Kultur
07.03.2018

Superorganism: Musizieren zwischen Schmutzwäsche und Cola-Dosen

Die Londoner Künstler-WG startet mit skurrilen Pop-Songs und grellbunter Optik.

"Ich sehe uns wie die Künstler um Andy Warhol", sagt Superorganism-Gitarrist Harry. "Als Kollektiv, das keine Kunstform ausschließt – halt mit einem weit geringeren Budget als in der Factory!"

Konkret sieht das so aus, in dem Haus in Ost-London, wo sieben der acht Superorganism-Mitglieder zusammenleben: Harry spielt in einem Zimmer eine Gitarre ein. Nebenan schreibt Sängerin Orono Noguchi den Text zu diesem Song, während zwei Türen weiter Produzent Tucan einen anderen abmischt. Und im Zimmer am Ende des Ganges lässt Robert Strange all das Equipment für die Produktion der Videos heiß laufen.

"All das", sagt Harry im KURIER-Interview, "passiert zwischen Schmutzwäsche, Cola-Dosen und Frühstücksflocken. Denn – anders als die Factory – ist unser Haus winzig und diese Räume sind nicht dafür reserviert, sondern unsere Schlafzimmer. Von dort schicken wir einander per E-Mail, woran wir gearbeitet haben, damit die anderen es anhören und damit weiterarbeiten können. Und dann versammeln wir uns in der Küche, um es gemeinsam zu diskutieren."

Kollagen

So ist das selbstbetitelte Debüt-Album " Superorganism" entstanden, das mit fröhlichen Alternative-Pop-Songs, die mit zu Collagen verwobenen Schnipseln von Instrumenten und Computer-Sounds arrangiert sind, frischen Wind in die Szene bringt.

Der Grund dafür, dass sich Superorganism in ihrer WG Soundfiles per Mail zuschicken, anstatt ins Nebenzimmer zu gehen, hängt mit der Entstehungsgeschichte der Band zusammen: Die Mitglieder stammen aus Japan, Neuseeland, Australien, England und Südkorea, lernten einander über das Internet kennen und erarbeiteten "Something For Your M.I.N.D." auch per Verschicken von Soundfiles. Als dieser Song im Netz Furore machte, waren sie noch nie alle in einem Raum gewesen. Noguchi war sogar noch in den USA in der Schule und zog erst nach dem Abschluss Mitte 2017 in die Londoner Superorganism-WG.

Das Internet ist auch der Grund, warum sich die Truppe als generelles Kunstprojekt und nicht als Band sieht. "Wir können mit dem Internet eine ganze Welt aus Musik, Videos und der Live-Show aufbauen. Vor 20 Jahren hätte uns das noch eine Million Dollar gekostet, jetzt kostet uns das fast nichts. Die Möglichkeiten, im Netz Kunst zu gestalten und unter die Leute zu bringen, sind faszinierend."

Was nicht heißt, dass Superorganism in ihren Texten nicht auch Kritik üben würden – etwa an den Eitelkeit, die das Netz befeuert. Aber das ist wie die Sozialkritik in anderen Texten mit Humor und Ironie verpackt.

"Natürlich reflektieren wir die Zeit, in der wir leben. Mit allem, was in den letzten Jahren politisch passiert ist, wäre es leicht, verzweifelt und mutlos zu werden. Aber darin steckt auch viel Absurdität. Wir sind Optimisten und sehen immer auch das Licht in der Dunkelheit."

Auch in Fehlern sieht das Oktett Gutes: Wie ihr Idol David Bowie, arbeiten Harry und seine Freunde sie in die musikalische Basis ein, anstatt sie zu korrigieren.

"Bowie hatte immer diesen kindlichen Ansatz, wo man Sachen passieren und sich mit sich mit dem Moment treiben lässt, so dem Unterbewusstsein Raum gibt, anstatt alles mit dem Hirn zu kontrollieren. Wir musizieren genauso: Wir gehen neugierig auf eine Reise und lassen uns überraschen, wo sie hinführt. Ich glaube dieses Verspielte ist der Grund für unseren Erfolg. Das hat in der Popmusik lange gefehlt. Es ist Eskapismus – aber die Leute brauchen das. Und wir auch."