Volksoper will "gegen den Zynismus kämpfen“ und "so sparsam wie möglich" sein
88 Prozent Auslastung seit Saisonbeginn, ein Aboplus von neun Prozent, 26 Prozent der Besucherinnen und Besucher sind unter 30 Jahre alt: Normalerweise würde die Saisonvorschau 2026/’27 der Wiener Volksoper aus diesen positiven Zahlen plus der Aufzählung der kommenden Premieren bestehen, und wäre damit auf gütliche Art auserzählt. Aber derzeit ist in der Kultur wenig normal.
Also geht es auch im Gespräch von Intendantin Lotte de Beer und Geschäftsführer Christoph Ladstätter mit dem KURIER um das Sparen.
Neu genutzt
10 Premieren gibt es kommende Saison, 12 waren es heuer. De Beer präsentiert nicht nur, mit der ihr eigenen Begeisterung, Bühnenbildentwürfe, Kostüme und jene Storys, die die Volksoper mit dem kommenden Programm erzählen will. Sie erklärt auch, dass „Ronja Räubertochter“ mit neuen Videoprojektionen im Bühnenbild der letztjährigen „Zauberflöte“ gezeigt wird (woraufhin man die beiden Werke ohne hohe Umbaukosten verschränkt spielen kann).
Dass bei vereinzelten anderen Produktionen nicht die ganze Bühnentiefe bespielt wird. Dass, wie Ladstätter ergänzt, die Volksoper „jeden Euro in jeder Abteilung umdreht, um zu schauen: Können wir hier das Angebot aufrechterhalten und zugleich Kosten reduzieren. Und können wir auch der Politik zeigen, dass wir nicht nur relevant sind, sondern auch willens, so sparsam wie möglich zu arbeiten.“
Die Premieren der Saison 2026/2027 an der Wiener Volksoper
- 20. September 2026: "Ronja Räubertochter" (UA) von Stephan Lack und Kyrre Kvam nach Astrid Lindgren – Regie: Ruth Brauer-Kvam
- 24. Oktober 2026: "Chicago" von Fred Ebb, Bob Fosse und John Kander – Regie: Lotte de Beer
- 5. Dezember 2026: "Der Opernball" von Richard Heuberger – Regie: Moritz Franz Beichl
- 16. Jänner 2027: "Masterpieces for two" von Michel Fokine / Maurice Béjart / Angelin Preljocaj / George Balanchine / Jerome Robbins – Ballettabend
- 20. Februar 2027: "Zur heißen Zitrone. Austropop in der VOP" (UA) von Jakob Semotan und Julia Edtmeier – Regie: Julia Edtmeier
- 3. März 2027: "Die sieben Todsünden / Gianni Schicchi" von Kurt Weill und Giacomo Puccini – Regie: Rachael Hewer
- 3. April 2027: "Hello, Dolly!" von Jerry Herman und Michael Stewart – Regie: Martin G. Berger
- 22. Mai 2027: "Cosí fan tutte" von Wolfgang Amadeus Mozart – Regie: Lotte de Beer
- 12. Juni 2027: "Carmen Suite" von Eno Peci und Alberto Alonso – Ballettabend
- 27. Juni 2027: "Reigen" von Philippe Boesmans durch das Opernstudio im MuTh – Regie: Annette Dasch
So rüstet sich das Haus für die budgetären Zukunftsaussichten. Ja, auch die Volksoper hat für das Kulturministerium die verlangten Szenarien durchgerechnet (gleichbleibende Subvention, minus 5 Prozent, minus 10 Prozent). Ladstätter glaubt nicht, dass es das Ziel der politischen Pläne ist, den kulturpolitischen Auftrag zu verändern und damit das Angebot zu reduzieren
Dass das Haus so viel Publikumszuspruch hat, „macht uns stark“, sagt Ladstätter. Die budgetären Umstände, die dann letztlich eintreffen, „sind aber zur Kenntnis zu nehmen“, betont der Geschäftsführer. „Das ist die Entscheidung des Eigentümers“. Eines aber zeigen die Zahlen: „Die Volksoper ist relevant und das Publikum geht unseren Weg mit uns.“
"Das ist eure Kunst"
Der Aufschrei angesichts der Spargedanken in der Kultur blieb bisher verhalten, oder? „Das ist der Kunst selbst zu verdanken“, sagt De Beer. „Manche in der Generation vor mir sagten: Spielen wir das Publikum raus. Schockieren wir sie!“ Jetzt sei man „in einer Phase, in der wir die Hand ausstrecken, in der wir sagen: Das hier geht um euch, es ist für euch.“ Man müsse dies in Erinnerung rufen, „damit Menschen nicht vergessen, dass das ihre Kunst ist. Dieses Bewusstsein ist nicht mehr selbstverständlich.“
Vielleicht daher: Wie erklärt man die Wichtigkeit dessen, was hier passiert? „Musiktheater soll alles sein“, sagt De Beer. „Es soll Eskapismus sein. Entertainment. Aber Kunst ist auch immer ein Grundlage für das Denken, für Gespräche, ein Ort, an dem man sich drei Stunden lang besinnen kann auf das Warum“. Ein Ort, an dem „man neben einem Menschen sitzt, dem man in seiner Bubble nie begegnet. Hier kriegt man zusammen im Dunkeln ein emotionelles Workout und eine Übung in Empathie. Genau das ist, was wir jeden Tag machen müssen, um eine Gesellschaft zu haben, die noch Sinn macht für uns.“
Ein Haus wie die Volksoper sei dazu da, so De Beer, „auch mal etwas zu machen, das vielleicht scheitert. Um etwas Neues auszuprobieren, um jemanden zu erreichen, den wir vielleicht vorher nicht erreicht haben, um zusammenzukommen, um eingerostete Ideen aufzuschütteln. Einander zu umarmen, um zu lachen über den Blödsinn von Heute. Und um gegen den Zynismus zu kämpfen.“
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