"Der Zarewitsch" an der Volksoper: Verbotene Liebe in Kussland

So hat man Operette wohl noch nie gesehen: Handgemachter Bastelcharme und viel Liebe lädt die auf queer gedrehte Story mit Bühnenzauber auf.
Georg Leyrer
"Der Zarewitsch" an der Volksoper.

Vielleicht kann die Operette, das aus der Zeit gefallene musiktheatreale Sorgenkind von einst, doch gerettet werden, investiert man nur ein Übermaß an Fleiß und Liebe? Wer diesen Verdacht hegt, der dürfte sich vom neuen "Zarewitsch" an der Volksoper bestätigt fühlen: Hier gibt es Lehár wie aus dem, im wahrsten Sinne, Bilderbuch. 

Der niederländische Regisseur Steef de Jong bringt die Operette mit unzähligen Zeichnungen auf die Bühne, die mit handgemachtem Bastelcharme Aspekte jenen Zaubers einfangen, den das Genre wohl einst hatte. Und erzählt mit viel Begeisterung und jenem Eifer, den nur allergrößte Zuneigung ermöglicht, in einer Bilderchoreografie auf großer Leinwand die Geschichte einer verbotenen Liebe in Kussland (denn das echte Reich von Zar Putin eignet sich für diese Story weniger).

Der Nachwuchs-Zar hat es nicht so mit den Frauen! Tja nun. 

Bei Lehár verkleidet sich eine Tänzerin als Mann, um hier bühnentaugliche Abhilfe zu schaffen; in der Volksoper nun wird die Sache umgedreht: Sonja ist hier ein Mann, der auf der Bühne eine Frau spielt - und wird, in der auch schon langen Tradition des Genderswitchs, zur großen queeren Liebe des Zarensohns. Die Story um Standesdünkel und Staatsaffären wird zum Plädoyer dafür, die Liebe dort hinfallen zu lassen, wo sie wachsen kann.

"Der Zarewitsch" an der Volksoper.

Das sollte den Fans gerade der Operette eigentlich nicht fern stehen, wer aber partout nur eine klassische Operetteninszenierung streng am Buch entlang sucht, muss hier eventuell kurz gegenchecken (ja, es ist im "Zarewitsch" durchaus angelegt). Denn der Abend spielt mit allerlei weiteren Drehungen: Vier Sängerinnen und Sänger - David Kerber, Hedwig Ritter, Martin Enenkel und Juliette Khalil - spielen alle Rollen, und eigentlich spielen sie, diese zu spielen. Man befindet sich im Requisitenlager, und die Operette wird quasi in ihrer Entstehung erzählt, das Ensemble schlüpft  gleichsam vor dem Vorhang in die Rollen, und auch wieder aus diesen heraus.

Die Zeichnungen spielen die Hauptrolle

Die Hauptrolle spielen die liebevollen Tricks, die De Jong mit den Zeichnungen und zuweilen auch mit den ebenso handgemachten Papprequisiten vollzieht. Er sitzt an einem Tisch auf der Bühne, auf den er seine Illustrationen legt, von dort werden sie auf die Leinwand projiziert. Man kennt das, was dann passiert, vielleicht noch aus dem Werkunterricht: Wenn der Regisseur an diversen Papierstreifen zieht, bewegen sich Teile der Zeichnung; so fließt eine Träne auf der Wange des Zarewitsch, so zieht sich sein Mundwinkel später hoch, als er sich seiner Liebe bewusst wird.

De Jong klappt Dinge auf und zu, faltet, streicht, bewegt - und nach und nach erzählen diese Einzelbilder eine große Geschichte der Liebe. Das klingt aber weit geschäftiger, als es ist! Man ist hier nicht bei Pixar oder Disney, sondern in einer Aufführung, die sich Zeit nimmt und Raum lässt für Fantasie.

"Der Zarewitsch" an der Volksoper.

Zug fährt durch

Manches ist besonders hübsch: Ein Zug fährt quer über die Bühne, indem der Chor - der sonst die vorderen zwei Säulen an Logen füllt und von dort aus singt - eine Karton-Auf-und-Zu-Choreografie vollführt. Die glücklosen Heiratskandidatinnen werden  wie bei Tinder am Handy weggewischt (und bei einer besonders Ansprechenden wird per Fingergeste auf entscheidende Körperteile hineingezoomt).

"Der Zarewitsch" an der Volksoper.

Wie so oft bei der Operette tut man sich leichter mit dem tragischen Gehalt als mit dem lustigen, die Affärengeschichte unter dem Zarenhofpersonal, die rund um die Liebe des Thronfolgers erzählt wird, ist gediegen unterhaltsam, aber tritt gegenüber der großen Liebesstory deutlich zurück. Auch steht die Musik weniger im Vordergrund, als manchem Volksoperngeher lieb sein mag; Alfred Eschwé leitet das Orchester, das an manchen Stellen schön solistisch, an anderen emotional aufspielt, aber mehr die Rolle jener Klangkörper einnimmt, die bei diesen "Livemusik zu Film"-Abenden spielen.

Kerber singt das Wolgaulied überaus berührend, Ritter ist schön präsent; aber auch für die Stimmen gilt ähnliches: Sie fügen sich an diesem Abend in ein Gesamtkonzept, anstatt die eigentliche Hauptrolle zu spielen. 

Dieses Gesamtkonzept aber ist dermaßen einzigartig und liebevoll, dass hier die starren Regeln, die manche so gern ans Musiktheater anlegen, auf luftige Art aufgehoben werden: Dieses Ausmaß an freudvoller Ernsthaftigkeit, das hier einer Operette entgegengebracht wird,  sieht man (im Gegensatz zu Puppen auf der Bühne) selten. Wer in dem Genre das Gefühl höher hält als die Form, darf sich hier ausge-zeichnet verzaubern lassen.

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