Rechtsstreit haben, können und wollen wir nicht mehr zusammenarbeiten.“ Sprich: Das diesjährige Engagement ist dahin, das Folgeengagement wird es nicht geben – und im Endeffekt kann man sich abschminken, dort jemals wieder aufzutreten. Manche Intendanten haben es so ausgedrückt: „Man muss sich überlegen, ob ein solcher Schritt einem nicht auf den Kopf fällt.“ Oder die andere Tour: „Was, du willst mich klagen? Bedenke doch, was ich für dich gemacht habe! Und was ich noch für dich tun kann!“ Das hat natürlich viele eingeschüchtert. Sie wollen daher nichts mehr von einem Rechtsstreit wissen.

Haben Sie sich auch an die Politik gewandt?

Natürlich. Wir wollten wissen, wieso die Frau Landeshauptfrau die Spielorte rettet, aber jene, die den Spielort mit ihrer Leistung beseelen, darben lässt. Wir bekamen aber keine Antwort.

Die Situation ist aber auch unter dem Jahr prekär. Das Gloriatheater soll pro Abend nur 60 Euro Gage zahlen. Kann das überhaupt sein?

Ja. Aber ich habe auch schon von noch geringeren Summen gehört. Darauf kann man sich nur einlassen, wenn man Sommertheater macht. Denn im Durchschnitt bekommt man 7.000 bis 11.000 Euro für die Probenzeit und die Aufführungsserie. Spesenersatz gibt es so gut wie keinen, aber immerhin: Man verdient passabel, um das übrige Jahr halbwegs durchzukommen. Denn in den Privattheatern bekommt man eben bloß einen Fliegenschiss.

„Eine Anerkennung“

Der KURIER übermittelte das Interview Hermann Dikowitsch, dem Leiter der Kulturabteilung des Landes NÖ, mit der Bitte um eine Stellungnahme. Eine generelle Absage aller Produktionen sei, schreibt er, aus rein rechtlicher Sicht nicht möglich gewesen, da das Land nicht als Veranstalter, sondern als Fördergeber fungiert. Und: „Die Entscheidung darüber, ob unter den gegebenen Vorgaben seitens des Bundes gespielt werden kann oder nicht, oblag und obliegt dem jeweiligen Veranstalter.“

Im Prinzip bestätigt Dikowitsch, der weitere Hilfsmaßnahmen erwähnt, die Aussagen: Alle Standorte des Theatersommers hätten die Subvention in der Höhe des Jahres 2019 bekommen – egal, ob gespielt wurde oder nicht. Man gebe damit den Veranstaltern die Möglichkeit, bereits entstandene Kosten abzudecken. „Das inkludiert auch die Anerkennung einer Abschlagszahlung an die Künstler*innen von bis zu 30 Prozent der vorgesehenen Gage (max. 3.000 Euro).“

„Freie Marktwirtschaft“

Der KURIER kontaktierte auch Gerald Pichowetz, den Leiter des Gloriatheaters. Er argumentiert, dass die Förderung für die Fixkosten aufgebraucht werde. Das hieße: „Jede Produktion muss ihren Kostenbedarf einspielen. Dazu gehören auch die Gagen.“ Im Regelfall lägen diese bei 250 Euro. „Davon wird man auch nicht reich, aber es ist zu keiner Zeit und Summe jemand gezwungen, dafür zu arbeiten. Wir leben in Zeiten freier Marktwirtschaft. Das betrifft auch oder vor allem künstlerische Tätigkeiten, so unpopulär das sein mag.“

Und Mathis Huber, Chef des Festivals styriarte, meinte gegenüber der Kleinen Zeitung, dass er das Geld nicht im Keller lagere. Was also tun? Braucht es mehr Geld vom Staat? Oder weniger Produktionen? Demnächst lesen Sie ein Interview mit Kaup-Hasler zu Fair Pay!