Ursula Strauss und Kathrin Zechner bei der Bekanntgabe der ROMY-Nominierten - wenige Tage vor dem Lockdown im März

© ORF/ORF/Roma

Interview
05/31/2020

Strauss & Zechner beglückt: „Ab Dienstag geht’s wieder los!“

Schauspielerin Ursula Strauss und ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner über die Auswirkungen der Corona-Krise aufs Filmbusiness

von Thomas Trenkler

Die Regierung übernimmt, wie kürzlich bekannt gegeben wurde, bei heimischen Filmproduktionen eine Ausfallhaftung im Ausmaß von 25 Millionen Euro. Zudem sind ab nun wieder Dreharbeiten gestattet. ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner und Ursula Strauss, kürzlich als beliebteste Schauspielerin zum fünften Mal mit einer ROMY ausgezeichnet, kommentieren im gemeinsamen Telefoninterview die laufenden Ereignisse.

KURIER: Zufrieden?

Kathrin Zechner: Das ist eine für Europa wegweisende Maßnahme, um das Drehen zu ermöglichen. Für die „safe production“-Guidelines haben wir die Unterstützung namhafter Virologen bekommen. Ich möchte mich bei allen bedanken, die in den letzten sechs Wochen diese Lösung erarbeitet haben. Ab Dienstag geht’s wieder los – das freut mich von Herzen.

Ursula Strauss: In unserem Beruf lebt man ja von der Hand in den Mund: Wir werden nur entlohnt, wenn wir arbeiten; und es gibt keine einheitliche Künstlersozialversicherung. Das merkt man in einer solchen Krisensituation deutlich. Viele Kolleginnen und Kollegen sind in Existenznot geraten. Schön, dass endlich reagiert wurde – und den Filmschaffenden das Weiterarbeiten ermöglicht wird.

Stimmt es, dass man von der Hand in den Mund leben muss? Ja, es gibt lange Stehzeiten; aber wenn man dreht, wird man doch gut bezahlt.

Strauss: Österreich ist ein kleines Filmland. Man spielt also nicht eine Hauptrolle nach der anderen. Kolleginnen und Kollegen, die in einer Krisenzeit auf Reserven zurückgreifen können, sind die Ausnahme. Und wenn man eine große Gage bekommt, gibt man die Hälfte an den Sozialstaat ab. Das ist total in Ordnung. Aber die Stehzeiten, in denen man bei laufenden Kosten gar nichts verdient, sind mitunter wirklich lang, vier Monate sind keine Seltenheit. Und die Präsenz im Fernsehen täuscht oft. Denn oft haben Kollegen nur ein oder zwei Drehtage in einem TV-Film oder einer Serienfolge.

Zechner: Hinzu kommt, dass man nur die Schauspielerinnen und Schauspieler wahrnimmt. Den wenigsten ist bewusst, wie viele Berufe noch dranhängen – Regie, Drehbuch, Kamera, Ton, Schnitt, Maske und so weiter. Ohne sie gelingt es nicht, einen Film zum Leuchten zu bringen. Und es gibt viele Beteiligte, die nur mittel oder schlecht bezahlt werden. Das kann man nur durch kontinuierliches Arbeiten ausgleichen. Stehzeiten – wie in den vergangenen Monaten – wirken sich daher enorm aus.

Haben Sie in der nächsten Woche wieder Drehtage?

Strauss: Nein, so schnell geht das nicht. Denn nach dem Go für eine Produktion starten erst die Vorarbeiten. Meine ersten Drehtage – für neue Folgen der Serie „Schnell ermittelt“ – sollen zwischen dem 29. Juni und dem 6. Juli stattfinden. Die Dreharbeiten hätten ja am 16. März beginnen sollen – genau zu Beginn des Lockdowns.

Zechner: Parallel zu den Verhandlungen mit der Regierung haben die Produzenten zusammen mit der ORF-Filmabteilung immer wieder die Drehpläne aktualisiert – das war eine sehr zeitaufwendige Arbeit. Aber dadurch kann der Neustart recht schnell erfolgen. Wir setzen zunächst Produktionen um, die abgebrochen werden mussten: neue Folgen nicht nur von „Schnell ermittelt“, sondern auch von „SoKo Kitzbühel“ ab Ende Juni und „SoKo Donau“ ab Anfang August. Hinzu kommen neue Folgen von „Die Toten vom Bodensee“ und „Die Toten von Salzburg“. Der neue „Tatort“ wird bereits ab Dienstag fertiggestellt, es fehlen nur noch acht oder neun Drehtage. Und gleich im Anschluss entsteht ein weiterer „Tatort“. Da staut es sich richtig! Die Disposition ist ziemlich gefordert!

Sie haben ausschließlich Krimis erwähnt. Produziert der ORF nur mehr solche?

Zechner: Wie Sie wissen: Nein! Aber diese Produktionen stehen eben jetzt an. Natürlich drehen wir auch – geplant ab Mitte August – die dritte Staffel von „Walking on Sunshine“. Wir planen zudem die sechste Staffel „Die Vorstadtweiber“ und – zusammen mit dem Bayrischen Rundfunk – eine Komödie über ein Black-out in einem Dorf an der deutsch-österreichischen Grenze mit dem Titel „Alles finster“.

Also fast ausschließlich Sequels. An eine wirklich neue Serie trauen Sie sich nicht?

Zechner: Es ist eine hohe Kunst, wenn auf eine Programmidee mehrere Staffeln folgen! Ja, man ist erfolgreich, wenn sich eine Qualität dann in der Quantität niederschlägt, eben durch den langen Lauf einer Serie. Aber ja: Man braucht Innovationen! Denn aus der Verwaltung von Bewährtem entsteht nichts Neues. Das Wirtschaftsministerium hat einen Drehbuchwettbewerb veranstaltet; wir waren in der Jury vertreten – und stießen auf interessante Drehbücher, eine Wissenschaftsserie von Regine Anour-Sengstschmid und einem Krimi von Stefan Wolner. Und: Wir bereiten natürlich auch neue Serien vor, etwa über eine Familientherapie mit dem Titel „Wir müssen reden“ und über „Jahrhundertfrauen“ im Stil von „Maria Theresia“, „Das Sacher“ und „Maximilian“. Da geht es derzeit um die Finanzierung, ich bin schon recht weit.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz will 75 Millionen Euro einsparen, um 2021 ausgeglichenen bilanzieren zu können. Auch Ihre Abteilung ist betroffen?

Zechner: Der gesamte ORF ist betroffen, also Radio, Fernsehen, Technik, Verwaltung… Corona-bedingt gab es in den letzten Monaten Mindereinnahmen bei der Werbung und aufgrund zusätzlicher Gebührenbefreiungen – und zugleich einen Mehraufwand im Bereich Information. Das bedeutet: Jeder von uns muss in seiner Direktion Prioritäten setzen, kann manche Entwicklungen nicht oder erst später realisieren. Im Sport können wir nicht alle Übertragungsrechte erwerben.

Das Credo sind die Abstandsregeln. Als Chefinspektorin haben Sie, Frau Strauss, zwar keine Kussszenen. Aber was ist, wenn Sie sich über eine vielleicht infizierte Leiche beugen müssen?

Strauss: Die Epidemie ist in Österreich zum Glück wunderbar bewältigt worden, weil der Shutdown so frühzeitig erfolgte. Aber ich kann noch nicht abschätzen, wie das beim Drehen sein wird. Es käme mir absurd vor, das Abstandhalten mitbedenken zu müssen. Das wäre ein Hemmschuh für die kreative Arbeit. Aber alle werden vor Drehbeginn getestet werden. Ich bin daher nicht ängstlich. Man muss vorsichtig sein, darf aber nicht hysterisch werden.

Zechner: Wenn alle im innersten Kreis einer Produktion negativ getestet sind, bleibt nur noch die Schranke im Kopf. Ich bin überzeugt, dass die Leidenschaft der Beteiligten sie überwinden wird.

Wie wird das bei Shows und Talks mit Publikum sein?

Zechner: Wir entwickeln für jede Studioproduktion, egal ob „Dancing Stars“ oder „Die Millionenshow“, ein möglichst sicheres und zugleich optisch nicht armselig wirkendes Modell. Denn wir wollen unbedingt aus der Nummer, vor leeren Rängen spielen zu müssen, rauskommen.

Konkret bei der „Millionenshow“, die ja in Deutschland aufgezeichnet wird?

Zechner: Die Kandidaten, Armin Assinger und unser Team werden in Wien getestet und fliegen am nächsten Samstag unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen nach Köln. In Deutschland ist noch kein Publikum erlaubt, daher fungieren die Begleitpersonen als Publikumsjoker.

Frau Strauss, Sie sind Präsidentin der Akademie des österreichischen Films. Auch diese leidet unter der gegenwärtigen Situation ...

Strauss: Wenn weniger Content produziert werden kann, wird es schwierig, einen Filmpreis auszurichten. Wir werden erst im Herbst wissen, ob wir genug Kinopremieren haben werden, um die Gala zu veranstalten.

Nun kann ja wieder produziert werden …

Strauss: Aber durch die Krise ist alles über den Haufen geworfen worden. Beim Produzieren von Spielfilmen gibt es derart komplexe Vorgänge, dass es nicht so einfach ist, ein Projekt um drei Monate zu verschieben. Denn Locations sind weggefallen, die Zeitpläne der Schauspieler sind durcheinander …

Was bedeutet das für Sie?

Strauss: Ich bin froh, dass ich jetzt „Schnell ermittelt“ drehen darf. Das restliche Jahr steht in den Sternen, da ein anderer Dreh, in Deutschland, ins nächste Jahr rutscht.

Sie haben uns erheitert – mit Ihrer perplexen Reaktion bei der Übergabe der ROMY.

Strauss: Ja, die Überraschung ist echt geglückt, ich wurde ordentlich reingelegt. Ich wusste wirklich nichts! Und ich war so langsam im Hirn, weil ich in dieser komischen Corona-Isolationssuppe herumgeschwommen bin, in der man vergessen hat, welcher Tag heute ist.

Sie wurden gebeten, an der Donau Ihr Programm des Festivals „Wachau in Echtzeit“ vorzustellen.

Strauss: Ich war eigentlich unwillig. Weil ich nicht verstand, dass ich schon jetzt das Programm präsentieren soll – für ein Festival, das erst am 22. Oktober mit einem Konzert von Ernst Molden und mir startet. Aber dann dachte ich, es ist ein schöner Tag – und den in der Wachau zu verbringen, ist ja nicht das Schlechteste.

Haben die Corona-Maßnahmen Auswirkungen auf „Wachau in Echtzeit“?

Strauss: Ich hoffe sehr, dass bis dahin keine zweite Welle gekommen ist. Und ich glaube, dass man besser gelernt haben wird, wie man mit Kulturveranstaltungen umgeht. Zugute kommt uns auch, dass wir keine großen Veranstaltungen machen. Ich gehe also davon aus, dass das Festival stattfinden wird. Es wäre ewig schade darum!

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