"Der Zarewitsch"-Regisseur im Interview: Im Kopfkino läuft eine Operette

Heute hat die Lehár-Operette „Der Zarewitsch“ Premiere. Regisseur Steef de Jong über Melancholie, Minderheitenrechte und seine Märchenstory, die nicht in Russland spielt.
Live projizierte Zeichnungen prägen die Optik der „Zarewitsch“-Premiere.

„Kopfkino“, sagt Steef de Jong, „das Wort habe ich erst hier in Wien kennengelernt. So ein schönes Wort!“

In der Volksoper kann man ab heute das Kopfkino des niederländischen Regisseurs selbst besuchen: Er erweckt mit Hunderten eigenhändigen Zeichnungen, die live gefilmt und auf die Vorderbühne projiziert werden und so eine ganz eigentümliche Mischung aus Bildern und Musiktheater ergeben, die Lehár-Operette „Der Zarewitsch“ zum Leben. „Es ist nicht wie ein Film, der sich die ganze Zeit bewegt“, sagt De Jong im KURIER-Gespräch, „es gibt auch Ruhe, das Publikum kann die wunderschöne Musik hören und sich vieles selbst vorstellen. Es ist, als ob man ein Buch aufschlägt und eine Geschichte erzählt.“

„Ein Traum“

Mit diesem außergewöhnlichen Konzept, das er vor drei Jahren in Wien präsentierte, hat der Regisseur Volksopernchefin Lotte de Beer überzeugt. Dass er nun wirklich „einen ganzen Abend ,Zarewitsch’ gestalten darf“, ist für De Jong „ein Traum“. Denn das späte Lehár-Werk ist jenes, „mit dem meine Liebe zur Operette begonnen hat“, sagt er. „Ich war 21 oder 22, an der Akademie für Bildende Kunst – und dann habe ich das Wolgalied gehört, und eine Welt hat sich für mich geöffnet.“ Welche? „Das Libretto gibt am Anfang ein kleines Gefühl, dass es vielleicht von einer Liebe zwischen zwei Männern handelt, einer Liebe, die nicht sein durfte. Ich musste das damals für mich selbst entdecken, ich hatte das noch nie zuvor laut gesagt. Ich erkannte: Es gibt eine Operette aus dem Jahr 1927, und das ist meine Geschichte. Sie wurde mein Grundfeuer.“ Dieses bringt er nun in konzentrierter Form – vier Sängerinnen und Sänger, eine Stunde 45 Dauer – auf die Bühne. „Man muss ein Werk wirklich lieben und mit Liebe behandeln“, betont er.

Regisseur De Jong mit seinen Zeichnungen.

Regisseur De Jong mit seinen Zeichnungen. 

„Der Zarewitsch“ ist „eine wirkliche Wiener Operette mit sehr viel Gefühl und Melancholie und großen Liedern“. Aber auch eine ohne Happy End, ist das nicht schade gerade jetzt, wo sich alle nach ein bisschen Glück sehnen? „Ja, das Ende ist traurig“, sagt De Jong (es geht um einen Thronfolger, dessen nicht standesgemäße Liebe scheitert). „Das ist nicht, was ich eigentlich wollte. Ich bin eine hoffnungsvolle, positive Person und ich möchte das Publikum mit Hoffnung nach draußen gehen lassen.“ Wird es also optimistisch umgedeutet? „Nein, ich habe beschlossen, das Ende zu lassen, wie es ist.“ Denn „ja, wir sind im Jahr 2026“, aber die Rechte der queeren Community werden „wieder infrage gestellt. Es ist noch nicht die Zeit, dass eine Geschichte immer gut endet.“

Apropos Minderheiten: Bei ihm spielt die Story nicht in Russland, wo ja alles andere als eine liberale Gesellschaft herrscht. Er transferiert sie in eine Märchenwelt, um „ein schönes Märchen über die Liebe zu erzählen. Ja, ich habe viel Kritik, ich finde den Krieg schrecklich. Aber es geht nicht um mich, es soll kein politisches Stück sein. Wir sollen gemeinsam etwas Schönes erleben.“ Einen aktuellen Gedanken gibt er aber dem Ganzen mit: Der handgemachte Charakter mit den Zeichnungen und den Pappkulissen „ist mein stiller Protest gegen die Künstliche Intelligenz“: Man sieht „die ganze Aufführung lang, dass es Menschen sind, die das alles erschaffen“.

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