"Piraten von Penzance“ an der Volksoper: Briten-Gaudi im Turbomodus

Hochkomische „Piraten von Penzance“ nehmen alles aufs Korn.
Georg Leyrer
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„Ahhhh“, kreischt es aus dem Souffleurkasten.

Zu Recht!

Zu den unterschätzten Gefahren dieses Berufsstands zählt nämlich, so lernt man, das Gewand von Kaiser Franz Joseph. Der trägt in „Piraten von Penzance“ an der Volksoper Schottenrock – und wenn er an besonders engagierten Gesangslinienstellen angelangt ist, stellt er zur Betonung den Fuß auf den Souffleurkasten. Was für Aussichten, kreisch!

"Piraten von Penzance"

"Piraten von Penzance"

Wenn Sie sich an dieser Stelle fragen „häh?“, dann liegen Sie bei dieser Inszenierung goldrichtig. Die übt sich nämlich in hochkomischer, auf Turbo eingestellter Briten-Gaudi, bei der die Vernunft zum Glück an unterster Stelle steht.

Das Spymonkey-Regieduo Aitor Basauri und Toby Park liefert mit der Operette von Gilbert & Sullivan eine generalüberdrehte Gesamtbühnenpointe. Aufs Korn genommen wird alles – nicht nur, was ja leicht ist, die Oper, das macht ja jede Operette. Sondern auch Bühnenbilder, die Monarchie, die Volksoper und ihr Publikum („Die sind 80-plus, die brauchen keine Triggerwarnung“), der fade Dauerstreit über das Regietheater und, wie passend, die Unfähigkeit von Kulturführungskräften.

Man weiß nicht, wann man so viel Spaß wie in der ersten Stunde dieser Produktion hatte. Selbst über den Klamauk gibt es Klamauk.

Den Beginn macht die Begrüßung durch den neuen Volksoperndirektor, der das Haus dem woken Inszenierungsunsinn entreißen – und eine traditionelle Version der „Piraten“ auf die Bühne bringen will. Wie Marcel Mohab danach auf der Suche nach seiner Assistentin Maria Ritt (toll: Katharina Pizzera) auf die störendste Art in so gut wie jede Szene der Operette hineinlatscht, ist die hohe Kunst der Intendantenveräppelung. Wohlverhalten sieht anders aus!

"Piraten von Penzance"

"Piraten von Penzance"

Das Erstaunliche ist: Die Operette nimmt an sich ja schon alles aufs Korn. So ist Frederic (sehr witzig: Timothy Fallon) deshalb in der Piratenschule, weil seine Schweizer Nanny Ruth (phänomenal: Johanna Arrouas) ihn irrtümlich dort – statt in der Privatschule angemeldet hat. 

Die Neuinszenierung schafft es aber, auf diese generelle Freude am Unsinn überall noch eins draufzulegen. Sie zeigt, welches humoristische Unheil man mit einer Live-Übertitelungsanlage anstellen kann; der Chor singt als Polizistentruppe unter Chefbobby Stefan Cerny mit allerlei Riesenmeeresgetier am Kopf (Ausstattung: Julian Crouch); es gibt zwei schräge Urenkelinnen der Komponisten (Petra Massey und Lucy Hopkins), die nach den Gags im ersten Akt im zweiten eine „Reise ins Innere“ auf die Bühne bringen wollen („Was meint das?“ – „Meine Vagina“) und so weiter und so fort.

Und Katia Ledoux macht Späße selbst mit der Krücke, mit der sie wegen einer Verletzung den Piratenchef spielen muss.

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Unter dem Meer

Es ist eine endlose Abfolge an witzigen Ideen, die vom Ensemble mit spürbarer Freude am lustigen Grenzgang umgesetzt wird: Am Schluss ist der Kaiser (Jakob Semotan als Franz-Joseph-förmiger Generalmajor Stanley) wirklich nackt.

Sogar bis ins Orchester hinunter reichen die Gags, die junge Dirigentin Chloe Rooke am Pult erntete viel Zustimmung. Nein, ernst darf man an diesem Abend wirklich gar nichts nehmen – und das ist eine derart hochwillkommene Abwechslung zu all dem noch viel größeren Unsinn da draußen, dass man beglückt nach Hause geht, nachdem der Intendant mit der Kanone quer über die Bühne geschossen worden war – und danach alle Anwesenden entlassen hat.

"Piraten von Penzance"

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