"Marie Antoinette": Umwerfender Rundgang durchs Barockmuseum

Nils Strunk und Lukas Schrenk begeistern am Schauspielhaus Salzburg mit ihrer Dramatisierung von Stefan Zweigs Biografie
Thomas Trenkler
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Im März 2024 brachten Nils Strunk und Lukas Schrenk in Wiesbaden „Ludwig XIX. – König für zwanzig Minuten“ zur Uraufführung: Die Erinnerungen von Louis Antoine de Bourbon, verheiratet mit einer Tochter von Marie Antoinette, sind eine atemberaubende Geschichtsstunde über die Französische Revolution – aus der Sicht eines Monarchen.

Ein halbes Jahr später folgte im Burgtheater die „Schachnovelle“. Und nun wagte sich das vor Ideen sprühende Duo an die Schnittmenge aus dem 18. Jahrhundert und Stefan Zweig: Sie dramatisierten dessen geradezu ausufernden Roman „Marie Antoinette“. 

Die letzten paar 100 Seiten – das halbe Jahr zwischen der Hinrichtung von Ludwig XVI. und jener der Ehefrau – verdichteten sie auf wenige Minuten. Und doch gelang ihnen am Salzburger Schauspielhaus eine grandiose, ungemein spielerische Umsetzung ganz nah an Stefan Zweig. Die drei Stunden 20 Minuten (mit Pause) verflogen bei der Premiere am Samstag geradezu, nur die „Halsbandaffäre“ geriet etwas zu lang.

Schrenk und Strunk erzählen die Geschichte der Marie Antoinette aus der Gegenwart heraus: in einem Barockschloss als Museum. Der Aufseher im beigen Kittel ist nicht sonderlich gefordert. So liest er Zweigs Biografie, „Bildnis eines mittleren Charakters“ untertitelt. 

Wer sieht sich schon gerne als gewöhnlicher Mensch? Die aufgekratzt geführte Konversation von Theo Helm mit dem Publikum wird jäh unterbrochen: von Christina Tzatzaraki als Museumsführerin, die ihrer Gruppe den Hintergrund – damit beginnt Zweig – erläutert: Damit die Habsburger sich nicht länger mit den Bourbonen bekriegen, verheiratet Maria Theresia ihre jüngste Tochter. Und schon ist man mittendrin: Schrenk und Strunk haben die Briefe sonder Zahl in echte Szenen verwandelt.

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Fabian Cabak, Elisabeth Kanettis und Alex Kapl

Aus Maria Antonia wird eine Königin geformt, wenig später kommt es zur Übergabe im Niemandsland: Das Mädchen hat ihre Vergangenheit und auch ihren Mops zurückzulassen. Diese brutale Verwandlung – Elisabeth Kanettis wird splitterfasernackt ausgezogen und neu eingekleidet – berührt ungemein.

Der Dauphin (Alex Kapl) entpuppt sich als träge und unbeholfen: Josef II. (Fabian Cabak) muss aus Wien anreisen, um den armen Tropf aufzuklären. So geht es unter anderem mit dem Zickenkrieg gegen die Gräfin Dubarry höchst amüsant weiter, untermalt mit vielen Chansons.

Fulminantes Ensemble

Zwischendurch schlendert eine Besucherin mit Audioguide durchs Bild: Bei den gesprochenen Ausführungen Zweigs muss sie herzhaft gähnen. Aber Marie Antoinette will Spaß. Und den vermittelt die Regie mit vielen Einfällen.

Irgendwann stirbt die energische Maria Theresia, aber Elisabeth Nelhiebel ist in weiteren Rollen gefordert – wie das gesamte Ensemble. Man kann gar nicht glauben, dass der Abend nur zu sechst bestritten wird. Riesiger Jubel für alle. Strunk vernahm ihn aber nicht: Er bestritt in Wien die „Schachnovelle“ ...

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