Die Wiener Staatsoper ist in einer "vollkommen verrückten Situation“

Direktor Bogdan Roščić präsentierte die Premieren der kommenden Spielzeit – und sprach über anstehende Sparszenarien.
Foto: Peter Mayr

Ginge es nach dem, was sich Bogdan Roščić von den Medien wünschen würde, stünde hier ein Text nur darüber, mit welch hohem Grad an Emotion und Geist die Oper, vor allem im Repertoiresystem, Fragen des Lebens beantwortet. Denn das ist, was bei dieser Kunstform im Zentrum steht – in den Medien, die derzeit voll sind mit unerfreulichen Führungsebenenstreits in den Kultur- und Medieninstitutionen, aber bedauerlicherweise an den Rand gedrängt wird.

Aber ach, die musiktheatralischen Antworten auf das Leben, die die Wiener Staatsoper in der Saison 2026/’27 anbieten wird, werden – siehe Kasten unten – wieder an den Rand gedrängt, und zwar von Lebensfragen der Staatsoper selbst. Diese wird nämlich, wie Roščić und Geschäftsführerin Petra Bohuslav vor einer kleinen Journalistenrunde vor der großen Publikumspräsentation am Sonntag sagten, am Ende der kommenden Saison ihre gesamten Rücklagen aufgebraucht haben. Und sie weiß immer noch nicht, mit welchen vom Kulturministerium beauftragten Sparmaßnahmen sie ab dem Jahr 2027 rechnen muss.

Das Haus ist somit in einer „vollkommen verrückten Situation“, wie Roščić sagt: Man ist zugleich wirtschaftlich so erfolgreich, wie man es noch nie in der Geschichte war, und wirtschaftlich gefährdet. 44 Millionen Euro wird man in der laufenden Saison wohl aus Kartenverkäufen lukrieren, mehr als je zuvor. Somit wird man das prognostizierte Minus, das aus den Rücklagen ausgeglichen wird, von zehn auf rund sechs Millionen Euro drücken. Für die kommende Saison ist ein Minus von 15 Millionen Euro eingepreist – und damit wären dann die Rücklagen aufgebraucht, sagt Bohuslav.

Szenarien

Dabei stehen die von der miesen Staatshaushaltslage motivierten Sparmaßnahmen im Kulturbereich erst bevor. Gut beschäftigt waren die beiden somit, Szenarien für das Kulturministerium durchzurechnen – was es hieße, würden die Subvention gleich bleiben, um fünf oder gar um zehn Prozent reduziert werden. Es seien keine substanziellen Einsparungen ohne Leistungskürzung möglich, sagt Roščić. Es geht dabei um Schließtage und, je nach Vorgabe, „radikalen“ Personalabbau. Was kommt nun? „Wir harren der Dinge“, sagt Roščić. 

Der KURIER fragte im Kulturministerium nach. „Tatsächliche Sparvorgaben gibt es noch keine, den Budgetverhandlungen kann hierbei nicht vorgegriffen werden“, hieß es. Man wolle mit Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein vorgehen. Sparen müsse man wegen „der Versäumnisse der vorherigen Bundesregierung“.

Roščić verwehrt sich dagegen, wie die Metropolitan Opera das Repertoire über weite Strecken auf wenige Hitopern zu reduzieren (das bringe keinen signifikanten Einsparungen). Es „bleibt das Repertoiresystem“, was nicht „selbstverständlich ist. Mal schauen, wie lange das bewahrt werden kann“, so Roščić. Die Staatsoper ist jedenfalls ein Repertoirehaus, das sich der „nachhaltigen Arbeit“ an den Fragen des Lebens widmet, und „keine Eventbude“, betont der Direktor. 

Auch eine Sperre der neuen Spielstätte NEST, über die „versucht wurde, Diskussionen zu beginnen“, komme nicht infrage. Allein die Idee „hat uns empört“, so Roščić, da Umbau und Betrieb privat finanziert seien.

Man erhöht die Kartenpreise um vier Prozent. Aber die beste Premierenkarte der Staatsoper ist ohnehin bei fairer Rechnung schon „die teuerste Opernkarte der Welt“, sagt Roščić – gemessen nämlich an den Lebenshaltungskosten in der Stadt. Sparen wolle man bei der Bühnen- und Kostümtochter Art for Art. 

Dass es wenige Monate nach der neuen „Ariadne“ in Salzburg auch eine neue in Wien gibt – hätte man da nicht kooperieren, also sparen können? „Unter Markus Hinterhäuser gab es keine Bereitschaft zur inhaltlichen Abstimmung“, sagt Roščić.

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