© ORF/ARD Degeto /Boris Laewen

Interview
03/27/2021

Tobias Moretti: "In seine eigenen Abgründe begeben“

Der ROMY-nominierte Schauspieler über das Böse, innere Grenzen und Dreharbeiten mit seiner Tochter.

Von Gabriele Flossmann

Tobias Moretti ist viel beschäftigt. Für seine Beethoven-Darstellung in der Filmbiografie „Louis van Beethoven“ ist er für eine ROMY nominiert. Derzeit steht Moretti für die vom ORF und der ARD koproduzierte Thriller-Serie „Euer Ehren“ vor der Kamera. Davor drehte er für ZDF und Servus TV einen Zweiteiler unter dem Arbeitstitel „Il Pastore“. Mit von der Partie ist auch Tobias Morettis Tochter Antonia. Am Sonntagabend (20.15 Uhr, ORF 2) ist Moretti im Thriller „Im Abgrund“ zu sehen. Tobias Moretti trifft als Kindesmörder Hagenow auf Peter Kurtz als Kommissar Wallath.

KURIER: Sogenannte „Filmbösewichte“ klagen oft, dass man sie nach den Spuren des Bösen im privaten Ich fragt. Haben Sie diese Erfahrung auch schon gemacht?

Tobias Moretti: Egal, ob man jetzt über die Rampe und in die Weite des Theaters spielt, oder für den intimen Blick einer Kamera – man muss ganz einfach den inneren Anteil merken. Weil es auf der Bühne immer um Wahrhaftigkeit geht. Natürlich versucht man als Schauspieler, wenn man sich einer Figur nähert, irgendeinen Ankerpunkt zu finden. Das kann ein historisches Verständnis sein. Es kann aber auch eine Schnittmenge mit dem eigenen Ich sein. Und da muss man sich natürlich auch in seine eigenen Abgründe hineinbegeben, aber auch in die eigenen Banalitäten. Es gibt die Banalität des Bösen. Und es gibt Menschen, die monströse Dinge tun, aber im alltäglichen Umgang alles andere als Monster sind. Und das sind eben diese Blessuren der Psyche, diese Risse bei Leuten, die sonst als höflich und hilfsbereit beschrieben werden, die manchmal auf ihr Umfeld kleingeistig oder spießig wirken und dann solche Dinge tun. Das liegt einfach in diesem Spektrum des menschlichen Seins.

Sie spielen in „Im Abgrund“ einen Kindesmörder. Sie sind selbst Vater – kam damit noch eine Dimension dazu, die das Spielen einer solchen Rolle zu einer psychischen Herausforderung macht?

Für jeden Menschen, der auch nur ein Mindestmaß an Moral hat, bedeutet der Mord an einem Kind – oder auch nur die Vorstellung davon – eine Barriere, die nicht zu überwinden, nicht einmal zu hinterfragen ist. Ich habe mich deshalb jahrelang geweigert einen Kindesmörder zu spielen. Das ist einfach eine Perversion, für die mir jedes Verständnis fehlt. Und ich will sie auch gar nicht verstehen. Kinder haben ihr eigenes Universum des Vertrauens der Schöpfung, sich selbst und dem Leben gegenüber. So ein Mord ist so eine unfassbare Brutalität, dass es das eigene Leben und die Würde des Menschen außer Kraft setzt, und dafür gibt es auch kein intellektuelles Verständnis. Bei mir war es bei „Im Abgrund“ so, dass ich mich wirklich vor meiner Rolle gefürchtet habe – davor, die Ratio dieser Figur erfassen zu müssen und diese psychische Belastung nicht aushalten zu können, da ich ja selber Vater bin. Und da hilft halt nur eine Sache – das Handwerkszeug, das wir in unserem Beruf haben. Damit kann man auch eine gewisse Abschirmung der Rolle dem eigenen Leben gegenüber erreichen.

Sie legen Ihre Figur sehr verletzlich an, so als würden Sie um Sympathie werben.

Nein, nicht um Sympathie. Es hilft, wenn ich in einer Figur etwas menschlich Begreifliches finden kann. Ich kann nicht mit Apathie spielen. Dabei geht es mir aber vor allem um Nachvollziehbarkeit. So war es mir auch möglich, in einem Film ein anderes Psychogramm von Hitler zu versuchen (Anm.: „Speer und er“, 2003). Mit einem anderen Zugang vielleicht, als es meinem wunderbaren Kollegen Bruno Ganz geglückt ist. Vielleicht auch weil er eine andere Generation war. Er hatte eine große Wut, einen Hass gegen diese Figur, für mich war die historische Distanz vielleicht schon eine andere. Ich hatte fast eine unbarmherzige Freude am Sezieren dieser kranken Seele.

Ihre Tochter Antonia hat jetzt im neuen Prochaska-Film „Il Pastore“ eine große Rolle gespielt. Wie war das für Sie?

Der Kameramann Thomas Kienast hat sie dem Regisseur Andreas Prochaska empfohlen. Für mich war das eher schwierig. Denn ich will bei der Arbeit zu den Kollegen immer eine möglichst klare Grenze ziehen. Aber dann habe ich mich ganz einfach darauf eingelassen, weil ich Prochaska vertraue. Ich konnte Antonia dabei zuschauen, wie ihre Figur immer komplexer wurde, sie immer besser. Ich weiß gar nicht, wie sie das hergestellt hat (lacht). Es war erstaunlich, welches Handwerk sie beim Schauspielen schon beherrscht. Sie hat ja vorher eher Gesang gemacht und war dafür auch in New York. Aber mittlerweile ist sie fest entschlossen, erst einmal ihr physiomedizinisches Studium abzuschließen.

Der Europäische Kulturpreis wurde Ihnen für dieses Jahr bereits zuerkannt. Welche Bedeutung hat die Romy angesichts dessen?

Die Romy ist einfach der österreichischste aller Preise, obwohl er sich gar nicht österreichisch gebärdet, und das ist das Schöne. Es ist einfach unser Preis, für die Künstler und fürs Publikum. Das beginnt schon mit dem Namen und seiner Patin und endet beim Charme dieser Veranstaltung.

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