Aufgeben gilt nicht: Meine Tante Elfi erfreut sich an den Blumen in den Vorgärten. Ärgerlich an der Corona-Zeit ist nur, dass sie nicht in „Die grüne Hütte“ beim Prater essen gehen kann

© Thomas Trenkler

Interview
05/08/2020

NS-Zeit: "Geschlafen hab’ ich in der Kohlenkiste"

Wie meine Tante Elfi, in der NS-Zeit dienstverpflichtet zur Deutschen Erdöl AG, nach Ostern 1945 den Rückzug der Wehrmacht miterlebte.

von Thomas Trenkler

In einer Woche, am 16. Mai, wird meine Tante Elfi 96 Jahre alt. Sie lebt allein – und versorgt sich, unterstützt von ihren Nachbarn, selbst. In den letzten Wochen habe ich sie natürlich nicht in ihrer Wohnung am Rande des Praters besucht. Aber wir sind spazieren gegangen. Dabei haben wir, weil vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen ist, über die turbulente Vergangenheit geredet. Und damit über das ganz normale Schicksal einer jungen Frau, die in der NS-Zeit dienstverpflichtet wurde.

Thomas Trenkler: Du kamst mit vier Jahren von Wien ins Marchfeld. Denn dein Vater wurde Betriebsleiter einer Zuckerfabrik in Leopoldsdorf. Wie kam es denn dazu?

Elfriede Pracher: Mein Vater war Elektroingenieur bei Siemens & Halske und wurde als Leiharbeiter an die Zuckerfabrik von Leipnig-Lundenburger AG verborgt. Dann hat man ihm angeboten, die Fabrik zu leiten. Das war 1928. Manchmal nahm mich mein Vater mit in die Fabrik. Wenn mir auffällt, dass zwei Stück Würfelzucker zusammenkleben, also nicht richtig durchgeschnitten sind, denk ich mir immer: „Da hätt’ der Papa geschimpft! Das ist schlampig!“ Früher wäre das von den Frauen mit den Häubchen aussortiert worden.

Ihr habt in der Villa beim Eingangstor gewohnt. War dir als Einzelkind nicht fad?

Doch. Daher war ich so gerne im Sommer bei Toni, Lothar und deinem Vater in Reichenberg! In der Pflichtschule hatte ich eine Freundin, die Jaromira. Sie lebte in der Arbeitersiedlung. Ich war oft dort. Die Zuckerherstellung war in Tschechien viel weiter entwickelt, die Facharbeiter waren daher alles Tschechen. Ich hätte so gern Tschechisch gelernt! Aber das ist mir von meinen Eltern verboten worden: „Lern Englisch! Tschechisch brauchst du nicht!“ Weißt du, ein Tscheche war damals etwas Minderwertiges. Leider.

Warum bist dann zur Erdölindustrie gekommen?

Nach der Pflichtschule war ich auf der Handelsakademie in der Lange Gasse. Ich kam ins Internat, ins Beamtentöchterheim. Schrecklich! Der Hausarzt sagte zu meiner Mutter: „Ihre Tochter wird dort unglücklich sein!“ Aber sie hat darauf bestanden. Später hat mich Tante Marthl errettet: Ich durfte bei ihr und Onkel Manfred in der Salierigasse wohnen. Wir haben vierhändig Klavier gespielt. Und ich hatte lauter Einser. Denn ich ging auf die Hotelfachschule. Aber nur ein Jahr. Mein Vater hat es verboten. Er meinte, im Gastgewerbe würde jeder nur darauf warten, dass er mich abknutschen kann. Damals haben die Kinder machen müssen, was die Eltern wollten. Und dann, mit 19, bin ich dienstverpflichtet worden. Zuerst war ich in Leopoldsdorf am Gemeindeamt. Dann kam ich nach Gänserndorf zur, wie man heute sagen würde, Bezirkshauptmannschaft. Das war 13 Kilometer entfernt. Ich bin immer mit dem Radl gefahren, auch bei Sturm und Regen, weil es ja keine öffentlichen Verkehrsmittel gab. Aber das hat mir nix g’macht. Und dann, im November 1943, kam ich ins Erdölgebiet zur Deutschen Erdöl Aktiengesellschaft.

Was hast du dort gemacht?

Irgendwas Nichtssagendes in der Lagerverwaltung. Jetzt kann ich es ja sagen, weil mir der Hitler nichts mehr anhaben kann: Notwendig wäre ich dort nicht gewesen! Es gab so gut wie keine Arbeit.

Dort hast du auch gewohnt?

Ja, in einer Holzbaracke. Es waren schöne Baracken mit Duschen! Es gab sogar eine Gartenarchitektin. Und jeder konnte einen Liegestuhl ausfassen. Für die damalige Zeit ein komfortables Leben! Und ich korrespondierte mit einem Soldaten an der Front. Nicht nur Blabla, wir haben uns sehr gut verstanden. Wahrscheinlich hätte ich ihn geheiratet. Irgendwann hatte er Urlaub und wollte mich in Leopoldsdorf besuchen. Aber ich war bereits im Erdölfeld dienstverpflichtet. Meine Mutter sagte zu ihm: „Es kommt doch nicht infrage, dass meine Tochter einen Deutschen heiratet!“ Ich habe nie wieder was von ihm gehört.

Was geschah zu Kriegsende?

Zu Ostern ’45 war ich das letzte Mal in Leopoldsdorf. Da hörte man schon den Lärm von den Kämpfen an der Front. Damals war bereits alles vorbereitet für den Rückzug: Wir sollten vom Erdölgebiet nach Oberösterreich transferiert werden. Und ich durfte eine große Kiste mitnehmen. Die habe ich in Leopoldsdorf gepackt. Mit Wäsche für mich, mit je einer Garnitur für meine Mutter und meinen Vater. Auch Bergschuhe hab’ ich eingepackt. Ich bin ja immer so gern Bergsteigen gegangen. Und das Silberbesteck der Eltern – das war ja damals etwas: das Silberbesteck! Komisch, dass man genau daran gedacht hat. Ich habe es aber noch immer! Es wird ja nicht kaputt.

Bist du tatsächlich in Sicherheit gebracht worden?

Ja. In Andorf hatten die Deutschen bereits Holzbaracken errichtet, in denen wir arbeiten konnten. Und es waren in die Hügel Stollen gegraben worden – für das Material. Es war tatsächlich alles vorbereitet. Fast alles. Es gab keinen Ort, wo wir schlafen konnten. Ich hab’ dann glücklicherweise auf einem Bauernhof in der Nähe Quartier gefunden – in der Waschküche. Über den Waschkessel legte ich ein Tischtuch, und geschlafen hab’ ich in der Kohlenkiste. Ich bin für diese Unterkunft richtiggehend beneidet worden. Und dann waren dort die Amerikaner.

Wurde der Friede bejubelt?

Ich kann mich nicht erinnern.

Wie erging es deinen Eltern?

Die Fabrik wurde beschädigt, sie lag ja im Nahkampfgebiet. Mein Vater musste dann die Verwundeten über die Demarkationslinie ins Lazarett nach Freistadt bringen. Davor vergrub er im Garten Bettwäsche und Hausrat.

Er hat die Verwundeten weggebracht?

Schau, damals haben nur wenige Leute einen Führerschein gehabt. Mein Vater nahm einen Traktor, die Verwundeten lagen auf einem Anhänger mit Plane. Meine Mutter fuhr mit. Sie kamen nicht wieder zurück – und haben sich dort, in Freistadt, ein Quartier, mehr schlecht als recht, gesucht.

Wie lange bist du in Andorf geblieben?

Bis Anfang Jänner 1946. Dann bin ich zurück nach Neusiedl an der Zaya ins Erdölgebiet. Ich hatte auch keine Wahl: keine Wohnung, kein Elternhaus, nix. Ich blieb also bei der gleichen Firma, sie war jetzt aber unter russischer Verwaltung. Sie wurde später die ÖMV.

Hattest du Angst vor den Russen? Also, dass du vergewaltigt werden könntest?

Nein. Ich war ja nicht den gemeinen Soldaten preisgegeben. Nach dem Krieg gab es fast nichts zu essen. Aber wer bei den Russen gearbeitet hat, hat ein „Russen-Paket“ mit Lebensmittel gekriegt. Deswegen sind auch viele aus Wien zum Arbeiten gekommen.

Sind deine Eltern zurück nach Leopoldsdorf?

Nein. Die Villa war geplündert worden, das Porzellan und alles andere waren weg. Aber die Wäsche hat ein Arbeiter ausgegraben – und meinem Vater gegeben. Teilweise zumindest. Nach dem Krieg ist mein Vater leider schwer krank geworden. Er hatte Bechterew. Er kam immer wieder ins Krankenhaus und wurde gekündigt. Das war ein trauriges Zusammenspiel mit der allgemeinen Lage. Meine Eltern haben dann in Wien bei der Tant’ Marthl gewohnt. Dort war ja Hochbetrieb. Denn es waren ja auch deine Großeltern und dein Vater einquartiert.

Sie waren im Dezember 1945 aus Reichenberg geflohen.

Ja. Und wenn ich zu Besuch kam, konnte ich von den Russen Brot mitbringen und Rindfleisch. Meine Eltern haben dann eine Hausmeisterwohnung gekriegt: Zimmer, Küche, Klo am Gang. Heute würde man sagen: Furchtbar! Damals aber war das schon ein Glücksfall.

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