Kultur
12.08.2018

Sziget 2018: Weil’s nicht nur um die Musik geht

Noch bis Dienstag dauert das Festival in Budapest – und setzt ein Statement für Liebe und Toleranz

Schachturniere, Ungarischkurse, Zirkusvorstellungen – das Sziget ist definitiv mehr als nur ein Musikfestival. Und wer das bunte Programm voll auskosten will, um möglichst viele Stempel in seinem „Passport of Love“ zu sammeln, dem kann es schon passieren, dass er das eine oder andere Konzert verpasst. Dabei kann sich das Line-up des 26. Sziget Festivals durchaus sehen und hören lassen: Kendrick Lamar, die Gorillaz und Lana Del Rey haben die Budapester Óbudai-Insel in den vergangenen Tagen bereits beehrt, bis Dienstag werden weitere Top-Acts wie Dua Lipa, Kygo oder die Arctic Monkeys erwartet. Möglich gemacht durch einen neuen Investor aus Großbritannien, der zusätzliches Geld für Gagen bereitgestellt hat.

Abseits der Main Stage locken große und kleine Bühnen mit einer Auswahl von Reggae über World Music und ungarischem Rock bis hin zu Klassik, im aus Holzpaletten erbauten „Colosseum“ legen DJs auf. Auch die österreichische Band Bilderbuch ist diese Woche am Sziget aufgetreten.

Früher sei die Musikauswahl aber noch abwechslungsreicher gewesen, erzählen Elke (49) und Andi (46) aus Wien. „Da war noch mehr Hard’n’Heavy und Rock. Auch vom Alter her war es durchmischter.“ Trotzdem kommen sie seit 15 Jahren fast jeden Sommer hierher in die ungarische Hauptstadt, „weil’s eben nicht nur um die Musik geht.“

Fragen des Lebens

So kann man zum Beispiel im chinesischen Buch von Yijing nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens suchen, in einem Persönlichkeitstest herausfinden, mit welchem Revolutionsführer man wohl am meisten Ähnlichkeit hat oder im „Magic Mirror“-Zelt einem Vortrag über „Gay Travel“ lauschen. Es gibt Ausdruckstanz, Yoga, Bungee-Jumping, Kinoabende und sogar einen kleinen Jahrmarkt, den Vörös Virstli. Und all das vor einer aufwendig dekorierten Kulisse, mit Kunstinstallationen, Girlanden und Lampen, die das Gelände am Abend stimmungsvoll beleuchten

Das Besondere auf der „ Island of Freedom“, wie die Insel von den temporären Einwohnern, den „Szitizens“ genannt wird, ist aber wohl die friedliche Atmosphäre. Und die lockt auch einige Familien mit Kindern an. „Wir können natürlich überall bunte Lampen aufhängen, aber die Stimmung hängt letztlich von den Leuten ab, die kommen“, meint Ákos Remetei Filep vom Veranstaltungsteam. Und da habe man anscheinend die richtigen erreicht, so Ákos.

Schwere Kost

Das wissen auch Gilles (27) und seine Freundin Asja (25), beide aus Belgien, zu schätzen: „Bei Festivals bei uns zu Hause geht es sehr viel stressiger zu. Die Leute hier am Sziget sind sehr entspannt“, erzählen die zwei, während sie bei einem der zahlreichen Foodtrucks auf ihr Mittagessen warten. Von Pizza und Hotdogs über vegane und glutenfreie Speisen bis hin zu Asiatischem reicht hier das Angebot. Gilles und Asja haben sich aber für eine Variante eines ungarischen Klassikers entschieden, die einen starken Magen erfordert: Lángos-Burger, gefüllt mit Rindfleisch. „Perfekt, wenn man ein paar Bier trinken will“, schmunzelt Gilles nach dem ersten Bissen.

Bezahlt wird auf dem Sziget übrigens nur noch kontaktlos, per Kreditkarte oder mit dem Festivalbändchen, das man vor Ort mit einem Guthaben aufladen kann. Heuer wurde auch ein umweltfreundliches System mit wiederverwendbaren Trinkbechern eingeführt, Plastikstrohhalme bekommt nur, wer extra danach fragt.

Fast auf dem gesamten Gelände darf gecampt werden – wer will, kann sein Zelt auch in Sicht- und Hörweite zur Main Stage aufstellen. Oder bequem in der Stadt im Hotel übernachten, wie Gilles und Asja. Eine halbe bis dreiviertel Stunde braucht man etwa vom Zentrum zum Sziget, das seit Anbeginn an ein Zeichen für Weltoffenheit, Liebe und Toleranz setzen will. Botschaften wie „No Racism“ sind überall auf dem Gelände zu lesen.

Ein großes rotes Herz markiert die sogenannte „NGO-Insel“ – einen Bereich, in dem Nichtregierungsorganisationen ihre Arbeit vorstellen können – und das in einem Land, dessen Regierung NGOs den Kampf angesagt hat. Als besonderes politisches Statement sei das nicht zu verstehen, meint Ákos. „Das sind einfach die Werte, die uns wichtig sind. Das war schon immer so am Sziget.“ Das Verhältnis zur ungarischen Regierung beschreibt er als ein „friedliches Nebeneinander“.

Nationen-Ranking

Was vor 25 Jahren als kleines Studentenfest begonnen hat, ist heute eines der größten Festivals Europas: Insgesamt eine halbe Million Besucher aus mehr als hundert Ländern erwarten die Veranstalter heuer.

Mit dem Renommee sind auch die Ticketpreise gestiegen: Der Wochenpass für 325 Euro kommt dem ungarischen Mindestlohn von umgerechnet rund 425 Euro schon recht nahe. Nach wie vor seien die Ungarn mit 30.000 bis 40.000 Besuchern aber die größte Gruppe auf dem Festival, wie Ákos erzählt: „Die Ungarn kaufen mehr Tagestickets, die ausländischen Besucher eher Wochentickets.“ Am zweitstärksten vertreten sind heuer mit rund 25.000 Besuchern zum ersten Mal die Briten – sie haben die Niederländer überholt, nachdem in diesem Jahr das Glastonbury Festival ausfällt. Bei den mehr als 35 Grad, die es die ersten Tage hier hatte, wohl eine etwas andere Festival-Erfahrung für die britischen Besucher.

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