© JULIEN BOURGEOIS

Gespräch
02/23/2021

Tindersticks: Hervorragendes Album spiegelt Desillusion

Sänger Stuart Staples erzählt im KURIER, wie die vorherrschende Gewalt und seine Wut darüber das neue Album "Distractions" prägen

von Brigitte Schokarth

Ende Mai 2020, am Wochenende nach der Tötung von George Floyd durch die Polizei von Minneapolis, die die Black-Lives-Matter-Bewegung anfachte, packte Stuart Staples die Wut. Aber anstatt selbst einen Song darüber zu schreiben, coverte der Frontmann der Tindersticks an diesem Tag „You’ll Have To Scream Louder“, einen Song der Band Television Personalities aus den 80er-Jahren.

„Zu dem Zeitpunkt waren wir eh schon zwei Monate im Lockdown gewesen“, erzählt Staples im KURIER-Interview. „Und dann kam das auch noch dazu. So als ob der Brexit, die Taten des damaligen US-Präsidenten Trump und die dieser absonderlichen Regierung, die wir zur Zeit in Großbritannien haben, noch nicht genug wären. All das hat mich an meine Jugend erinnert, als in England Margret Thatcher und in den USA Roland Reagan an der Macht waren, es auch so viel Gewalt gab und dieser Song deshalb damals so wichtig für mich war.“

Erschienen ist „You’ll Have To Scream Louder“ auf dem hervorragenden neuen Album „Distractions“. Staples akuter Wut diente der Song besser, weil Dan Treacy von den Television Personalities sich im Gegensatz zu Staples „nie scheute, Dinge naiv und direkt auszudrücken“. Im Sound setzen der 55-jährige Sänger und seine Band dabei auf hektische Rhythmen und entrückten Sprechgesang, die mehr Desillusion als Wut transportierten.

Auch in den anderen Songs setzen die Tindersticks auf Experimente mit elektronischen Rhythmen, psychedelischen Elementen und einem melancholischen, aber nicht hoffnungslosen Feeling. Und Staples widmet sich – in seiner metaphorischen Art – auch selbst den Zuständen in der Welt.

„Tue-Moi“ schrieb der seit 15 Jahren auf dem Land in Frankreich lebende Brite aus Anlass der Terror-Anschläge im Pariser Konzertsaal Bataclan im November 2015. „Ich war selbst nicht dabei. Aber ich habe dort so viele Konzerte gespielt und kenne jeden Winkel in dem Gebäude. Deshalb hat mich das sehr getroffen und ich habe es zum Anlass genommen, in dem Song in einem intimen Rahmen Leute eine Konversation haben zu lassen, die an eine höhere Bestimmung glauben und dafür gewillt sind, andere und auch sich selbst zu opfern.“

Neben dem minimalistischen, geisterhaft geflüsterten „I Imagine You“ zählt auch „Man Alone“ zu den besten Tracks von „Distractions“.

Über elf Minuten beschreibt Staples dabei die Gedanken eines einsamen Mannes, der glaubt, sich aufzulösen. Die Musik führt dabei durch eine Gefühlspalette, die von Befreiung über Langeweile und Ruhelosigkeit bis Panik reicht, während Staples Mantra-artig über hypnotischen Drumbeats gewisse Textpassagen wiederholt.

Der Song klingt wie eine Rückschau auf all die Gefühle, die Menschen weltweit während der Pandemie und dem erzwungenen Social Distancing durchmachten. „Diese Gefühle sind sicher alle eingeflossen, als ich den Song während des Lockdown fertiggemacht hatte“, sagt Staples. „Aber die Idee dafür hatte ich schon davor. Deshalb ist er – wie alle Songs des Albums, die lauter Einzelideen transportieren – keine direkte Reaktion auf die Einschränkungen, aber definitiv davon beeinflusst.“

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