Kultur
18.12.2017

Tagespresse-Reporter: "Das ist schon ein Karma-Killer"

David Scheid über sein Programm, die Generation Y und die Rolle als Reporter für die "Tagespresse".

KURIER: Sie sind als Reporter Dave für die " Tagespresse"-Show auf ORFeins unterwegs. Ein Interviewer, der seine Gesprächspartner mit seiner Art fast in den Wahnsinn treibt. Wie kam es zu dieser Inszenierung?

David Scheid: Wir haben gemeinsam mit den Autoren an der Rolle gearbeitet. Es war eine Mischung aus Zach Galafinakis (US-Komiker und Brachialinterviewer, Anm.) und einem nicht so coolen Ali G. Denen von der "Tagespresse" haben meine Augenringe getaugt, die haben sich gedacht, der kann einen Bekifften gut mimen oder so. Das war der Grundstein. Es ging uns eigentlich darum, einen inkompetenten Reporter darzustellen und weniger darum, die Gesprächspartner vorzuführen.

Am Ende ist es eine Härteprobe für die Interviewten,...(holt Luft) Boah... ja.

... denn Sie kommen völlig unvorbereitet zu den Interviews, reden irgendeinen Schwachsinn und wirken, als wären Sie gerade vom Fortgehen gekommen.

Am Anfang war es hart, diese Rolle wieder abzuschütteln nach dem Dreh, wenn man eine halbe Stunde voll drin ist. Und ich glaube, da waren schon auch gröbere Dinge dabei, die dann in der Sendung gar nicht drin waren. Es ist für mein Empfinden relativ mild geraten.

Wenn Sie mit dem Interview fertig sind, ist die Stimmung wahrscheinlich relativ angespannt, könnte man sich als Zuseher vorstellen.Extrem. Und am Anfang war es so, dass wir die gar nicht aufgeklärt haben. Bei der Pilotfolge etwa. Das war richtig arg. Der Mann war fertig. Ich hoffe, dass er mittlerweile aufgeklärt wurde. Das ist schon ein Karma-Killer (lacht).

Wussten die Interviewpartner im Vorfeld schon, dass da die " Tagespresse" kommt? Oder rechneten sie mit einem seriösen Journalisten?

Nein, die wussten am Anfang nur, dass ein "neues Jugendmagazin vom ORF" zu diesem und jenem Thema ihre Meinung als Experte einfangen möchte. Erst am Tag des Drehs wurden sie gebrieft, dass der Typ, der da jetzt als Interviewer kommt, ein unfähiger, protegierter "ORF-Sohn" ist.

Was nur Insider wissen: Sie wurden ja als fiktiver Sohn von Generaldirektor Alexander Wrabetz ins Drehbuch geschrieben. Den Interviewten wurde das auch so angekündigt. Das erhöht den Druck natürlich noch einmal. Wann wurden die Interviewpartner über den Gag aufgeklärt?

Ab der Hälfte der Dreharbeiten haben wir begonnen, das direkt nach dem Interview aufzulösen. Das war dann schon immer eine Erleichterung für alle. Zum Insiderwissen kann ich nur sagen: In der letzten Folge wurde Dave zu Dave Wolf (dem fiktiven Sohn von Armin Wolf, Anm.).

Gab es bei den Interviews auch Leute, die nach dem Dreh zurückgezogen haben?

Natürlich, ja. Ich glaube, zwei oder drei wurden nicht ausgestrahlt. Teilweise, weil es der Interviewte nicht wollte – oder weil bei der "Tagespresse" ein aktuelles Special dazwischen gekommen ist.

Man merkt bei der "Tagespresse-Show" und auch Ihren Interviews stark einen Geschmacksunterschied zwischen den Generationen. Leute unter 30 finden es total witzig, die Älteren sind oft regelrecht empört.

Ich nehme es sogar ärger wahr, denn die Autoren der Tagespresse sind noch jünger als ich: Ich bin Mitte 30, die sind Mitte 20, und sogar da besteht eine Humorkluft, die wir gemeinsam überbrückt haben, um dieses Format für beide Seiten gut hinzukriegen. Dieser "Cloud Rap"-Humor ist auch ein ganz neues Level.

"Generation Y" heißt die Rubrik in der " Tagespresse Show". Auch in Ihrem Kabarettprogramm sprechen Sie über Ihre Generation. Hand aufs Herz: Was ist eigentlich das Problem der Millennials?

Man wird mit übelst schlecht bezahlten Praktika geködert. Und dann muss man sich ständig beweisen. Es ist ja nicht mehr so, dass du Schlosser lernst und das dein Leben lang machst. Ex-trem viele Berufsgruppen werden in den nächsten Jahrzehnten durch die Automatisierung wahrscheinlich verschwinden, und die jungen Leute müssen halt schauen, wie sie sich da bewähren in dieser schnellen Welt. Dazu heißt es: Am Wochenende viel in den Club gehen und den Stress wegtanzen.

Ist es wenigstens ein kleiner Triumph, dass mit Sebastian Kurz gerade ein 31-Jähriger Kanzler wird?

Der hat wahrscheinlich auch etliche Praktika hinter sich, wobei seine wahrscheinlich eher hoch dotiert waren. Vielleicht ist es ein Zeichen der Zeit: Die Leute, die Feuer unterm Hintern haben, die machen das Rennen irgendwie. Und der, der so mittreibt, geht unter. Das ist, glaube ich, ein schönes Sinnbild dafür, wie es unserer Generation geht.Du musst immer voll am Drücker sein. Wenn du das nicht bist, lebst du wahrscheinlich bis Mitte 40 in der WG, und das will der Kurz wahrscheinlich nicht.

Ihr Kabarettprogramm heißt "Remix". Sie arbeiten dort mit dem Plattenspieler und machen DJ-Einlagen, die man aus dem Hip-Hop kennt. Wie ist das Programm aufgebaut?

Das ist zur Hälfte Kabarett und zur Hälfte Jokes mit dem Turntable. Ich lege seit 15 Jahren auf, wir haben uns jahrelang getroffen und Musik produziert, wobei es uns uns nie darum ging, etwas Ernsthaftes draus zu machen. Aber als ich dann begonnen habe, mich auf Bühnen zu stellen, hab’ ich mir gedacht: Nur Reden ist fad, Instrument kann ich keins, also: Plattenspieler.

Sie sampeln zum Beispiel Fernseh-Sager oder andere Kabarettisten. Wie funktioniert das technisch? Mit eigens gepressten Platten?

Vor zehn Jahren haben wir das tatsächlich gemacht: Alle möglichen TV-Samples zusammengeschnitten und für 200 Euro pro Platte pressen lassen. Jetzt funktioniert es mit Digital DJing. Ich benutze dafür Time Code-Vinyls. Die Platte schickt einen Sinus-Ton, der Rechner rechnet das um und kann jede Musik-Datei abspielen und in Echtzeit behandeln.

Gibt es eine spezifische kabarettistische Tradition, in der Sie sich sehen?

Ich denke, ich muss eine neue Tradition aufbauen, das gab es noch nicht, dass der Hip-Hop so präsent war im Kabarett. Ich sehe mich dem Hip-Hop sehr verbunden, das ist die Musikrichtung, die ich seit meinem 15. Lebensjahr sehr liebe und die mich zum Auflegen gebracht hat. Und das ist ein wunderschönes Werkzeug, um auch lustig zu sein.

Schlagfertigkeit und Sprachgewandtheit sind wie in der Comedy auch ein fester Bestandteil der Hip-Hop-Kultur. Haben Sie selbst auch gerappt?

Ja – im privaten Kreis haben wir viele Freestyle-Battles veranstaltet. Das Prinzip ist da ja das: Am besten einen so guten Gag einbauen, dass das Gegenüber vor lauter Lachen den eigenen Reim vergisst.