Stewart O’Nan schreibt leise Geschichten darüber, wie wir Menschen eben so sind

© KURIER/Franz Gruber

Stewart O’Nan
09/14/2014

Die Angst vor dem Abstieg

Autor Stewart O’Nan im Interview über die Mittelklasse und ihre Sorge, nicht mehr dazuzugehören.

von Barbara Mader

Sein Kindheitsidol war der Verlierertyp Charlie Brown. Und die Helden seiner Romane sind alte Frauen, die allein mit ihrem Hund leben ("Emily, allein"), Manager eines Red-Lobster-Restaurants am Rande der Autobahn, die den letzten Tag vor dem Zusperren ihrer Filiale bewältigen müssen ("Letzte Nacht"), und emotional wie monetär bankrotte Ehepaare, die am Spieltisch in Niagara alles auf eine Karte setzen ("Die Chance"). Stewart O’Nan erzählt von der Mittelklasse, die fürchtet, bald nicht mehr dazuzugehören.

KURIER: Ihre Helden raufen schon lange mit dem Geld. Haben Sie die Finanzkrise kommen sehen?

Stewart O’Nan: Ich stamme aus Pittsburgh. Die Geschichte der Stadt ist geprägt von der Stahlindustrie. Als die kollabierte, war die Krise da, lange, bevor sie den Rest der USA erreichte. Wir haben seit 35 Jahren kein Geld. Als die Krise den Rest der USA erreichte, sagten wir: Seht ihr, so ist das.

Ist die Mittelklasse interessanter als die High Society?

Die High Society kenne ich nicht. Aber jeder sorgt sich um Geld. Sogar Leute, die Geld haben, haben Geldsorgen.

Auch in Ihrem jüngsten Buch geht es um Geld, auch wenn "Die Chance" als Liebesgeschichte bezeichnet wird.

Geld ist der Auslöser für das Ungleichgewicht. Aber im Grunde geht es hier um Gefühle. Das ist das Schwierigste. Das mit dem Geld ist einfacher: Entweder hast du es, oder du hast es nicht.

Aber die meisten Paare streiten über Geld.

Ja, klar, auch Art und Marion. Und sie hassen einander dafür. Doch sie haben auch über die Geldfrage hinaus Dinge zu klären. Urlaub – was für eine Herausforderung für ein Paar. Plötzlich muss man miteinander auskommen. Diese beiden wissen einfach nicht, was sie miteinander anfangen sollen.

Es geht also nicht nur darum, die weniger Privilegierten sichtbar zu machen?

Nein, nicht nur. Ich will über Menschen schreiben, die wir ansonsten für nicht sehr interessant halten. Emily, etwa. Man würde das Leben einer alten Frau ja nicht unbedingt für ein sexy Thema halten. Als ich meinem Agenten sagte, ich schreibe ein Buch über eine alte Dame und ihren Hund, sagte er bloß: ok, ich rufe Steven Spielberg an (lacht).

Zurück zur Finanzkrise: Wie denken Sie, hat die Krise die US-Literatur beeinflusst?

Nun, was das Inhaltliche betrifft: Literatur folgt normalerweise gesellschaftlichen Ereignissen. Was sich aber ganz sicher geändert hat, ist das Verlagswesen. Es werden einfach nicht mehr so viele Bücher verkauft.

Wo stehen Sie im Konflikt Amazon versus Verlagsbranche?

Vor 20 Jahren, als Amazon nur einen kleinen Teil des Marktes beanspruchte, hätten die Verleger und Buchhandlungen aktiv werden sollen, aber sie konnten den Markt nicht interpretieren. Damals war das Thema: Kleiner Laden wird von großen Ketten zerstört. Es gibt heute noch Raum für kleine, gut sortierte Buchhandlungen. Aber irgendwo in der Mitte von Westvirginia gibt es das nicht. Den Lesern dort soll man nicht den Zugang zu Büchern verwehren. Ich mag die Preispolitik von Amazon nicht, allerdings auch nicht die der großen Ketten. In den USA waren wir nicht fähig, eine Buchpreisbindung zu installieren. In unserem System ist es Amazon möglich, alle zu unterbieten und auszubooten. Ein gutes Bild für die Probleme der globalen Wirtschaft im Allgemeinen.

Manche Ihrer Kollegen sprechen sich sehr energisch gegen Amazon aus, etwa John Green.

Gut. Gut für ihn. Er hat übrigens nicht gegen die Marketing-Praktiken der Firma, die seinen Film produziert hat, protestiert. Die sind nicht unbedingt besser als die von Amazon. Er hat trotzdem ihren Scheck eingelöst. Ich sage: Geh in die Bücherei, unterstütze deinen Buchhändler. Das ist das Sinnvollste.

Gehören Sie zu den Leuten, die lieber gedruckte Bücher als eBooks lesen?

Durchaus. Und gut aussehen sollen sie auch. Das ist wohl der Bourgeois in mir.

Sie haben mit 28 aufgehört, als Ingenieur zu arbeiten , und sich seither ganz dem Schreiben gewidmet. Wie kam das?

Ich komme aus einer Ingenieursfamilie, wuchs mit Apollo und Nasa auf. Ich liebte die Raumfahrt, hatte nie den Plan, Schriftsteller zu werden. Die Liebe zum Lesen brachte mich zum Schreiben.

Sie hatten damals zwei kleine Kinder und gerade ein Haus gekauft. Hatten Sie keine Angst vor dem sozialen Abstieg?

Es dauerte fünf Jahre, meinen ersten Roman zu veröffentlichen. Ich kenne die Geldsorgen meiner Protagonisten.

Virginia Woolf und Charlie Brown

Der Bücherbus
Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte Literaturwissenschaft. Die Liebe zum Lesen erwachte schon als Kind: Seine Mutter brachte ihn immer zum Bücherbus. Er liebte Charlie Brown, entdeckte mit 20 Camus, Tolstoi und Virginia Woolf. Heute verehrt er Alice Munro.

Das Hundeleben
Auf Deutsch sind 16 Romane von ihm bei Rowohlt erhältlich, u. a. „Engel im Schnee“ oder „Emily, allein“. O’Nan lebt heute mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Connecticut. Vor wenigen Wochen starb Cooper, der langjährige Familienhund, an Altersschwäche. O’Nan vermisst ihn sehr. Seit Kurzem gibt es Familienzuwachs – einen Welpen.

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