Kultur 05.12.2011

Trauer um Ludwig Hirsch

Ludwig Hirsch, der Schauspieler und Sänger dunkelgrauer Lieder, ist tot. Die Polizei geht von Selbstmord aus.

Mit seiner einzigartigen Stimme, fein und doch messerscharf, richtete er aus: "Die sieben Raben, es warn nur sechs, die gute Fee, es war a Hex, der böse Wolf, ein kleiner Dackel, der Märchenprinz, ein schiacher Lackel." Das mit sanfter Stimme vorgetragene, bitterböse Lied von der herzensguten "Omama", die draußen, in Stammersdorf wohnt und den Hitler immer noch für einen anständigen Kerl hält, begeisterte den damaligen Ö3-Chef Ernst Grissemann - er spielte es schon 1976 im Radio. Der Beginn von Ludwig Hirschs einzigartiger Karriere als Liedermacher voll dunkelgrauer Poesie.

Am Mittwoch ist Ludwig Hirsch gestorben. Er war seit einigen Tagen im Wilhelminenspital wegen einer schweren Lungenerkrankung in Behandlung. Er soll sich aus dem Fenster seines Krankenzimmers gestürzt haben. Um sieben Uhr Früh wurde er gefunden. Die Polizei geht von Selbstmord aus. Weder sein Management noch die Spitalsleitung wollten zu den näheren Umständen Stellung nehmen. Zuvor soll sich Hirsch noch von seiner Frau, der Schauspielerin Cornelia Köndgen, per Telefon verabschiedet haben. Köndgen probte am Stadttheater Klagenfurt Julien Greens Stück "Süden". Die Proben wurden unterbrochen. Köndgen und Hirsch waren seit 1977 verheiratet und haben einen Sohn, im Jahr ihrer Hochzeit geboren.

Karriere

Ludwig Hirsch wurde am 28. Februar 1946 im steirischen Hartberg geboren und wuchs in Wien-Leopoldstadt auf. Ehe die Musik zum Mittelpunkt seines Lebens wurde, absolvierte er ein Grafikstudium an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und besuchte die Schauspielschule Krauss. Das Theater führte ihn zunächst nach Deutschland, 1975 wurde er Ensemblemitglied in der Wiener Josefstadt. Im Volkstheater war er zuletzt in "Einen Jux will er sich machen" und in "Irma La Douce" zu sehen. Hirschs musikalischer Durchbruch kam mit seinem Debütalbum 1978: "Dunkelgraue Lieder". Sie begleiteten ihn seine ganze Karriere über. Wie auch auf dem Nachfolgealbum, "Komm, großer Schwarzer Vogel", waren seine Lieder morbide - "I lieg am Ruckn" - und hintergründig. Gemein, wie die Menschen sind. Wie in der Geschichte vom "Zwerg". Grausam, wie im bösen Märchen vom "Dorftrottel". Widerlich, wenn er von Kindesmissbrauch im Mitschunkel-Rhythmus erzählte: "Kumm, spuck den Schnuller aus". Traurig, wie im Lied vom räudigen "Wolf". Zynisch und doch voller Mitgefühl: "Du hinkst net, stinkst net, hast auch keine Krätzen im G'sicht und trotzdem tust mir unheimlich leid, weil du hast dich verliebt, und zwar in mich." "Happy End" heißt das Lied.

Zärtlichkeit

"Er hatte eine Zärtlichkeit in sich, die ich nicht beschreiben kann," sagt sein Agent Karl Scheibmaier, seit 36 Jahren Hirschs beruflicher Weggefährte. Geistvoll, klug und voller schräger Einfälle sei Hirsch gewesen. Und keineswegs immer nur melancholisch. Ein zurückhaltender, mit schrägem Humor ausgestatteter Mensch. Einmal, beim Fußballschauen mit Freunden, hat er spontan die goldene Schallplatte von den "Dunkelgrauen Liedern" von der Wand genommen, erzählt Scheibmaier. Hat einfach das Glas zerbrochen und die Platte auf den Plattenteller gelegt. "Wir haben Mittwochabend noch telefoniert. Er war schlecht drauf, wie man das eben ist, im Spital, und er hat mir Glück gewünscht", sagt Scheibmaier.
Vergangenen Herbst war Hirsch noch auf Tour. "Vielleicht - zum letzten Mal", war der Titel. In einem Hotel soll Hirsch einmal in ein Gästebuch geschrieben haben: "Leck mich am Hirsch. Dein Ludwig Arsch."

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011