Natalia Kawalek als moderne Carmen auf dem Autowrack.

© /Herwig Prammer

Kammeroper
03/03/2016

"Carmen" nach Bizet in einer radikalen Neufassung

Kritik."Carmen" nach Georges Bizet, radikal und klug reduziert mit einer fabelhaften Titelheldin.

von Peter Jarolin

Ein riesiges Orchester, Massen von Choristen und Statisten und dazu eine monumentale Ausstattungsschlacht – so wird Georges Bizets "Carmen" oft dem Publikum kredenzt. Doch es geht auch anders, ganz anders. Das beweist das Theater an der Wien in der Kammeroper mit einer radikal durch den Reißwolf gedrehten, dafür umso wirksameren, unter die Haut gehenden "Carmen"-Neubearbeitung.

Nur drei Musiker benötigt der geniale Arrangeur Tscho Theissing für seine Version des Opernklassikers. Ein Akkordeon (Tommaso Huber), eine Violine (Sebastian Gürtler) und ein Kontrabass (Georg Breinschmid) – fertig ist das Drama rund um Liebe, Eifersucht und Mord. Denn Theissing hat Bizet radikal auf zwei Stunden (inklusive Pause) gekürzt, bringt das Stück auf seine Essenz, lässt seine drei exzellenten Musiker jazzen, grooven und auf der Bühne mitspielen, ohne dabei die Vorlage zu verraten.

Totentanz

Alle Hits werden – wenn auch in den neuen Arrangements – hörbar, landen aber direkt im Hier und Jetzt. "Carmen" als musikalisch brillanter Totentanz der Gefühle, bei dem jedoch auch der Humor nicht zu kurz kommt. Denn Theissing spielt virtuos mit diversen melodischen Versatzstücken, ohne je ins Plakative abzugleiten. Diese "Carmen" hat ihre Berechtigung.

Auch in szenischer Hinsicht. Denn Regisseur Andreas Zimmermann verlegt das Geschehen in einen nicht näher definierten Grenzort. Ein Autowrack, eine brennende Mülltonne und (im Hintergrund) ein sich drehendes Riesenrad sind das Umfeld (Ausstattung: Patricia Walczak), in dem das auf fünf Personen reduzierte Geschehen abläuft. Carmen ist hier eine (Ostblock?-)Vorstadtschönheit, die von dem Streifenpolizisten Don José erst geschwängert, letztlich erstochen wird. Escamillo ist ein blasierter Dandy, Micaëla eine biedere Landpomeranze. Und die Figur des Zuniga (Tänzer Félix Duméril) darf bis zum Bühnen-Tod auch für Slapstick-Einlagen sorgen. Das alles ist überaus stringent, nur manchmal ein bisschen übermotiviert.

Ein Ereignis aber ist Natalia Kawalek als stimmlich wie darstellerisch (und auch optisch) ideale Carmen, die in Thomas David Birch einen sicheren Don José findet. Viktorija Bakan singt die Micaëla sehr schön; Tobias Greenhalgh fügt sich als Escamillo vokal gut ein. Jubel!

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