Kultur
24.05.2018

TV-Tagebuch - Kurz: "Also Frau Milborn. Jetzt Hand aufs Herz"

Der Bundeskanzler saß perfekt wie immer im TV-Studio. Diesmal bei Puls4. Der Entertainmentfaktor hielt sich in Grenzen.

* Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Bevor Sie sich an dieser Stelle (völlig zurecht) die üblichen von uns herausgemeißelten unfreiwilligen  Pointen erwarten, die ein Politkerauftritt im Livefernsehen so zwangsläufig mit sich bringt, müssen wir enttäuschen: Sebastian Kurz war diesmal dran. Im "Sommergespräch" von Puls4.

Optisch hat der Kanzler ein Arrangement aus perfekt aufeinander zulaufenden Linien zu bieten, gekrönt ist er mit einer majestätischen Wellenform. Inhaltlich ist er so sattelfest, dass man höchstens darüber schmunzeln kann, dass es exakt 4:44 Minuten braucht, bis sein Catchword „Neuer Stil“ fällt. Oder dass er so übertrainiert ist, dass er sich nicht einmal bei der harmlosesten Frage auf A oder B festlegen möchte.

Beispiel gefällig?

Milborn stellt zu Beginn die Frage: „Wie lange ist ihnen das Jahr vorgekommen?“
„Also ich hab wenig Zeit gehabt, mir darüber  Gedanken zu machen – ich würde sagen beides: Zum Einen ist es recht schnell verflogen dieses Jahr, wenn ich mir denke, da heute bei Ihnen zu sein, das riecht (macht eine genießerische Handbewegung als ober er über einen guten Wein referiert) fast ein bisschen nach Wahlkampf, das erinnert an die Fernsehdiskussionen vor einem halben Jahr (er unterdrückt ein Lachen nur knapp, wahrscheinlich beim Gedanken an Christian Kern) und auf der anderen Seite ist in dem Jahr so viel passiert, dass es natürlich ein langes Jahr war. Was stimmt ist natürlich, dass Spitzenpolitik natürlich ein sehr forderndes Geschäft ist (jede Silbe wird hier mit einem Nicken begleitet). Gleichzeitig ist es eine wunderschöne Aufgabe. Gleichzeitig war ich durch die Jahre als Außenminister schon ganz gut vorbereitet.“

Eigentlich weiß man an der Stelle bereits, wo das Gespräch hinführen wird: Nicht aufs Glatteis.

Milborn will über die Diskrepanz dessen sprechen, was man sich als idealistischer Mensch vorstellt, der in die Politik geht und dem, was einen da tatsächlich erwartet. Sie kramt in Aussagen von acht Jahren Sebastian Kurz, der zu Beginn seiner Karriere als Zukunftshoffnung der ÖVP auf einem schwarzen „Geilomobil“ saß: „Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass schwarz geile Politik macht“, sagt der Archiv-Kurz von 2010 etwa.

Der Kanzler, der sich während der Zuspielung im Sessel zurücklehnt, schnellt dienstfertig aus der Lehne, als Milborn ihn wieder anspricht: „Hätte mich fast gewundert, wenn das Geilomobil nicht vorgekommen wäre“ (er macht eine kehlige Stimme, um besonders viel Gaude zu insinuieren)  „Das war die erste Kampagne, die schief gegangen ist.“

Milborn: „Finden Sie?“

Kurz: „Es gab schon größere Erfolge in meinem Leben.“

Zweifellos, etwa die Nationalratswahl 2017, die ihn zum Bundeskanzler machte: „Das Schöne an der Aufgabe des Bundeskanzlers ist, dass ich all das, wo ich mir immer gedacht habe, da müsste man etwas ändern, dass ich all das auch in Umsetzung bringen kann. Ich bin auch in den ersten Monaten dem Koalitionspartner sehr dankbar, dass ein neuer Stil in der Zusammenarbeit möglich ist. Dass in der Regierung nicht gegeneinander, sondern miteinander gearbeitet wird.“ An dieser Stelle spielen die ersten Zuschauer an der Fernbedieung herum (Oh! Auf ProSieben läuft „Grey’s Anatomy“!)

Wer nicht mehr zurückfand, versäumte eine quälende Diskussion darüber, ob die Reform der Sozialversicherungen nun mutig oder more of the same sei, in der sich Kurz kurz verbal verstieg, indem er der Interviewerin gönnerisch erklärte: „Sie argumentieren schon so gut wie ein Oppositionspolitiker“, was nicht nur wegen des falschen Geschlechts eine in höflichem Ton ausgesprochene Frechheit war. Oder: „Also Frau Milborn… Jetzt Hand auf Herz.“ Wahrscheinlich fallen solche Stellen auch  deshalb so ins Gewicht, weil Kurz sonst grundsätzlich als perfekt erzogener Tanzschüler durchs Leben zu Schweben scheint.

Das war es aber auch schon an großen Verhebern. Allerdings: Wenn sich ein Kanzler nicht wesentlich mehr herauslocken kann, als dass er und seine Regierung recht haben und die anderen Propaganda betrieben, dann könnte man es auch irgendwie auch sein lassen. Von beiden Seiten. Andererseits ist der Kanzler bei solchen Gelegenheiten auch faszinierend anzuschauen. So wenig Fehler macht sonst keiner.

Wir sind aber ohnehin nicht verdrossen, denn schon nächste Woche kommt Heinz-Christian Strache ins Puls4-Studio.