© Th.d Jugend/Rita Newman

Kultur
09/28/2020

Theaterintendant Birkmeir: „Ich will keinen Kotau vor Corona machen“

Thomas Birkmeir, Chef des Theaters der Jugend, über die Auswirkungen der Epidemie auf junge Menschen und seinen Hang zu Dramatisierungen

von Thomas Trenkler

Das Theater der Jugend, 1932 gegründet, sind eigentlich zwei: Bespielt werden jenes „im Zentrum“ – und das Renaissancetheater in der Neubaugasse. Im Jugendstilhaus daneben befinden sich das Abo-Büro und die Intendanz. Der Eingang sieht ziemlich grindig aus. Aber das Theater der Jugend ist nur Mieter. Und so hat Thomas Birkmeir aufgehört, sich zu ärgern.

KURIER: Junge Menschen sollen angeblich nicht so schwer an Corona erkranken, viele Infizierte würden keine Symptome haben. Was bedeutet das fürs Theater der Jugend?

Thomas Birkmeir: Es sind aber auch schon Kinder verstorben – etwa in Belgien und in London. Das bedeutet, dass wir nicht weniger Obacht geben müssen. Denn wir sind ja nicht nur ein Theater der Jugend, sondern mit vielen Produktionen auch ein Theater der Generationen. Es kommen die Eltern oder Großeltern mit, also auch Risikogruppen. Wir haben daher natürlich Sicherheitskonzepte ausgearbeitet.

In den Bundestheatern gibt es Abstandsregeln. Schüler werden aber als Einheit gesehen, auch wenn sie aus diversen Bezirken kommen. Ist das nicht problematisch?

Klassenverbände dürfen auch bei uns zusammensitzen. Das wurde von der Politik beschlossen. Und wir werden dieser Empfehlung folgen. Im Renaissance-Theater schaffen wir maximal 511 von etwa 700 Sitzplätzen. Ins kleine Haus bringen wir 170 statt etwa 220 rein.

Das Theater im Zentrum befindet sich tief unter der Erde, es gibt nur enge Gänge. Ich hätte da Spundus.

Mir sind die beengten Verhältnisse klar, aber wir erfüllen alle Auflagen – und haben im Theater im Zentrum eine neue Belüftung. Der Besuch wird natürlich mit einer größeren Hürde verbunden sein. Denn es muss einen regulierten Einlass geben, damit sich die Besuchergruppen nicht begegnen. Es gilt, Staus zu vermeiden – auch in der Pause und nach der Vorstellung. Und das wird mit Wartezeiten verbunden sein.

Sie machen in Corona-Zeiten Theaterstücke mit Pausen?

Es hat sich bei uns ein sehr erfolgreicher Erzählstil herausgebildet. Man sagt zwar, dass sich Schulkinder nicht länger als eine Stunde konzentrieren könnten. Das ist totaler Quatsch. Wenn ein Stück fesselt, sind die Kinder auch zwei Stunden voll dabei. Da braucht es eine Pause, in der man abschalten kann. Und ich will auch keinen Kotau vor Corona machen. Um in eine andere Welt einzutauchen, ist eben eine gewisse Zeitspanne nötig.

Geht Ihr Spielplan auf Corona ein?

Doch! Wir bringen zum Beispiel „Der Glöckner von Notre Dame“ und „Kaspar Hauser“. Die Unicef-Chefin hat einen globalen Bildungsnotstand ausgerufen, weil eine halbe Milliarde Kinder im letzten halben Jahr nicht mehr in die Schule gehen konnte – und nicht über die Mittel für einen Tele-Unterricht verfügt. Oder: Aufgrund der Pandemie haben Psychologen bei vielen Kindern posttraumatische Veränderungen festgestellt. Die sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche haben sich im Frühjahr vervielfacht. Die Corona-Krise hinterlässt Angst – auch bei Erwachsenen. Und wie kann man diese Angst bewältigen? Die Kinder sind da in einem weit größeren Ausmaß alleingelassen – noch dazu, wenn sie in prekären Familienverhältnissen leben.

Ein vereinsamtes Kind soll sich also „Kaspar Hauser“ anschauen, denn da geht es um ein weggesperrtes Kind, das keine Sprache hat?

Aber dieses Kind erlernt ja die Sprache! Oder der Glöckner Quasimodo, der von Frollo in Isolationshaft gehalten wird: Irgendwann kommt es zum Outburst, zu diesem Hinaustreten in die Welt. Das ist elementar – für uns alle. Wir brauchen das. Denn wir sind keine Computer, die zu Hause isoliert herumstehen.

Warum spielen Sie „Kaspar Hauser“ von Thomas Birkmeir – und nicht von Peter Handke?

Aufgrund von Corona können wir das Jugend- und Stadtabo – mit Besuchen in den großen Theaterhäusern – nicht anbieten. Wir haben daher ein Stück für die Elf- bis 14-Jährigen gebraucht. Für diese Altersgruppe wäre der Text von Handke, so sehr ich ihn liebe, nicht geeignet.

Sie beauftragen sich selbst überproportional oft. Bei drei von acht Produktionen in dieser Saison stammt die Fassung von Ihnen, bei „Frühlings Erwachen“ und „Kaspar Hauser“ führen Sie zudem Regie.

Eigentlich hätte es nur eine Birkmeir-Inszenierung geben sollen. Aber ja: Ich schreibe und produziere gerne für Kinder und Jugendliche. Und ich dürfte einiges Talent dafür haben. Denn in den letzten 20 Jahren wurden meine Stücke 80-mal nachgespielt – darunter am Thalia Theater Hamburg, Residenztheater und am Zürcher Schauspielhaus. Das ist keine schlechte Ausbeute.

Sie profitieren also davon, dass Sie sich selbst beauftragen. Denn das Theater wird von der öffentlichen Hand finanziert – und die Tantiemen bekommen Sie.

Ja. Ich halte das auch nicht für eine Schande. Es ist ja niemand gezwungen, meine Stücke nachzuspielen. Das Theater der Jugend, das eine Eigendeckung von 43 Prozent aufweist, ist durch meine Arbeit in Deutschland bekannt geworden. Und so viel kann ein Theater nicht falsch machen, wenn es eine Auslastung von 97 Prozent hat.

Fürs Schreiben und Regieführen bekommen Sie Honorare extra?

Ja. Denn das Schreiben ist eine völlig andere Tätigkeit. Wenn ich Regie führe, zahle ich mir nur die Mindestgage aus.

Warum bringen Sie hauptsächlich Dramatisierungen von Romanen, in dieser Saison „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ oder „Krieg der Welten“, und nicht echte Stücke?

Mein tiefstes Credo ist, dass eine Begegnung mit dem Kanon der Weltliteratur alles andere als schadet. Ich bedauere, dass in der Schule fast nichts mehr gelesen wird. Man lernt nur mehr, wie man eine fehlerlose Bewerbung formuliert. Aber man liest keinen „Werther“ mehr, weil man die Angst hat, dass die Jugendlichen dann Selbstmord begehen könnten. Das finde ich eine ganz schlimme Entwicklung. Daher biete ich diese Klassiker an.

Man muss Goethe nicht dramatisieren. Er hat auch für Jugendliche geeignete Dramen geschrieben.

Ja, „Stella“ vielleicht. Und den „Faust“. Hab’ ich mir schon überlegt!

Noch dazu tantiemenfrei!

Stimmt. Aber ich habe ja nicht nur Kinder aus besten Familien. Ich selber komme aus einfachen Verhältnissen und bin dem Theater zum ersten Mal mit 19 begegnet. Für mich war das eine Offenbarung. Vielleicht ist dieses Erweckungserlebnis dafür verantwortlich, dass ich Lust aufs Theater machen will.

Sie sprechen deutsch. Zehntausende Jugendliche in Wien haben aber eine andere Muttersprache. Diese Menschen grenzen Sie aus. Denn Sie machen ihnen keine Angebote.

Ich habe eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung: Ich möchte, dass die Kinder nicht in ihren Gettos bleiben – sondern sich in unserer Welt artikulieren können. Und in dieser spricht man eben deutsch.

Der KURIER berichtete, dass zwei Drittel der Volksschüler im Alltag nicht deutsch sprechen. Sie könnten Ihre Produktionen zumindest in anderen Sprachen übertiteln.

Daran habe ich noch nicht gedacht. Ich danke für die Anregung. Auch wenn ich nicht weiß, ob die nötige Lesegeschwindigkeit gegeben ist.

Intendant Thomas Birkmeir

Politik wie Publikum gleichermaßen sind mit ihm zufrieden: Birkmeir, geboren 1964 in München, kam 1994, nach seinem Studium am Max-Reinhardt-Seminar, als Hausregisseur ans  Theater  der Jugend. Seit 2002 leitet er es.

Premieren zum Saisonauftakt

„Das große Shakespeare-Abenteuer“ von Thomas Birkmeir hat am 13.10. im Renaissancetheater Premiere (ab 6). Am 20.10. startet das Theater im Zentrum mit der Dramatisierung „Der Glöckner von Notre-Dame“ (ab 11). 

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