Kultur
18.09.2017

The National: Nach der Paartherapie ist vor dem Scheidungsanwalt

Die US-amerikanische Band verarbeitet auf ihrem neuen Album "Sleep Well Beast" stürmische Zeiten mit emotionalen Liedern.

Melancholie geht immer. Als Spezialisten in puncto Herz und Schmerz haben sich The National einen Namen gemacht: als eine US-Rocktruppe, die seit ihrem titellosen Debütalbum aus 2001 ihre Anhänger mit neuer, natürlich schön trauriger Musik versorgt.

Daran ändert "Sleep Well Beast" nichts. Das neue, siebte Studioalbum der Formation aus Ohio hält allen Erwartungen stand. Es ist fast alles so wie immer: Rätselhafte Texte voller Gefühlsverwirrungen werden mit flauschigen Moll-Akkorden und dem tiefen, grummeligen und knurrenden Bariton von Matt Berninger serviert.

Vier Jahre sind seit "Trouble Will Find Me", dem kommerziell bislang erfolgreichsten Album von The National, vergangen. Untätig blieb die Band in dieser Zeit aber nicht – es wurde getourt, gelebt und nachgedacht. Aus diesen Zutaten formte Berninger, Sänger der Band, seine Texte. Da ihm beim Schreiben seine Frau Carin Besser zur Hand ging, hat sich der Inhalt der lyrischen Frustbewältigung dezent verschoben. Und so dreht sich diesmal vieles um eheliche Konflikte, die bei zu viel Rotwein, Wodka und Marihuana zerredet werden. Es wird angeklagt, bereinigt, Realitätsflucht betrieben und endlos diskutiert. Wie anstrengend!

Bei dieser Paartherapie sieht Berninger vor lauter Problemen oft das eigentliche Problem nicht mehr. "Let's just get high enough to see our problems", schlägt er dann etwa im Song "Day I Die" vor. Dazu drängt das Schlagzeug nach vorne und lehnen sich Gitarren stürmisch auf. Die traurige aber gleichzeitig erlösende Einsicht, dass die "Ich werde mich bessern"-Schwüre im Grunde genommen nichts mehr bringen, wird in "Walk It Back" nachgereicht: "Forget it. Nothing I change changes anything", sieht Berninger ein und erkundigt sich nach einem Scheidungsanwalt, während sich eine Synthesizer-Melodie behäbig durch den Song schiebt.

Dosis

Während man bei den Texten die gewohnte Dosis Weltschmerz bekommt, hält "Sleep Well Beast" musikalische Neuerungen bereit. "Es war wichtig, dass wir neues Territorium erforschen", sagt Gitarrist Aaron Dessner. Und so werden zum breitspurigen Stadionrock, zu poppigen Moll-Tönen auch elektronische Spielereien gereicht. Stolpernde Beats und zappelige Hintergrundgeräusche aus der Konserve prägen etwa das wunderbare "Guilty Party". Beim L'amour-Hatscher "Dark Side Of The Gym" bittet hingegen eine Pedal-Steel-Gitarre um Verzeihung. Und in "Turtleneck" beschwert sich Berninger mit wütenden Gitarren über einen reichen Mann, der täglich vom Klo aus seine Botschaften sendet. Blähungen, die die Welt im Gegensatz zu "Sleep Well Beast" nicht braucht.