© Theater in der Josefstadt/Sepp Gallauer

Kultur
09/06/2019

"Strudlhofstiege" in der Josefstadt: Theater um ein Gespenst

Die Dramatisierung scheitert, es gab höflichen, zurückhaltenden Applaus.

von Guido Tartarotti

Am Ende der ersten Premiere der neuen Theater-Saison stand höflicher, zurückhaltender Applaus: Das Theater in der Josefstadt ist am wagemutigen Versuch, Heimito von Doderers Monsterroman „Die Strudlhofstiege“ auf die Bühne zu bringen, mit Anstand, aber doch, gescheitert.

Das Spiel war in Wahrheit auch nicht zu gewinnen: Doderers 900 Seiten starkes Buch porträtiert anhand von verworrenen und verwirrenden Einzelschicksalen eine Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts, deren Welt durch den Ersten Weltkrieg verloren geht und die blind in den Untergang taumelt. Die noch mit erotischen Spielchen und verbalen Scharmützeln beschäftigt ist, während der Boden unter ihren Füßen längst brennt.

Kompliziert

Das zu dramatisieren ist eigentlich unmöglich – „Die Strudlhofstiege“ ist nicht nur (neben dem „Mann ohne Eigenschaften“) das große ungelesene Buch der deutschsprachigen Literatur, sondern auch der unübersichtlichste Roman Österreichs. Das Beziehungsgeflecht ist komplizierter als ein Organigramm des ORF.

So etwas auf die Bühne zu bringen, in einer Fassung, die doch deutlich weniger lang dauert als drei Tage, ist am ehesten Nicolaus Hagg zuzutrauen. Der bewährte Text-Bearbeiter – er hat die „Strudlhofstiege“ schon einmal in Reichenau dramatisiert – schaffte tatsächlich eine Fassung, die mit zweieinhalb Stunden auskommt. Merkwürdig ist die Aufteilung: 90 Minuten vor der Pause (die sich ziemlich lang anfühlen), 35 Minuten nach der Pause (die eilig vorüberhuschen).

Ein Theaterstück konnte auch Hagg aus dem Stoff nicht machen. Man sieht halt Schauspieler, die Auszüge aus einem Roman vorspielen. Janusz Kicas Inszenierung ist um Tempo bemüht, bietet aber nur eine Menschenausstellung, die ohne Rhythmuswechsel vorüberzieht.

Hagg hat dem Abend eine Klammer gegeben: Die zentrale Figur Melzer hat den Zweiten Weltkrieg überlebt und steht jetzt, die Pistole in der Hand, vor dem Selbstmord, da keine der anderen Personen mehr am Leben ist. Begleitet von der Erscheinung seines im Ersten Weltkrieg gefallenen Freundes Major Laska erinnert er sich nun an die Jahre seines Lebens.

Melzer, gespielt von Ulrich Reinthaller, erscheint wie ein Gespenst, blass und teilnahmslos taumelt er durch die Handlung. Ein verständlicher Kunstgriff – aber dadurch wird die Geschichte dem Zuschauer entrückt, man schaut nur zu, man lebt nicht mit.

Das Ensemble – stellvertretend seien hier Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré, Pauline Knof als Etelka oder Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann genannt – spielt wirklich ausgezeichnet und versucht, die zahlreichen Geschichten zum Leben zu erwecken. Der Abend hat seine Stärken im Atmosphärischen, bleibt aber dennoch ein germanistisches Proseminar mit verteilten Rollen.

Es ist genug

Ein Wort noch zur nach wie vor grassierenden Mode der Roman-Dramatisierungen am Theater: Es ist jetzt dann wirklich genug. Es hat Gründe, warum Dichter aus einem Stoff einen Roman machen und kein Theaterstück. Es gibt unendlich viele gute Stücke, die man spielen kann. Außerdem zählt es zur Aufgabe von Theatern, Stückaufträge zu vergeben.

Am kommenden Mittwoch gibt es am Volkstheater schon die nächste Dramatisierung. Wieder Doderer, diesmal die „Merowinger“.

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