© Theater an der Wien/Werner Kmetitsch

Kultur
01/16/2021

Regisseur Konwitschny: "Die Zukunft kann das am Theater nicht sein“

Theater an der Wien. Der Starregisseur im Gespräch über Huren, Heilige, Oper in Pantoffeln und Lebenssinn in Zeiten der Corona-Pandemie.

von Peter Jarolin

Frenetischer Jubel und wütende Proteste – wenn Peter Konwitschny große Oper inszeniert, lässt das niemanden kalt. Denn der deutsche Ausnahmeregisseur steht ja für ein Musiktheater, das in heutiger Optik allen Werken auf den Grund geht, humane Abgründe sichtbar macht und das Publikum zum Nachdenken anregen will.

Jetzt auch wieder im Theater an der Wien, wo Peter Konwitschny seine Interpretation von Jules Massenets selten gespielter Oper „Thaïs“ präsentiert. Aktuell geplanter Premierentermin vor Publikum ist der 26. Jänner. Sollte das Pandemie-bedingt nicht möglich sein, ist dank Unitel und ORF immerhin eine DVD beziehungsweise eine Fernsehausstrahlung geplant.

Viele Fragezeichen also. Und dennoch ist Konwitschny im KURIER-Gespräch sehr gut gelaunt. „Es geht mir gut. Wir haben uns alle sehr gefreut, dass wir wieder arbeiten dürfen. Das betrifft alle. Die Sänger, den Chor, die Musiker, einfach alle. Denn das ist unser Lebenssinn. Wir wollen nicht zu Hause sitzen. Es steht somit alles zum Besten.“

Dass Oper im Fernsehen das Live-Erlebnis kompensieren kann, sieht Konwitschny dennoch nicht. „Das TV-Programm beschult uns in der Entfremdung. Oper aus diesem Kasten und mit Pantoffeln zu sehen – das sollte eigentlich nicht sein. Das ist kein Ersatz für das Erlebnis einer geöffneten Verbindung zwischen Publikum und Bühne.“

Kein Wohlgefallen

Und auf so eine Verbindung setzt Konwitschny naturgemäß auch bei „Thaïs“. „Ich bin kein Freund des kurzen Wohlgefallens, das ist letztlich nicht lebendig.“ Jedoch wie erzählt der vielfach prämierte Künstler diese Geschichte rund um die schöne Kurtisane Thaïs, die der einstige Lebemann und nunmehrige Asket Athanaël zu Gott bekehren will? Immerhin löst dieses Unterfangen in Athanaël bald sexuelle Gelüste und wohl auch Liebe aus, wohingegen Thaïs auf ihrem Weg zu Gott letztlich in der Wüste stirbt.

Konwitschny: „Wir machen da ganz schön Dampf, da ist sehr viel los. Wir haben uns früh für die zweite Fassung aus dem Jahr 1898 entschieden, ohne die Ballette und mit einer pausenlosen Spieldauer von nur einer Stunde und 45 Minuten.“

Peter Konwitschny weiter: Inhaltlich hat mich vor allem die Wechselbeziehung zwischen Liebe und Tod interessiert – die gehören ja oft zusammen. Und dann natürlich die Frage: Wofür steht die Wüste heute? Bei uns sind das Geldscheine, mit denen Nicias, der aktuelle Liebhaber von Thaïs, und seine Gefolgschaft um sich werfen. Das ist doch auch unsere heutige emotionale Wüste. Das ist eines der größten Probleme unserer Zivilisation. Es wird in dieser Gesellschaft auch einen Catwalk geben, der den männlichen Blick auf die Frau symbolisiert. Das ewige Dilemma zwischen Hure und Heiliger – auch das ist hier drin. Und Thaïs steht für beide Projektionen.“

Voll des Lobes ist Konwitschny für seine musikalischen Mitstreiter. Denn, so der Regisseur: „Dieses Werk kann man nur spielen, wenn man exzellente Sänger zur Verfügung hat. Mit Nicole Chevalier als Thaïs, Josef Wagner als Athanaël oder Roberto Saccà als Nicias haben wird die. Dazu noch den Arnold Schoenberg Chor, dessen Mitglieder sich unfassbar gut bewegen. Ich habe einst bei Leipzig Südwest Fußball gespielt und dabei eine tolle Kollektivität erfahren. Genau wie auch jetzt.“

Großer Rückstau

In nur neun Tagen stand die Produktion; die Sänger trugen während der Proben auf eigenen Wunsch trotz obligater Tests stets ihre Masken. Konwitschny: „Die Zukunft kann das am Theater aber nicht sein.“

Stichwort Zukunft. Wie sehen Konwitschnys Pläne nach „Thaïs“ aus? „Da gibt es einen großen Rückstau. In Dortmund ist Aubers ,Die Stumme von Portici‘ fertig und in der Warteschleife. Ich hoffe, dass die noch gezeigt wird. Dann ist Bellinis ,Norma‘ in Dresden geplant, von Janáček ,Das schlaue Füchslein‘ und ,Katja Kabanowa‘. Dazu Verdis ‚Die Macht des Schicksals‘ sowie Glucks ‚Iphigenie auf Tauris‘. Und Wagners ,Ring des Nibelungen‘ wird mich bis inklusive 2025 beschäftigen.“

Und wie wird die Theaterlandschaft nach Corona dann wohl aussehen? „Ich kann eigentlich nur das Beste hoffen. Aber wie sagte Heiner Müller so schön: ,Hoffnung ist Mangel an Information‘.“

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