© Theater an der Wien/Werner Kmetitsch

Kritik
01/21/2021

"Thaïs“ im Theater an der Wien: Fest der gebrochenen Flügel

Massenets Werk in der Regie von Peter Konwitschny wurde fürs TV aufgezeichnet.

von Peter Jarolin

„Wir machen da ganz schön Dampf“, hatte Starregisseur Peter Konwitschny im Vorfeld der Premiere von Jules Massenets „Thaïs“ im Theater an der Wien im KURIER angekündigt. Doch da Premieren in Zeiten der Pandemie unmöglich sind, soll sich dieser Dampf zumindest auf DVD und im Fernsehen auf die Zuseher übertragen.

Denn der ORF und die Firma Unitel haben diese Produktion zumindest für die Nachwelt dokumentiert. Ob „Thaïs“ auch noch vor Live-Publikum (das Theater an der Wien hofft auf Ende Februar oder auf Juni) in den Tod gehen kann, ist ungewiss. Es bleibt also vorerst die Aufzeichnung, zu der einige wenige Medienvertreter (nur nach negativem Corona-Test) zugelassen waren.

Und nach Live-Ansicht der Ereignisse lässt sich sagen: Dieser vorab beschworene Dampf hat es in sich! Das liegt natürlich auch an der Regie von Peter Konwitschny, der mit dem durchaus vorhandenen Kitschfaktor des Werkes (in der Fassung von 1898) gehörig aufräumt.

Amour Fou

Worum es geht? Um die Edelkurtisane Thaïs, die im alten Alexandria allen Männern den Kopf verdreht, die der einst sexuell überaus aktive Lebemann und nunmehrige Asket Athanaël zu Gott bekehren und aus den Fängen seines einstigen Kumpels Nicias befreien will. Dumm nur, dass sich Athanaël erotisch sehr zu Thaïs hingezogen fühlt, während diese mit ihrem bisherigen Leben aber immer mehr brechen möchte. Eine „Amour Fou“, naturgemäß ohne Happy-End . . .

Und Konwitschny wäre nicht Konwitschny, würde er das nicht in all seiner Intensität und Radikalität zeigen und dabei auf unglaublich poetische, feinsinnige Bilder zurückgreifen. Ein Rundvorhang umgibt die Bühne; wenige Requisiten sind in der konzisen Ausstattung von Johannes Leiacker nötig. So gibt es einen (künstlichen) Sandhaufen, einen Catwalk, Konfetti und Lametta, ein Sofa und einen Geldregen.

Schwarze Vögel

Thaïs ist bei Konwitschny ein allmählich alternder Society-Star, die ihre Trennung von Nicias gern vor Kameras bekannt gibt, die trinkt und kokst, um ihr Elend zu übertünchen. Ihre bunten Flügel am Glitzerkleid (sehr schöne Kostüme) werden bald gebrochen sein. Wie auch jene von Athanaël und den Mönchen, die hier wie schwarze Todesvögel wirken.

Nicias wiederum führt seine Freunde im Smoking und mit weißen Flügeln an – auch er erleidet letztlich eine emotionale Bruchlandung. Aus der von Thaïs im Original so geliebten Amor-Statue hat Konwitschny einen leibhaftigen Amor (kindlich, stark und mit rotem Irokesen-Schnitt: Samuel Wegleitner) gemacht. Athanaël wird den Jungen später abknallen. Das allerdings erst, nachdem er Thaïs vergewaltigt hat. Am Ende bleibt nur die von Geldscheinen gepflasterte Dunkelheit; Thaïs verschwindet so, wie sie gekommen ist – im kalten Bühnenboden.

Drei Schwestern

Das ist in sich stringent und gigantisch gut erzählt. Denn Konwitschny zeigt, dass diese Thaïs in ihrer Tragik eine Schwester Manons (auch von Jules Massenet) oder einer Violetta Valery (Verdis „La Traviata“) ist, ein Opfer einer sexuell und monetär dominierten, rein oberflächlichen Spaßgesellschaft. Grandios!

Auch und vor allem dank der amerikanischen Sopranistin Nicole Chevalier sowie dem österreichischen Bariton Josef Wagner. Wie Nicole Chevalier ihre Thaïs gesanglich, darstellerisch und körperlich auf die Bühne bringt, ist sensationell. Hier ist eine große Singschauspielerin zu erleben. Gleiches gilt für Josef Wagner, der seinen Athanaël mit einer vokal expressiven, betörenden Ambivalenz präsentiert. Tenor Roberto Saccà ist ein guter Nicias, Carolina Lippo, Sofia Vinnik sowie Günes Gürle agieren gut.

Ein Sonderlob verdienen der Arnold Schoenberg Chor und das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien unter Dirigent Leo Hussain. Sie machen Massenets Musik – nicht nur in der berühmten „Méditation“ – plastisch und sinnlich erfahrbar. Bleibt nur zu hoffen, dass diese „Thaïs“ real noch jenen Applaus bekommt, den sie verdient.

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