Kultur 11.01.2018

"The Killing of a Sacred Deer": Opfer bringen, nicht Mitleid

Nicole Kidman und Colin Farrell müssen eine Blutschuld tilgen © Bild: Alamode Film

Colin Farrell als Arzt, der eine Schuld begleichen muss.

Wenn es ein Kino der Grausamkeit gibt, dann das von Yorgos Lanthimos. Blutig, mitleidlos und sardonisch treibt der griechische Regisseur von "The Lobster" seine Figuren in rätselhafter Handlung vor sich her. Eine Operation am offenen Herzen einer Gesellschaft, die kein Mitleid mit den anderen kennt und sich selbst am meisten leid tut. Aber gerade dort, wo es an Empathie mangelt, schlägt Lanthimos zielsicher zu. Mit der Keule des griechischen Mythos bricht er in das perfekte Leben einer amerikanischen Upperclass-Familie ein: Ihr wollt euer privilegiertes Leben weiterführen? Ihr wollt reich, sicher und ungestört leben? Dann müsst ihr ein Opfer bringen. Denn ihr seid schuldig.

Schuldig

Der Schuldspruch trifft einen erfolgreichen Herzchirurgen namens Steven, der mit seiner schönen Frau und seinen beiden Kindern in einem mustergültigen Vorort lebt. Die Karriere brummt, die Familie blüht, alles perfekt – wäre da nicht dieser seltsame Teenager. Ein pickeliger Bursche namens Martin stattet Steven immer wieder Besuche ab. Die beiden führen scheinbar amikale Gespräche und tauschen Geschenke aus. Doch ein drohender Unterton schwingt mit und trübt die geölte Freundlichkeit. Langsam wird klar: Steven hatte alkoholisiert operiert, der Vater des Buben starb unter seinem Messer. Martin verlangt Gerechtigkeit in Form eines Opfers: Steven muss entscheiden, wen er in seiner Familie preisgibt, sonst sterben alle an einer unerklärlichen Krankheit. Colin Farrell spielt den bärtigen Doktor, dessen behagliches Leben plötzlich auf dem Spiel steht, wie einen emotionstoten Halbautomaten. Seine Stimme ist immer leicht erhobenen und monoton, verrät kein Gefühl, klingt aber immer präpotent: "Meine Tochter hat letzte Woche ihre erste Monatsregel bekommen", erzählt er unbeteiligten Menschen – steril, distanzlos und komisch. Kongenial dazu als seine untadelige Partnerin Nicole Kidman, die beim Sex die Lieblingsstellung ihres Mannes einnimmt (Stichwort: Vollnarkose) und früher als er ahnt,wohin die Reise geht.

Lanthimos gilt im europäischen Autorenkino als Regisseur in der Tradition von Michael Haneke – zumindest was seine beißenden Gesellschaftsbefunde und seine strenge Formsprache betrifft. In "The Killing of a Sacred Deer" jedoch treibt er die Errungenschaften der westlichen Moderne ihrem sterilen Endpunkt zu – und dem Mythos entgegen.

Blutige Augen

Die Entfesselung der griechischen Tragödie im amerikanischen Einfamilienhaus entfaltet Lanthimos mit glasklarer Präzision. Beine Versagen, Kinder kippen aus ihren Betten, Nahrung wird verweigert, Blut tropft aus den Augen. Mit drängenden Kamerafahrten wie in Kubricks "The Shining" entfaltet sich eine grimmige Moralparabel zwischen höhnischem Horror und fieser Farce. In überhellen, meist sonnenlosen, aufgeräumten Bildern taumeln die Figuren zu den wimmernden Geigen von Ligeti-Musik ihrem Opfergang zu.

Im griechischen Mythos muss Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfern. In der Erzählung von Euripides wird sie in letzter Minute gerettet, bei Lanthimos jedoch gibt es kein Erbarmen.

INFO: GB/IRL/ USA 2017. 121 Min. Von Yorgos Lanthimos. Mit Colin Farrell, Nicole Kidman.

KURIER-Wertung:

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Selbstauflösung vor Eifersucht

Eine ältere Frau hat eine Affäre mit einem jüngeren Mann – eine ungewöhnliche Konstellation für einen Film von Woody Allen. Doch kaum taucht die Stieftochter der Frau auf – sofort verliebt sich der Liebhaber in die jüngere Konkurrentin; klingt schon weit mehr nach Woody Allen.

Im Jahresrhythmus wirft Allen sein Alterswerk aus – mit Tendenz zur Unerheblichkeit. In einer synthetischen Mischung aus hochgefahrenem Theaterpathos und ironisierendem Erzählton verpasst er dabei sowohl echtes Gefühl wie befreienden Witz. Wahrhaft schön sind nur seine Bilder vom New Yorker Vergnügungspark am Strand von Coney Island in den 50er Jahren: Dort kämpft sich Kate Winslet bewunderungswürdig durch ihre undankbare Rolle als Ex-Schauspielerin mit Alk-Problem. Wie in einer Parodie auf Tennessee Williams rackert sie sich als Reserve-Blanche DuBois durch das trostlose Schicksal einer Kellnerin im Muschel-Lokal. Einzig der Badewaschel vor Ort – ein Drama-Student in Form von Justin Timberlake – erkennt ihre lyrische Seele. Allen kontrastiert seine bewusst künstlich ausgeleuchteten Innenräume mit der stimmungsstarken Atmosphäre seiner Strandszenen. Doch das Theatergepolter der streitenden Eheleute wirkt nie dringlich, sondern mechanisch. Justin Timberlakes Milchgesicht bietet Winslet kaum Paroli, Juno Temple als junge Naive bleibt bestenfalls süß. Auch dass die "ältere Frau" (40) im Angesicht der 25-jährigen als eifersüchtige Hysterikerin völlig aus dem Ruder läuft, muss man mögen. Winslet hält sich tapfer, doch ihre Figur bleibt holzschnittartig, schlampig hingeworfen von Woody Allen.

INFO: USA 2017. USA 2017. 101 Min. Von Woody Allen. Mit Kate Winslet, Justin Timberlake.

KURIER-Wertung:

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Rackert als Kellnerin in Coney Island: Kate Winslet in "Wonder Wheel" © Bild: Warner

Blick in die Zukunft der Kontrollgesellschaft

Den Blick, den die österreichische Regisseurin Ruth Mader in die nahe Zukunft wirft, ist düster: In ihrem frostig-dystopischen Krimi verwandelt sie Wien in ein kaltes Pflaster strenger Klassengegensätze. Der Gemeindebau dient als Schlafhochburg für die Unterschicht, stattliche Villen beherbergen die Großverdiener. Fritz Karl als elitärer Top-Manager gerät in die Krise, als ihm ein sinister grinsender Vertreter einer Versicherungsagentur namens "Life Guidance" seine Hilfe zur "Selbstkorrektur" anbietet. Ruth Mader entwirft in starren, streng komponierten Bildern die Vision einer inhumanen Kontrollgesellschaft – als unterkühlten und bewusst leblosen Thriller.

INFO: Ö 2917. 101 Min. Von Ruth Mader. Mit Fritz Karl, Florian Teichtmeister, Petra Morzé.

KURIER-Wertung:

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Fritz Karl soll "Selbstkorrektur" üben: "Life Guidance" © Bild: Stadtkino

Falscher Passagier im Pendlerzug

Welche Art von Mensch er sei, will eine geheimnisvolle Frau von Michael MacCauley wissen. "Schon besser gelacht!", könnte er sagen, denn er hat gerade seinen Job verloren.

Liam Neeson spielt diesen Mann, der bis zu seiner Entlassung täglich ins New Yorker Großraumbüro einer Versicherung pendelte, immer mit dem gleichen Zug. Mit der Antwort auf die zu Beginn des Films gestellt Existenzfrage lässt sich Michael Zeit – bis der Pendlerzug den Bahnhof erreicht. Dort soll er für die richtige Antwort einen Koffer voll Geld bekommen.

Zumindest hat ihm das die schöne und mysteriöse Fremde versprochen. Außerdem soll Michael eine Person finden, die nicht in den Zug gehört. Daraus ergibt sich für diesen Action-Film eine geradezu klassische Einheit von Zeit und Raum: Ohne zu wissen, für wen er arbeitet und welches Geheimnis den rätselhaften Passagier umgibt, macht sich Michael auf die Suche.

Viel Zeit hat er nicht, dafür ist der Raum – ein paar Waggons -– überschaubar. Findet er die richtige Antwort und den falschen Passagier kann er in Dollarscheinen baden. Schafft er es nicht, würde das den Tod seiner Frau und seines Sohnes bedeuten.

Nach dem von Hitchcock abgeschauten, durchaus fesselnden Beginn nimmt die Spannungskurve des handwerklich soliden Actionthrillers leider kontinuierlich ab. Man ahnt weit vor dem Ende, dass die ganze Sache kein gutes Ende nehmen wird – und ahnt sogar welches.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: GB/ USA 2018. 104 Min. Von Jaume Collet-Serra. Mit Liam Neeson, Vera Farmiga.

KURIER-Wertung:

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Vera Farmiga und Liam Neeson in "The Commuter" © Bild: Constantin
( kurier.at ) Erstellt am 11.01.2018