© REUTERS/BRIAN SNYDER

Kritik
02/08/2021

Theaterkritik zur Super Bowl: Vater-Sohn-Konflikt um den heiligen Ball

Ein neues, radikal modernes Theaterstück in Shakespeare-Tradition: „Super Bowl LV“.

von Guido Tartarotti

Theateraufführungen sind in Corona-Zeiten selten geworden. Umso spannender war jene Inszenierung, die in der Nacht auf Montag (europäischer Zeit) in Tampa Bay, USA, stattfand und via Fernsehen in die ganze Welt übertragen wurde. „Super Bowl LV“ hieß das Stück eines anonymen Dramatikers, das trotz Überlänge – inklusive Pause mehr als vier Stunden– begeisterte.

Geboten wurde eine Art moderne Shakespeare-Bearbeitung: Der alternde König (ein gewisser Tom Brady) gegen den jungen, wilden Prinzen (Patrick Mahomes). Ein klassischer Vater-Sohn-Konflikt im Kampf um die Macht.

Bühne mit Linien

Die Geschichte spielt in einem abstrakten Einheitsbühnenbild: Eine grüne, durch parallele Linien und Ziffern gegliederte Fläche, umfasst von einem Betonoval, auf dem das Publikum Platz nahm. Die Handlung besteht nahezu ausschließlich aus der Schlacht der beiden Heere. Bemerkenswert sind die Kostüme: Die Darsteller tragen allesamt Rüstung, rot die eine Partei, weiß die andere.

Dann gibt es noch eine dritte Gruppe in schwarz-weiß gestreifter Kleidung, die durch das rituelle Werfen von gelben Tüchern ins Geschehen eingreift und in entscheidenden Momenten das Schlachtenglück wendet. Wie die Schlacht steht, wird durch Zahlen angedeutet.

Tanztheater

Geboten wird eine Art modernes Tanz- und Bewegungstheater in der Tradition von Pina Bausch, das Schlachtgeschehen wird durch das Werfen oder Tragen eines merkwürdig verformten Balles symbolisiert. Auffällig, wie präzise die Kampfszenen choreografiert wurden. Wem es gelingt, den Ball in einen extra markierten heiligen Bezirk zu befördern, der erringt einen Vorteil.

Das Stück läuft im wesentlichen ohne Text, reinpantomimisch, ab, nur ab und zu melden sich Darsteller mit weitgehend unverständlichen Schreien zu Wort.

Sexuelle Anspielungen

Sehr ungewöhnlich verläuft auch die Fernsehübertragung, in der mehrere Experten das Stück kommentierten. Bester Satz: „Er hat so einen Charismus.“ Die Kommentare sind in einer Art Geheimsprache verfasst, in der rätselhafte magische Begriffe eine Rolle spielen: Touchdown, Fumble, Interception, Stiff Arm, Pick Six, Unnecessary Roughness – offenbar sind das sexuelle Anspielungen.

Ebenfalls außergewöhnlich: Die Handlung wird immer wieder durch Werbespots unterbrochen (Rasierer, Supermärkte, Brillen, Elektrogeräte und Plattformen zur Anbahnung von Geschlechtsverkehr). Offenbar braucht das Theater dringend Geld.

In einer Art Vorspiel betreten zuerst Sänger die Bühne, die ein Lied darbieten, das entfernt an die amerikanische Hymne erinnert. Danach kommt eine Poetin, die ein Gedicht über die Helden der Corona-Pandemie verliest.

Auf den Kopf

Der erste Akt beginnt gleich mit einer hoch dramatischen Szene: Mahomes, der junge Prinz, wirft einem seiner Mitstreiter den Kampfball auf den Kopf. Hier deutet sich bereits das Unheil an: Der junge Prinz hat die scheinbar überlegene Armee, kann den alten König aber kaum in Bedrängnis bringen. Kurz darauf wird Mahomes von seinen Feinden zu Boden geworfen – eine Schlüsselszene, die im Laufe des Abends mehrmals wiederholt wird.

Im zweiten Akt wechselt öfters das Schlachtglück, mehrmals greifen die Schwarz-Weißen in die Handlung ein (unter ihnen befindet sich die einzige Darstellerin). Erstmals gelingt es den Weißen, den Ball in den Tempelbezirk zu bringen.

Die Oper

In der Pause gibt es diesmal, offenbar coronabedingt, kein Buffet, keine Lachsbrötchen oder Schokospitze, auch keinen Sekt – sondern eine moderne, komödienhaft aufgebaute Oper: Ein Tenor mit Schnurrbart entsteigt einem Auto, während Engel auf die Bühne fliegen und Kirchenchöre summen.

Danach wedeln die Engel mit den Armen, der Tenor besucht offenbar eine ganz in Gold gehaltene Douglas-Filiale in der Vorweihnachtszeit, während Außerirdische in roten Sakkos und mit leuchtenden Augen die Welt erobern und zahlreiche Geiger ein Orchester imitieren.

Auffällig: Die dünne Stimme des Tenors, eines gewissen Herrn Weeknd, der seinen Arien nicht gewachsen ist. Insgesamt ein verstörendes, offenbar sozialkritisch gemeintes Stück zeitgenössischen Musiktheaters.

Danach folgt der dritte Akt, das Aufbäumen der roten Armee des Prinzen, das mit einer Katastrophe endet: Er wirft den Kampfball zu den Gegnern, was eine Art Frevel darstellt. Der Prinz wirkt zunehmend hilflos, während der alte König, gekennzeichnet durch schwarze Kriegsbemalung, immer stärker wird.

Auf der Flucht

Im vierten Akt schließlich wird die Vernichtung und Demütigung des Prinzen dargestellt, der sich zur Flucht vor der weißen Armee wendet, aber mehrmals zu Boden gerissen wird. Am Ende triumphiert die weiße Armee des Königs, während es dem Prinzen nicht ein einziges Mal gelingt, den Ball in den heiligen Bezirk zu befördern.

Im Nachspiel wird dem König gehuldigt, der in sieben entscheidenden Schlachten gesiegt hat und der älteste König des Reiches ist, der jemals seine Macht behaupten konnte. Der Siegespreis ist ein magischer Ring.

Kurz ist die Königin zu sehen, die teilnahmslos auf einem Smartphone tippt.

Fazit: Eine packende, wenn auch ein wenig merkwürdige Inszenierung. Die nächste Aufführung ist erst in einem Jahr.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.