© Joscha Sauer

Kultur
06/23/2019

.... und wieder 23 Bücher, kurz vorgestellt

Diesmal: Georges Simenon ohne Maigret, Hercule Poirot ohne Agatha Christie, Marc Aurel in Neuübersetzung, 29 Straßenbahnfahrten, The Who, der Schiefe Turm ...

Nur zwei Zwerge mit Pinguin

Nach drei Jahren Pause wieder ein „Nichtlustig“-Buch. Etwa 1200 Cartoons mit Yetis, Lemmingen, Dinosauriern, Außerirdischen, Tintenfischen und dem Herrn Riebmann, der in der Wand wohnt, hat der Frankfurter Joscha Sauer gezeichnet, jetzt kommt noch ein Krokodil-Rentner hinzu mit einem Riiiesenglas auf dem Nachtkastl für seine dritten Zähne  ... und ein Fußgänger freut sich, dass er nicht – wie er befürchtet hat – von einem Nashorn auf der Straße verfolgt wird. Sondern eh nur von zwei Zwergen, die einen Pinguin tragen. „Nichtlustig“ ist auch nach 16 Jahren noch immer für einen Lacher gut, für zwei, für drei.

Bild oben: Ausschnitt aus dem Cover

Joscha Sauer:
„Nachtleben“
Lappan Verlag.
64 Seiten.
9,30 Euro.
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Conan Doyle will selbst einmal

Eines der favorisierten Bücher heute – weil es, übrigens von einem Amerikaner, ein Geschenk für Leser mit unterschiedlichem Interesse ist.  Es pendelt zwischen Conan Doyle, dem sein Held  auf die Nerven geht und der selbst ein Verbrechen klären will, und einem Krimi 100 Jahre später, als  ein  Sherlock-Holmes-Fan in einen Mord verwickelt wird. Ausgefuchst.

Graham Moore:  „Der Mann, der
Sherlock Holmes tötete“
Übersetzt von Kirsten Riesselmann.
Eichborn Verlag.
480 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****


Der Mann im Himmel trägt blau

Buch des Tages (zumindest des Tages): Man stelle sich vor, der Himmel ist ein großeMann im blauen, an manchen Stellen durchgescheuerten Gewand. Man stelle sich den Weißen Ritter vor, kein Held, nein, aber ein Freund, der alle deine Fragen beantwortet (während der eigene Vater lieber schweigt)... Wenigstens bleibt man in der Erinnerung an die Kindheit – Kind.  Ö1-Kulturredakteur Peter Zimmermann holt die Fantasie in ein Erwachsenenleben, ins Leben eines Buchhändlers, dem die Literatur Hilfe dabei ist. Eine schöne, eine formschöne Aufforderung, im Himmel die Schritte des goßen Mannes zu hören und mit einem Ritter bis ans Ende zu galoppieren.

Peter Zimmermann:
„Der Himmel ist ein
sehr großer Mann“
Milena Verlag.
280 Seiten. 23 Euro.
KURIER-Wertung: ****

 

Neuer Commissaire ist krebskrank

Nach  fünf  Romanen über die Provence mit dem  Polizisten Roger Blanc huldigt der  Autor der französischen Mittelmeerküste auch in einem Krimi außerhalb der Reihe. Von sechs Freunden, die sich nach der Matura gemeinsame Ferien gönnen, wird einer erschlagen. Na gut. Ein neuer Kommissar (krebskrank) ermittelt schön langsam. p.Cay Rademacher:
„Ein letzter Sommer in Méjean
DuMont Verlag.
464 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung:*** und ein halber Stern

 

Die Welt wird immer schiefer

Es gibt neue zerkratzt aussehende Bleistiftzeichnungen, die man sich gern an die Wand hängen würde. Sie erzählen von einer schiefen Welt und  Paul, der endlich Sex möchte, aber sein ... Schwanz verschwindet. Franz Suess, Zeichner und Autor aus Wien, findet die Geschichte lustig. Nur er. Aber sie verwirrt aufs Allerschönste.

Franz Suess:
„Paul Zwei“
Luftschacht Verlag.
144 Seiten.
18,50 Euro.
KURIER-Wertung: ****

 

Pisa schaut bei der Liebe zu

Zeit wurde es, dass Pisa eine Rolle in der Literatur spielt. Zwar geht es um verfeindete Familien und eine große Liebe zur Zeit, als Pisa eine Republik war. Aber der Bau des Turms fettet den fundierten Roman  auf. Das persönliche Lieblingszitat: „‚Aber dass der Turm verflucht ist, leugnest du nicht‘, warf die Frau mit den großen Brüsten ein.“

Catherine Aurel:
„Der Turm der Liebenden“
Taschenbuch. Penguin Verlag.
624 Seiten.
10,30 Euro.
KURIER-Wertung:*** und ein halber Stern

 

Mit Jauche kann man punkten

René Wadas ist ein deutscher Gärtner, spezialisiert auf Schädlinge. Also ein Pflanzenarzt, unterwegs – wenn man ihn zu Hilfe holt – mit einem Arztkoffer. Im neuesten Buch stellt er seine Apotheke vor, Schachtelhalmtee, Birkensaft, Knoblauchzehen. Zum schnellen Nachschlagen ist es weniger geeignet, jedoch liest man ja sehr gern ausführlich über die Narrentaschenkrankheit, die Fliederbaumseuche und den Buchsbaumkrebs. Mit dem Wissen aus dem  Kapitel „Wie ich meine Heilkräuter als Jauche zubereite“ kann man in jeder Gesellschaft punkten. Lieblingssatz: „Der Gestank der Jauche kann ganz schön ärgerlich sein.“

René Wadas:
„Der Pflanzenarzt“
Rowohlt Taschenbuch.
288 Seiten.
12,40 Euro.
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Noch schneller als ein Leben

Wird auf einen Sitz gelesen. Gern gelesen. Ein Leben läuft schnell ab, sowieso, und hier geht das noch schneller:  die 1930er Jahre in Graz, Hitler  ... danach Schweigen. Es muss wohl die eigene Verwandtschaft der Autorin sein, mit der man sich durch die Zeit wirbeln lässt. Ein schöner Beweis, wie man mit einfachen Sätzen große Wirkung erzielen kann.

Ulrike Winkler-Hermaden:
„Lily und Jack“
Edition Winkler-Hermaden.
98 Seiten.
18 Euro.
KURIER-Wertung: *** und ein hakber Stern

 

Zunge festhalten und singen

Im Gegensatz zu Pete Townshends Autobiografie, die 2011 recht weinerlich ausfiel, hat man beim Rückblick von Roger Daltrey, dem Sänger von „The Who“, viel mehr Vergnügen. 75 ist er, und allein schon, wenn er erzählt, wie er zwecks Stimmtraining seine Zunge mit einem Handtuch festhielt und einen seltsamen Gesang anstimmte, erfährt man: Das war keine leichte Zeit. Von Drogen und Gewalt gar nicht zu reden. Macht Daltrey aber, schonungslos. Und das Geheimnis, warum die Band so laut spielte, wird gelüftet: Weil Bassist  John „The Ox“ Entwistle Angst hatte, zu wenig wahrgenommen zu werden.

Roger Daltrey:
„My Generation“
Übersetzt von Kristian Lutze.
Verlag C. Bertelsmann.
384 Seiten.24,70 Euro.
KURIER-Wertung: ****

 

Durchschnitt ist ungefährlicher

Warum kannst du nicht einfach Durchschnitt sein? Du riskierst unnötige Verletzungen!“  So etwas hört man gern von der eigenen Mutter. Aber sie hat gute Gründe. Es gab in ihrer  Familie überdurchschnittliche Liebe ... die zu großer Traurigkeit führte. Ein Roman zwischen Australien und Niederösterreich mit starken Frauen. Intensive Momente.

Beatrix Kramlovsky:
„Die Lichtsammlerin“
Verlag Hanserblau
256 Seiten.
15,50 Euro.
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Immer Alkohol bei der Polizei

.Eine neue schwedische Kommissarin wird vorgestellt, Charlie Lager heißt sie, und wie das bei  Ermittlern in Stockholm nicht selten der Fall ist, hat sie ein Alkoholproblem. Das und ihr Kindheitstrauma stehen im Mittelpunkt. Und, Jessas,  außerdem ist wieder einmal ein Mädchen spurlos verschwunden. Noch etwas: Nebel steigt über den Wiesen auf.

Lina Bengtsdotter:
„Löwenzahnkind“
Übersetzt von Sabine Thiele.
Penguin Verlag.
448 Seiten. 13,40 Euro.
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Ein Bimbuch ist das nicht

Die Bim heißt tatsächlich Bim wegen des Bimmeltons, den der Fahrer früher einmal per Pedal als Warnsignal  sowie bei jedem Start ... bimmelte. Das Buch ist aber kein Bimbuch, sondern  ein Wien-Buch und ein Straßenbahnreiseführer: Alle Linien, 172 Straßenbahnkilometer, 29 Routen.  Einsteigen soll man und neugierig aus dem Fenster  schauen: Auf die Häuser, wo Mozart „Cosi fan tutte“ komponierte bzw. Klimt mit seinen Schwestern lebte bzw H.C. Artmann dichtete:
der mond ißt äpfel
wenn ich nicht zusehe
aus unsren bäumen.

Wien entdecken mit der Bim“ ist ein Gewinn für Fahrgäste der Öffis.


Beppo Beyerl und
Thomas Hofmann:
Wien entdecken mit der Bim“
Styria Verlag.
176 Seiten. 21 Euro.
KURIER-Wertung: ****

 

Die ganze Welt in Allentsteig

Der Waldviertler Autor Bröderbauer ist Biologe, deshalb vergisst er nicht auf die einzigartigen Birkhühner, wenn er den Truppenübungsplatz Allentsteig zum Vorbild nimmt und „Wolfssteig“ daraus macht: Er soll aufgelassen werden, und nun prallt alles gegeneinander – Vorstellungen, was daraus werden soll; Natur gegen Mensch; Mensch gegen Mensch. Sehr ruhig schreibt Bröderbauer über die größten Probleme, die wir haben, und die kann man an einem militärischen Sperrgebiet festmachen – genauso wie große Naturforscher nur ein paar Wespen beobachtetem, um die  Welt zu beschreiben.

David Bröderbauer:
„Wolfssteig“
Milena Verlag.
400 Seiten.
23 Euro.
KURIER-Wertung:  *** und ein halber Stern

 

Haariges Hobby im Gemeindebau

Dass Heinz ein guter Papst wäre, kommt überraschend: Heinz ist ein Hund. Aber sein Herrl ist ja auch etwas seltsam. Er stickt, sammelt Frauenhaare und verteidigt Heinz mit dem Besen.  Mit dieser Geschichte aus dem  Wiener Gemeindebau hat die Autorin aus Baden bei Wien einen erfreulich heiteren Ton gefunden. Ein Roman für Hunde- und Menschenfreunde.

Eva Woska-Nimmervoll:
Heinz und sein Herrl“
Verlag Kremayr & Scheriau.
192 Seiten.
19,90 Euro.
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Marc Aurel ist auch für Wähler gut

Die Gelassenheit, die der römische Kaiser Marc Aurel lehrte, müssen sich ja nicht nur Politiker zu Herzen nehmen. Ist auch für Wähler gut. Jedenfalls kommt die Neuausgabe mit neuer Übersetzung  richtig. Zeitlose Gedanken für ein achtsames Leben inkl. Bescheidenheit, geschrieben vor 2.000 Jahren im Geist tiefer Humanität. Das Vaterland ist … der Kosmos.

Marc Aurel:
„Selbstbetrachtungen“
Neu übersetzt und kommentiert von Gernot Krapinger. Reclam Verlag.
271 Seiten.24,70 Euro.
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Ab jetzt werden Höschen zerrissen

Camilla Läckberg war immer gut, wenn es ums Verwirren ging; und ums Entwirren. Ihr Revier ist das ehemalige Fischerdorf Fjällbacka, wo normalerweise Erica Falck in Krimis ermittelt. „Golden Cage“ ist ihr erster Thriller – was bei Läckberg bedeutet: Es wird viel gestöhnt, Höschen werden zerrissen ...  In der  schwedischen Oberschicht fallen aber auch die Masken.

Camilla Läckberg:
Golden Cage
Übersetzt von Katrin Frey.
List Verlag.
384 Seiten. 18,50 Euro.
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Viel Essen am Schwarzen Meer

Reisebericht von den Ufern des Schwarzen Meeres. In  irgendwas muss man beißen, sonst hält man das Lesen schwer aus. Ukrainischer „Vorschmack“ (Aufstrich aus Hering), rumänische „Umpludi“ (gefüllte Paprika), bulgarische Muschelsuppe, türkischer Reis mit Maroni und Salbei  … Übers Essen erschließt sich die Vergangenheit.

Caroline Eden:
„Schwarzes Meer“
Mit 200 Abbildungen.
Prtestel Verlag.
280 Seiten. 30,90 Euro.
KURIER-Wertung: ****

 

Drohnen schauen in den Eiskasten

Die neue Staatsform ist der Kubismus, ein Algorithmus – genannt: der Würfel – durchleuchtet und lenkt die Menschen. Drohnen schauen in Eiskasten und Bett, den meisten Menschen ist das egal,  sie sind glücklich und zufrieden, wenn sie nicht denken müssen, wenn ihnen alle Entscheidungen abgenommen werden  ...  Der Roman ist Diskussionsgrundlage. Man vergisst dabei ganz, wie fesselnd er gebaut ist.

Bijan Moini:
„Der Würfel“
Atrium Verlag.
400 Seiten.
22,70 Euro.
KURIER-Wertung: ****

 

Wie die Schienen der Eisenbahn

Und wenn man sich an keinen Maigret-Krimi erinnern kann: Dieser Roman Simenons, in dem der Kommissar nicht mitspielt, ist unvergesslich. So traurig. So wahrhaftig. So kalt wie Eisenbahnschienen in einer Winternacht. Da will jemand aus seinem Leben aussteigen, in ein spannenderes mit der Geliebten seines Chefs. Nein, nein, das geht nicht.

Georges Simenon:  „Der Mann, der den Zügen nachsah“ Übersetzt von
Ulrike Ostermeyer. Nachwort von Axel Hacke. Kampa Verlag.  
272 Seiten. 23,50 Euro.
KURIER-Wertung: *****

 

Achterbahn bis Brexit und FPÖ

Der britische Historiker Ian Kershaw scheut sich nicht, die Geschichte Europas ab 1950 mit einer Achterbahn zu  vergleichen. Seine Vergleiche sind hilfreich auflockernd, wenn man sich traut, Europa verstehen zu wollen. Kershaw geht bis zum Brexit, die FPÖ kommt auch vor in diesem Meisterstück  – im Zusammenhang mit dem Wort „besorgniserregend“.

Ian Kershaw:
„Achterbahn“
Übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt.
DVA.
832 Seiten. 39,10 Euro.
KURIER-Wertung: *****

 

25 Romane in sechs Jahren

Über Remigiusz Mróz, von dem jetzt zum ersten Mal ein Roman übersetzt wurde, heißt es: Er hat seit 2013 rund 25 Bücher geschrieben. (Und ist 32 Jahre alt.)  Das ist verdächtig. Egal, in Polen ist er  Bestsellerautor. Polnisch ist der Thriller nicht. Sondern typisch. Mit zwei  Verlobten, von denen die Frau nach einem Überfall verschwindet. Spurlos. Bis Fotos auftauchen.

Remigiusz Mróz:
„Die kalten Sekunden“
Übersetzt von Marlena Breuer
und Jakob Walosczyk.
rororo. 352 Seiiten.  10,30 Euro.
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Schön sterben in der Regentonne

Romane, die nur auf Spannung aus sind, werden immer brutaler. Das Ehepaar Ahndoril, das sich „Lars Kepler“ nennt, lässt besonders „schön“ sterben. In einer Regentonne etwa. Der Serienkiller, der im vorangegangenen Thriller erschossen wurde und im Meer versank, mordet noch immer ... wie’s scheint. Liest sich wie ein Drehbuch im Stakkato-Stil.

Lars Kepler:  „Lazarus“
Übersetzt von Thorsten Alms, Susanne Dahmann und Adrien Meisch.
Lübbe Verlag.
640 Seiten. 22,70 Euro.
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Mit Erlaubnis zum dritten Mal

Sophie Hannah hat die Erlaubnis,  Agatha Christies arroganten Detektiv am Leben zu erhalten. Das ist der dritte Roman - nach "Die Monogramm-Morde" und "Der offene Sarg", sie macht es gut, man spürt, das hat mit Literatur zu tun. Schon der Beginn nimmt gefangen: Poirot wird von mehreren Seiten attackiert, er habe Briefe verschickt, in denen die Adressaten eines Mordes bezichtigt werden. Schau dir was an: Er hat gar nicht.

Sophie Hannah:
„Das Geheimnis der vier Briefe“
Übersetzt von Giovanni und
Ditte Bandini. Atlantik Verlag.
352 Seiten. 16,50 Euro.
KURIER-Wertung: ****