Kultur
18.09.2017

Steine rollen hier nicht mehr

Ist die Steinbildhauerei tot? Ein Blick auf eine Kunst, die der Zeitgeist scheinbar vergaß.

Das marmorne Standbild, das in Venedig am Eingang der "Punta Della Dogana" steht, macht den historischen Skulpturen der Lagunenstadt Konkurrenz. Im Museumsbau dahinter stehen weitere monumentale Figuren. Doch der Künstler Damien Hirst hat die Werke, die noch bis 3.12. zu sehen sind, von Profis mit modernster Frästechnik herstellen lassen – die Arbeit, mit eigenen Händen eine Großskulptur aus dem Stein zu schälen, tut sich heute kein Künstler mehr an. Oder?

„Wir hatten eine ähnliche Diskussion in der Malerei, dennoch gibt es viele große Maler. In der Steinbildhauerei gibt es die nicht", sagtPeter Niedertscheider. Der Osttiroler war einer der letzten, die unter Alfred Hrdlicka, dem Titanen der österreichischen Bildhauerei, studierten. Später wechselte er zu Brigitte Kowanz, die einen erweiterten Kunstbegriff förderte und selbst durch ihre Arbeit mit Licht bekannt wurde.

Helden mit Meißel

Der Generationenwechsel ließ eine Tradition, die in Österreich lange stolz hochgehalten wurde, auslaufen: Im Gefolge von Fritz Wotruba (1907 – ’75) und seiner Schüler genossen Bildhauer, die dem Stein mühsam Form abringen, lange Zeit geradezu heroischen Status.

Das Kunsthistorische Museum Wien widmet dem Vorarlberger Wotruba-SchülerHerbert Albrechtzum 90. Geburtstag ab Dienstag eine Ausstellung (bis 14.1.’18); im Katalog beklagt der Autor Walter Fink den Umstand, dass man Steinbildhauerei heute in Österreich nicht mehr studieren kann, als "heftiges Versäumnis der Bildungs- und Kulturpolitik."

Laut Roland Kollnitz, der an der Akademie der bildenden Künste Wien seit 2004 Grundlagen der Steinbearbeitung vermittelt, mangelt es nicht an Interesse am Material: Seine Lehrveranstaltung sei stets überbucht, aus allen Bereichen der Bildenden Kunst und Architektur kämen Studierende. Für viele bleibe es vorerst aber bei einem Ausflug, denn um in Stein etwas zu entwickeln, benötige es viel Konsequenz und besonders Zeit: „Das ist ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann oder leisten möchte.“

Peter Paszkiewicz gehört zu denen, die die langsame Arbeit im Dialog mit dem Stein noch praktizieren. Lange Zeit waren Bildhauersymposien wie jenes im Kärntner Krastal, das heuer sein 50-jähriges Bestehen feiert, Orte für solche Auseinandersetzungen. Doch deren große Zeit sei vorbei, sagt Paszkiewicz: "Die Länder wollen das nicht mehr finanzieren. Viele Symposien entstanden ja nach dem Krieg, man versuchte Kollegen aus dem Ostblock mitzubringen und das Miteinander abseits der Politik zu fördern. Das ist heute nicht mehr gegeben."

Eigenhändig

Paszkiewicz, der heuer die Trophäe für den "viennaARTaward" des Wiener Kunsthandels (Verleihung am 17.10.) gestaltete, ist sich im Klaren, dass eine Zeit, in der Künstler unter Präsentations- und Produktivitätszwang stehen, wenig Platz für langsames Arbeiten lässt. "Wenn man sich die manuelle Arbeit erspart, kriegt man aber einen großen Teil nicht mit", beharrt er.

Gleichwohl hat sich das Verständnis von Skulptur dahingehend verändert, dass das Werk die Körpererfahrung an den Betrachter zurückspielt. Roland Kollnitz etwa postierte zuletzt im 21erHaus eine Alustange zwischen zwei Wotruba-Skulpturen: Er ließ Besucher balancieren und klassische Positionen mit Stand- und Spielbein selbst erproben.

Dass Stein heute nicht mehr so viel Ehrfurcht gebietet, mag für Künstler befreiend sein. Peter Niedertscheider bearbeitet etwa kleine Tafeln händisch und mit Lasergravuren, als Motive dienen ihm oft Touristen vor klassischen Kunstwerken. "Das Schnelllebige ins langsame Material zu übersetzen, finde ich spannend", sagt er. Am Ende hat Stein noch alle Experimente ausgehalten – und die meisten Moden überdauert.