Brachte es zum Piloten und Arzt: Leonardo DiCaprio in Steven Spielbergs „Catch Me If You Can“ aus 2002  

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Bundestheater
05/12/2020

Neuer Chef bei den Bundestheatern: Fang mich, wenn du kannst

Trenkler Tratsch: Sonderbare Dokumente bestätigen Axel Spörl Doktortitel und Judentum. "Plagiatsjäger" Stefan Weber hegt größte Zweifel

von Thomas Trenkler

Dies ist eine wahre Geschichte über Lug und Trug und Dokumentenfälschung, über Intrigen und Rache, über irrwitzige Recherchen und absurde Volten. Diese Geschichte wäre ein Filmstoff – wenn der Film nicht schon von Steven Spielberg gedreht worden wäre; und auch „Catch Me If You Can“ aus 2002 mit Leonardo DiCaprio als cleverer Gauner, der sich zu Höherem berufen fühlt, basiert auf einer wahren Geschichte. Eines ist immer klar: Natürlich gilt die Unschuldsvermutung.

Axel Spörl leitet seit Mai eine Servicegesellschaft der Bundestheater. Im Zuge des Bestellungsprozesses gab er an, Doktor der Philosophie zu sein. Doch beim KURIER meldete sich ein Warner: Dem sei nicht so. Im Zuge der Recherchen stellte sich heraus, dass bereits Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek (Grüne) und Christian Kircher, Geschäftsführer der Bundestheater-Holding, informiert worden waren. Spörl selbst reagierte auf KURIER-Anfragen durchaus kooperativ.

 

Diese Geschichte, die einige Rückgriffe verlangen wird, beginnt am 7. April. Das Coronavirus hält in Atem. Um 9.15 Uhr gibt die Holding eine Personalentscheidung von Lunacek bekannt, die nicht groß hinterfragt wird. Die Aussendung trägt den Titel: „Langjähriger Geschäftsführer der GLS Austria Dr. Axel Spörl wird ART for ART Alleingeschäftsführer“, der Untertitel lautet: „Der 48-Jährige setzte sich gegen 36 MitbewerberInnen durch.“ Er folge auf Josef Kirchberger, der in Pension geht, und werde mit 4. Mai seine Arbeit aufnehmen. Dann kommt ein großes Lob von Lunacek: „Dr. Axel Spörl beeindruckt durch seine Persönlichkeit und fachliche wie soziale Kompetenz.“ Seine große Expertise und so weiter „machen ihn zum idealen Kandidaten für die Position ... “

 


Wäre Corona und das ganze Chaos nicht gewesen: Man hätte schon damals stutzig werden können. Denn die Angaben zum Lebenslauf sind dürftig: „Nach einem Doppelstudium der Informatik und Musiktheorie begann Axel Spörl 1995 seine Berufslaufbahn als IT- und Management-Berater.“ Es seien Stationen bei der Deutschen Post, bei DHL in Brüssel, der heimischen Post und schließlich beim Paketdienst GLS gefolgt. Aber: Wann und wo wurde Spörl eigentlich geboren? Wann und wo hat er studiert?

Niemand fragte nach. Doch im Hintergrund mahlten bereits die Mühlen der Rache. Stefan Weber, der Salzburger „Plagiatsjäger“, war beauftragt worden, die Dissertation von Spörl zu prüfen. Er konnte aber keinen Hinweis auf deren Existenz finden. Er kam daher am 19. Dezember 2019 zum Schluss, dass Spörl den Doktorgrad „mutmaßlich vorsätzlich unberechtigt“ führe.

„Promotionsurkunde“

Ein paar Tage nach Spörls Bestellung, am 16. April, übermittelte er Lunacek und Kircher seine Sachverhaltsdarstellung. Lunacek bat Kircher, der Sache nachzugehen, Kircher bat Spörl um einen Beweis, und Spörl übermittelte eine Kopie seiner Promotionsurkunde als Scan.

Dieser zufolge habe er am 6. Februar 1996 nach Approbation seiner Dissertation und so weiter von der Universität in Würzburg die Rechte und Privilegien eines Doktors der Philosophie verliehen bekommen.

Beigefügt war der lateinischen Urkunde eine beglaubigte Übersetzung – und die Bestätigung eines Notars, dass die Fotokopie mit der Vorlage „vollkommen“ übereinstimme. Kircher stellte fest, dass es den Notar tatsächlich gibt und hegte keine weiteren Zweifel.

Doch die Initiatoren des Gutachtens wunderten sich, dass nichts passierte. Am 29. April wurde der KURIER informiert, es folgten etliche Telefonate. Die Erzählungen deckten sich. Konnte das eine Verschwörung sein?

Die Männer verwiesen zum Beispiel auf eher widersprüchliche Angaben zum Lebenslauf. Einerseits hätte Spörl, geboren am 5. Mai 1971 in Regensburg, angegeben, die deutsche Schule in Athen abgeschlossen zu haben. Danach, von 1990 bis 1995, habe er Computerwissenschaft in Passau und Würzburg sowie Komposition und Gitarre in Passau, Regensburg und Würzburg studiert.

„Der Innviertler“

In den OÖ Nachrichten erschien jedoch am 12. September 2015 ein Porträt. Da liest man: „Spörl stammt aus Israel und wuchs in Ried im Innkreis auf, weil seine Eltern dorthin, in ihre alte Heimat, zurückkehrten. (...) Studium der Musikwissenschaften und Komposition (...) Der Innviertler wurde promoviert (...) Er studierte nebenbei Informatik (...)“

Unter den vielen Geschichten, die Spörl aufgetischt haben soll, ragt eine besonders heraus. Im Mittelpunkt steht ein Matrikenauszug der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, am 14. August 2017 auf den Namen „DI Dr.-phil Axel-Christian David Spörl“ ausgestellt. Bis zum 23. Oktober 2012 hätte diese Person die israelische Staatsbürgerschaft besessen, sie sei „mosaisch durch Geburt“. Es handelt sich dabei eindeutig, wie dem KURIER mehrfach bestätigt wurde, um eine Fälschung, erkennbar an etlichen Details.

Ihr Tratschpartner fragte also bei Spörl nach. Er antwortete, dass 2010/2011 von den Kollegen im Wirtshaus festgestellt worden sei, dass „keine Juden mehr am Tisch“ sitzen würden. Dies wollte er nicht so stehenlassen. „Ich habe gesagt: Es sitzt ein Jude am Tisch – ich. Der Satz hat seine Wirkung nicht verfehlt, aber ich habe verabsäumt, die Angelegenheit richtigzustellen.“ 2017 hätte er Symptome eines Burn-outs gehabt – und ein Kollege hätte ihn unter Druck gesetzt, weil der Beweis für sein Judentum fehlte. „Danach ist das gefälschte Dokument aufgetaucht. Ich habe keine Erinnerung daran, es fabriziert zu haben.“ Und: „Das Dokument lag nie im Original vor, sondern nur als PDF“ im elektronischen Personalakt.

„Nicht gefälscht“

Hat Spörl den Auszug gefälscht? Oder wurde er ihm untergejubelt? Ihr Tratschpartner fragte nach. Spörl antwortete: „Ich habe diesen Auszug nicht gefälscht. Aber er ist aufgetaucht.“ Auf die Frage, ob er Anzeige gegen unbekannt eingebracht habe, antwortete er, den Gedanken erwogen und verworfen zu haben: „Es hätte keine Klärung gebracht.“

Der Prokurist des Unternehmens erklärte jedoch dem KURIER: „Der gefälschte Matrikenauszug wurde aktiv von Axel Spörl an mich per E-Mail übermittelt, um in den Genuss eines zusätzlichen Feiertages (zu Jom Kippur, Anm.) zu gelangen. Dieser wurde daher von mir in unsere Personalabteilung weitergeleitet. Eine Fälschung durch Dritte ist auszuschließen. Das E-Mail, mit welchem mir der Matrikenauszug zugegangen ist, finden Sie als PDF in der Anlage.“ Triumphierend fragt Spörl: „Habe ich jetzt einen Feiertag mehr ;-)?“

Wie es weiterging mit den Recherchen zur Dissertation: Das lesen Sie morgen!

Die Bestellung 
Im April bestellte Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek (Grüne) 
Dr. Axel Spörl zum Geschäftsführer der „ART for ART“-Servicegesellschaft der Bundestheater ab Mai

Die Zweifel
„Plagiatsjäger“ Stefan Weber äußerte gegenüber Lunacek den Verdacht, dass  Spörl seinen Doktortitel zu Unrecht tragen könnte. Spörl legte daraufhin eine Kopie seiner Promotionsurkunde vor, für die Bundestheater hatte sich die Angelegenheit damit

Die Klärung
Erst aufgrund der KURIER-Recherchen geht Bundestheater-Chef Christian Kircher der Sache wirklich nach: Er ließ sich von Spörl eine Vollmacht ausstellen und fragte bei der Uni Würzburg offiziell nach. Doch es ist bereits klar: Die Würzburger Promotionsurkunden schauen anders aus

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