Kultur
21.08.2018

Meinl-Reisingers Attacke auf Kneissl und die Wiener SPÖ

Die neue Neos-Chefin behauptete sich mit offensiv-angriffigem Stil und eigener Schwerpunkt-Setzung.

* Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Matthias Strolz muss ein Held sein – zumindest wenn es nach den Fragen der Moderatoren beim gestrigen Sommergespräch mit der neuen Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger ging.

„Bis vor Kurzem galt: Neos ist gleich Matthias Strolz.“

„Fehlt Ihnen die sprachliche Gelenkigkeit von Matthias Strolz?“

„Er war berühmt für seine Sprüche.“

Es klang, als habe Meinl-Reisingers Vorgänger sämtliche politischen Mitbewerber rhetorisch jedes einzelne Mal in den Schatten gestellt, als wären seine Fußstapfen so groß, dass sie sie kaum ausfüllen könnte. Permanent erfolgten Fragen zu ihrem Verhältnis zu Strolz, war sie Vergleichen ausgesetzt oder musste Strolz' Zitate kommentieren.

Dass der Ex-Neos-Chef mit seinen schrillen sprachlichen Bildern, seinem impulsiven Gehabe und seiner leicht esoterischen Art durchaus bei vielen Wählern angeeckt ist und nicht immer ganz ernstzunehmend wirkte, schien nach seinem Abgang im Juni vergessen.

Meinl-Reisinger, in rot statt pink und mit Smiley-Anstecker am Blazer (als Zeichen für Europa-Freundlichkeit), spielte das Spiel lange geduldig mit und beantwortete brav alle Fragen nach Strolz‘ Erbe. Dann aber korrigiert sie den Kurs des Interviews lächelnd und fast nebenbei mit dem Satz: „Man ist nie so populär in der Politik wie im Abgang.“ Eine wichtige, ja fast erlösende, Klarstellung.

Wien, die "Cash-Cow"

Klarstellen musste Meinl-Reisinger gleich zu Beginn des Gesprächs auch die unglückliche Aussage des neuen Klubchefs der Neos-Wien. Dieser hatte gesagt, er könne sich vorstellen, gemeinsam mit ÖVP und FPÖ das nächste Mal in Wien eine unabhängige Persönlichkeit zum Bürgermeister zu wählen. Das sei ihm lieber als ein SPÖ-Bürgermeister. Meinl-Reisinger widersprach dem zwar nicht, erklärte aber, das heiße nicht, dass man eine Koalition mit der FPÖ in Wien eingehen würde. Projektbezogenes Zusammenarbeiten sei allerdings möglich.

Da man aber nun einmal schon beim Thema Wiener-Stadtpolitik, also gewissermaßen auf Meinl-Reisingers Mutterschiff, war, nutze sie die Gelegenheit für eine direkte Attacke auf die Wiener SPÖ. Die Stadt sei für den „roten Filz“ wie eine „Cash-Cow“, überall rieche es nach Freunderlwirtschaft und struktureller Korruption.

Der Kampf um die politische Mitte

Nach dem Angriff auf die SPÖ (und nachdem Bürger die Ergebnisse einer längst nicht mehr aktuellen Umfrage vom Herbst 2017 ausgepackt hatte,) holte Meinl-Reisinger zu einem offensiven Rundumschlag gegen ÖVP und FPÖ aus, ganz getreu dem immerwährenden Inszenierungsversuch, die Neos - und nur die Neos - wären eine Partei der Mitte.

An der FPÖ „und mittlerweile auch Kurz“ übte Meinl-Reisinger vor allem bei ihrem Lieblingsthema, EU, heftige Kritik. Die EU sei ein Projekt des Friedens, der Freiheit und des Wohlstandes, „das ich für meine Kinder verdammt nochmal bewahren will“, das die Rechtspopulisten aber "zerschießen“ wollten, erklärte die Neos-Chefin für ihre Verhältnisse überraschend emotional.

Als "ganz schweren außenpolitischen Fehler" bewertete Meinl-Reisinger außerdem den Knicks von Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) nach dem Tanz mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin auf ihrer Hochzeit: Kneissl habe damit "Österreich in Europa komplett isoliert".

Bildung auf dem Abstellgleis?

Dass sie tatsächlich keine Kopie ihres Vorgängers Strolz ist, machte Meinl-Reisinger durch ihre unterschiedliche Schwerpunktsetzung deutlich. Während sie zum Thema EU eine Fülle an Vorschlägen (etwa Schluss mit dem wechselnden Rats-Vorsitz) anbrachte, geriet Strolz‘ Herz- und Nierenthema Bildung etwas in den Hintergrund. „Die Sommerferien verkürzen“ blieb als einziger konkreter Bildungs-Vorschlag in den Ohren der geschockten 16-jährigen Erstwähler zurück.

Durch viele andere Themengebiete (Klimaschutz, Kopftuchverbot für Kinder, Digitalisierung) erfolgte wie bereits in der Vorwoche bei Pilz ein flotter Ritt. Dabei blieb vieles an der Oberfläche, auch oder vor allem, weil die Moderatoren kein Interesse daran zeigten, tatsächlich nachzuhaken. Man merkt: Es steht keine Wahl bevor.

Wofür allerdings anders als bei Pilz Zeit blieb, war ein Wordrap zum Schluss bei dem Meinl-Reisinger unter anderem die Parteien aufzählen hätte sollen, die sie in ihrem Leben bereits gewählt hatte. Dabei vergaß sie doch glatt die Neos, wollte dafür die SPÖ gewählt haben und musste dann umständlich korrigieren. Schade – ein etwas peinliches Ende eines eigentlich sehr soliden Gesprächs, das zeigte, dass Strolz' Fußstapfen seiner Nachfolgerin keineswegs zu groß sind.