© Josefstadt/Jan Frankl

Kultur
09/03/2019

Die "Strudlhofstiege" im Theater: Erinnerung als Motor

Doderers Roman, inszeniert von Janusz Kica, hat am 5.9. Premiere am Theater in der Josefstadt.

von Werner Rosenberger

Der Boom an Romanadaptionen für die Bühne ist ungebrochen. Ins Volkstheater kommt Heimito von Doderers Grotesk-Prosa „Die Merowinger“, aufbereitet von Franzobel. Die Josefstadt startet mit „Die Strudlhofstiege“, bearbeitet von Nicolaus Hagg, in die neue Saison. Am Donnerstag ist Premiere.

Eine andere Dramatisierung Haggs des 1951 erschienenen 900-Seiten-Jahrhundertromans war 2009 bei den Festspielen in Reichenau zu sehen, wobei die dekadent-luxuriöse Südbahnhotel-Ruine die Hauptrolle spielte. Außerdem kam das Gesellschaftspanorama vor und nach dem Ersten Weltkrieg als 12-teilige Serie ins Schauspielhaus.

Die 150-Minuten-Version in der Josefstadt – zugleich als ein höchst politisches Spiegelbild der heutigen Zeit angelegt – inszeniert Janusz Kica: Es ist im Haus bereits die 20. Regie-Arbeit des gebürtigen Polen.

„Er ist ein Meister der Eleganz beim Verknüpfen von Szenen, die ineinander übergreifen“, sagt der Schauspieler Ulrich Reinthaller, der in der Hauptrolle als Major Melzer zu sehen ist und schon 1987 in der TV-Verfilmung von Georg Madeja als René von Stangeler dabei war.

Und worum geht’s in dem Stück Weltliteratur mit wenig Handlung und viel Personal? Über das schon der Kritiker Hans Weigel mit leichter Bosheit schrieb: „Jetzt arbeitet Doderer an einem neuen Roman. Er handelt von einem Mann, der über die Ringstraße geht. Die ersten tausend Seiten sind schon fertig.“

Es geht in der „Strudlhofstiege“ um Menschen, die um eine Gegenwart ringen. Um Überlebende, die nicht wissen, dass ihr Überleben – zwangsläufig – in den nächsten Abgrund führt. Um eine Vergangenheit, die mehr ist als nur Vergangenheit, sagt Hagg. Und schlussendlich um die Frage: Wohin geht eine Welt, wenn sie untergeht?

„Ich hatte mit Doderer keine allzu große Umarmung, bevor ich mit der ,Strudlhofstiege’ in Berührung kam“, sagt Kica, der u. a. bereits Fjodor Dostojewskis „Die Dämonen“ und Thomas Manns „Der Zauberberg“ inszeniert hat. „Ich finde, Doderer ist ein sehr spannender Autor in seiner krankhaften Akribie. In seiner bis in den Irrsinn geführten Genauigkeit der Beschreibung.“

Doderer hatte da seine eigene Logik: „Ein Werk der Erzählkunst ist es um so mehr, je weniger man durch eine Inhaltsangabe davon eine Vorstellung geben kann.“

KURIER: Der Gesellschafts- und Großstadtroman über Wien besteht aus vielen Erzählsträngen, raffiniert verflochten, durchbrochen von Zeitsprüngen und kaum zu überblicken. Muss man da im Theater nicht scheitern?

Janusz Kica: Wenn man das Scheitern in den Arbeitsprozess einbezieht, kann man nur positiv überrascht werden. Aber wir haben uns überlegt: Wie könnte man den Roman aus heutiger Sicht kritisch hinterfragen? Das Stück lebt sehr stark von der Sprache und in der Sprache.

Wie wird aus so einem Werk Theater?

Es braucht einen Rhythmus. Nicht alle Figuren sind unbedingt ausformuliert wie sonst meist beim Drama. Es geht um eine bestimmte Sichtweise auf den Stoff. Eine der für mich gelungensten Dramatisierungen ist Dostojewskis „Schuld und Sühne“ von Andrzej Wajda: Er steigt irgendwo auf Seite 280 ein. Ihn interessiert nur die Beziehung zwischen Raskolnikow und Ermittlungsrichter Porfirij im Stück für sieben Darsteller. Er beschäftigt sich nur mit dem Spiel der beiden, aber auch mit Aspekten wie Religion, die für Dostojewski nicht unwichtig war. Das war ein radikaler Zugriff.

Wie bei der „Strudlhofstiege“?

Da haben wir mit Major Melzer eine Figur, die durchgehend anwesend ist im Roman. Bei ihm geht’s ja um die – in seinem Fall gelungene – „Menschwerdung“. Auf der anderen Seite erlebt René von Stangeler eine weniger gelungene Menschwerdung. Darauf ist alles aufgebaut.

Man hat den Eindruck, die Handlung interessiert Doderer nicht besonders.

Ja. Nicht der Plot, sondern das Detail ist wichtig. Der Schriftsteller Martin Mosebach sagt treffend: Der Roman ist wie ein Fest, bei dem sehr viel passiert und überhaupt nichts passiert. Das ist eine sehr gute Beobachtung. Wenn man gebannt in einen Sog der Geschichte kommt, dann aber gleichzeitig das Gefühl hat, dass alles nur in eine Unverbindlichkeit mündet, dann ist das schon ein Moment, wo man nachzudenken beginnen könnte.

Sie erzählen das Stück aus der Perspektive von 1945 – nicht von 1925.Ja. Im Roman heißt es: Melzer war 1942 an der Front in Russland. Da geht es zeitlich über 1924 hinaus. Das ist unsere Perspektive. Wir fragen, was gerade auch auf Spiegel Online stand: Ist Krieg in Europa wieder denkbar? Wie konnten die Intellektuellen nach dem Zerfall der Donaumonarchie im Vakuum das Feld anderen überlassen? Was führt dazu, dass man nach solchen Erfahrungen für die Wiederherstellung der Größe stimmt und bereit ist, dafür sein Leben zu opfern? Aus der Perspektive von 1945 wird noch einmal diese Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg problematisiert und beleuchtet, wie es dazu gekommen ist, dass Hitler plötzlich auf dem Heldenplatz stand.

Also das Thema „Erinnerung“?

Im Stück ist Erinnerung der Motor des Geschehens. Melzer hat jemanden, der ihn zwingt, sich zu erinnern: sein Vorbild und seine Bezugsperson Major Laska, der aus dem Totenreich kommt. Wie Vergil Dante begleitet, führt Laska Melzer durch die Zeiten. Wie sein Gewissen, wenn er durch die Begegnungen mit den Menschen geht.

Nonplusultra österreichischer Lebenshaltung nannte Hilde Spiel Doderers Werk: „Hier ist, wie in einem gewaltigen Spiegel, die letzte mürbe Reife einer jahrhundertealten Kultur eingefangen. Aber der Spiegel maskiert nur eine Tür, die ins Schloss gefallen ist.“

Bei uns sieht man die Menschen in ihrer Arroganz vor dem Krieg mit Serbien. Wo man in der Vergangenheit lebt und sich selbstverliebt in den Salons bewegt. Dann gibt es das Trauma des Krieges und die Menschen danach. Schließlich wundern wir uns hoffentlich: Wieso vergisst man das so schnell? Wieso analysiert man nicht? Wieso gibt es so viele Lügen? Und plötzlich sind auf der Bühne Menschen wie Figuren von Horvath, die nicht reflektieren, nur weiterleben. Ohne Bewusstsein für das, was kommen kann und was kommen wird. Und was gewesen ist.

Ein besonderer Zugang?

Niki Hagg hat etwas sehr Spannendes gewagt: eine Perspektivenverschiebung. Ist Erinnerung nur Verklärung? Oder kann man etwas lernen aus der Erinnerung? Wenn ich mich umschaue, habe ich das Gefühl, dass man nicht viel lernt. Wir lernen angeblich aus der Geschichte. Und dann doch nicht.

„Die Strudlhofstiege“ ist Heimito von Doderers epochaler Großstadtroman des 20. Jahrhunderts. Das Werk, das auch als der Wien-Roman par excellence gilt, beschreibt ohne eigentliche Haupthandlung Begegnungen der handelnden Personen innerhalb von etwa 15 Jahren.

Die Uraufführung der szenischen Fassung von Nicolaus Hagg in der Regie von Janusz Kica ist ab 4. 9. am Theater in der Josefstadt zu sehen, die offizielle Premiere findet am 5.9. statt. Es spielen Ulrich Reinthaller, Roman Schmelzer, Pauline Knof, Swintha Gersthofer, Martin Vischer u. a.