Burgtheaterchef Bachmann: Akademietheater zusperren? "Da wird mit Tabus gebrochen"
Stefan Bachmann, 1966 in Zürich geboren, geht in seine dritte Saison als Burgdirektor. Am Montagvormittag präsentierte er das Programmbuch für die kommende Saison.
KURIER: Im Vorwort stellt Ihr fiktiver Widerpart die Frage: „Es ist Krise überall, auch finanziell. Sollte man da nicht ein bisschen Zurückhaltung walten lassen?“ Sie antworten: „Theater ist in seinem Kern das Gegenteil von Zurückhaltung. Es zeigt Haltung.“ Es geht um Legitimation?
Stefan Bachmann: Theater ist generell eine kritische Stimme. Und Theater funktioniert so gut wie schon lange nicht mehr. Wir werden in dieser Saison um die 400.000 Zuschauer gehabt haben. Das ist eine magische Grenze. Diese Zahl wurde mitunter erreicht, als es noch mehr Sitzplätze im Burg- und Akademietheater gab. Wenn wir – es sind ja noch etwas mehr als zwei Monate bis dahin – dieses Ergebnis erreichen, dann haben wir nicht nur künstlerisch eine Bomben-Spielzeit hingelegt. Und das sagt mir: Die Menschen interessieren sich für das Theater. Es gibt ihnen eine Form von Bestätigung: Sie sind nicht alleine, und sie sehen etwas, von dem sie hundertprozentig sicher sein können, dass es echt ist.
Wiewohl das Theater ja eigentlich der Ort der Gaukler ist.
Ja, es ist lustig, dass man jetzt das Echte am Theater so hervorhebt – in Abgrenzung zu den digitalen Medien und der KI. Der Ort der Lüge wird plötzlich zum Ort der Wahrheit. Aber auch die Begegnung mit profunderen Texten führt dazu, dass sich die Burg abhebt vom Schmierentheater der Weltpolitik. Theater als ein demokratischer Begegnungsort ist sehr wichtig.
Das haben Sie sicher auch Kulturminister Andreas Babler zu erklären versucht. Wie ist die Situation?
Dazu kann ich nichts sagen, weil wir noch keine konkreten Vorgaben erhalten haben. Wir wurden nur angewiesen, verschiedene, zum Teil hanebüchene Einsparungsmodelle durchzurechnen.
Etwa, was Schließtage brächten.
Oder sogar die Schließung von Spielstätten.
Gerüchteweise steht auch das Akademietheater zur Diskussion.
Ja. Da wird mit Tabus gebrochen, auch wenn es nur theoretische Überlegungen sind. Ich bin der festen Überzeugung, die Politik wird am Ende richtig entscheiden. Denn wer möchte die Verantwortung dafür tragen, dass diese Institution nachhaltig beschädigt wird? Da bräuchte es ja dann die Rechten gar nicht mehr.
Zumindest die nächste Spielzeit ist ausfinanziert – durch die Auflösung aller Rücklagen. Daher gehen Sie noch einmal in die Vollen?
Es ist unser Auftrag. Wir brauchen ausreichend Neuproduktionen, um tagtäglich die gesetzlich vorgeschriebenen zehn Monate Programm machen zu können.
Sie starten am 16. Oktober mit „König Trump“: Er regiert, wie man im Programmheft liest, mit grausamer Willkür und führt wahnwitzige Steuern ein.
Ich halte mich an den Originaltitel von Alfred Jarry, „König Ubu“, aber wenn man Donald Trump drin sehen möchte: Warum auch nicht? Das Stück ist darüber hinaus spannend – als Aufbruch in die Moderne. Ohne Jarry gäbe es wohl keinen Dadaismus und keinen Surrealismus, die Stücke von Eugène Ionesco und Samuel Beckett wären ohne ihn nicht denkbar, auch Antonin Artaud und Thornton Wilder beziehen sich auf ihn. Es geht zudem nicht nur um den Aufstieg eines vollkommen entgrenzten, gierigen Kleinbürgers, es geht nicht nur um Machtmissbrauch, Despotismus und Tyrannei, es geht auch um die Demokratie, die tendenziell dazu bereit ist, sich selber abzuschaffen. Da kommt unsere Verantwortung ins Spiel.
Und wer darf den König spielen?
Sie wissen, dass ich ungern Namen nenne. Aber gut: Joachim Meyerhoff als Gast. An seiner Seite spielt Stefanie Reinsperger. Das ist ein tolles Clowns-Couple.
„König Ubu“ steht in Konnex mit Elfriede Jelineks Text „Unter Tieren“, der bereits bei den Salzburger Festspielen zur Uraufführung gelangt, und wohl auch mit „Macbeth“?
Ich stimme einen Spielplan nicht programmatisch aufeinander ab, er setzt sich aus vielen Überlegungen zusammen. Mir ist wichtig, in jeder Saison zum Beispiel einen Shakespeare zu haben, Barbara Frey interessiert sich für den Stoff. Aber ja: Plötzlich ergeben sich so Linien. Und dazu passt dann auch „Kyoto“ von Joe Murphy & Joe Roberts. Dieses packende, raffinierte Stück erzählt die Geschichte eines Lobbyisten, der für die großen Ölfirmen arbeitet, in den Klimakonferenzen sitzt und es immer schafft, dass irgendeine kleine Delegation gegen den Beschluss stimmt. Man merkt: Es gibt diabolische Kräfte, gegen die man nicht ankommt.
Werden wir also doch nicht noch einmal davongekommen sein?
Ja, man entkommt seiner Zeit nicht, Themen drängen sich auf, sie sind düster, aber nicht die Behandlung. „König Ubu“ ist unfassbar witzig – das Gleiche gilt für „Die Physiker“: Es droht der Weltuntergang, aber Friedrich Dürrenmatt erzählt das herrlich komisch. Ich hoffe, dass wir die richtige Mischung zwischen dem tragisch Abgründigen und dem Humorvollen finden.
Bei Ilse Aichinger wird es nicht viel zu lachen geben. Im Oktober 2025 brachte der Nestroyhof Hamakom eine Dramatisierung von „Die größere Hoffnung“ über ein jüdisches Mädchen in der NS-Zeit heraus. Nun folgt die Burg …
Die Umsetzung von Therese Willstedt im Akademietheater wird sich sicherlich unterscheiden.
Sie bringen wieder viel österreichische Literatur: Frank Castorf zertrümmert die „Strudlhofstiege“, Jan Bosse widmet sich Stefan Zweigs „Ungeduld des Herzens“, und Franui spielt im „Hotel Savoy“ von Joseph Roth auf. Als Erzähler fungiert wieder, wie bei „Holzfällen“, Nicholas Ofczarek?
Richtig geraten!
Insgesamt gibt es etwas weniger Dramatisierungen als zuletzt?
Wenn, dann war das keine bewusste Entscheidung. Aber sehr wohl geht es mir darum, junge, dramatische Stimmen zu fördern. Daher gibt es die Uraufführungen „Puls!“ von Arad Dabiri, „Furien“ von Martina Clavadetscher, „Die Geburt der Maria Theresia“ von Marie Schleef, und Sara Ostertag inszeniert „Ein schönes Ausländerkind“ von Toxische Pommes.
Es fehlt ein neues Projekt von Nils Strunk und Lukas Schrenk. Haben Sie die Sorge, dass die beiden abtrünnig werden?
Ich hab’ ihnen geraten, sich nicht zu sehr zu verschwenden. Es wäre schade, wenn der Markt alsbald Strunk-Schrenk-gesättigt wäre. Umgekehrt verstehe ich sie: Jetzt gibt es die Angebote, und die sind zu verlockend. Wir haben jedenfalls Großes mit ihnen vor – im Herbst 2027.
Strunk bleibt also im Ensemble. Gibt es gröbere Abgänge?
Robert Reinagl ist gestorben. Das Haus verlassen nur Felix Kammerer, der viel dreht, und Max Simonischek. Umgekehrt gibt es vier Neuzugänge. Sebastian Wendelin ist wieder zurück.
Die designierte Direktorin des Josefstädter Theaters hat für die Doyenne des Hauses, Marianne Nentwich, keine Verwendung. Das Burgtheater hingegen hat mit Barbara Petritsch eine neue Doyenne ...
Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass die alten Bräuche zur Einzigartigkeit der Burg beitragen. Ein Beispiel: Wenn ein Ehrenmitglied gestorben ist, tragen wir den Sarg oder die Urne ums Haus herum. Wir erweisen dem Schauspieler die letzte Ehre, aber gleichzeitig umkreisen wir den Fetisch, wir lenken den Blick auch auf das, was in der Mitte des Kreises ist: das Burgtheater. Diese Tradition hat daher – wie die Doyenne – gerade in diesen Zeiten sogar eine Schutzfunktion.
Sie folgt auf Elisabeth Orth: Am 16. April wurde die Barbara Petritsch (81) zur Doyenne der Burg ernannt
Zumal Barbara Petritsch viel spielt. Aber Michael Heltau, der Doyen?
Bleibt auch im Ensemble. Ich bin mit ihm in regem Austausch.
Sie inszenieren in der kommenden Saison nur ein Stück?
Nicht ganz. Ich mache eine Co-Produktion mit dem Residenztheater. Die wird in der nächsten Spielzeit nur in München laufen und ab Oktober 2027 bei uns.
Sie schließen Ihren Dialog mit: „Sie sind ein Träumer, Stefan Bachmann.“ Und ein Fan von Lennon?
Ich wollte mich der Frage stellen: Wo ist die neue Friedensbewegung? Warum sind die Parks nicht voller Menschen, die sich schminken und sagen, dass sie den ganzen Scheiß nicht wollen? Das ist mir irgendwie nicht gelungen, nur der John Lennon ist übrig geblieben.
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